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Nachgefragt: Grenzüberschreitung

Die Autorin Juli Zeh spricht mit stern-Redakteur Stephan Draf über ihren neuen Roman "Spieltrieb".

Frau Zeh, in Ihrem Buch treiben zwei Schüler ein perfides Spiel: Das Mädchen verführt einen Lehrer, der Junge fotografiert, und der Lehrer wird mit den Bildern erpresst. Das Schlimme ist, dass die beiden auch das Leben insgesamt als schlichtes Spiel begreifen. Sind Ada und Alev Freaks oder zeittypische Jugendliche?

Ich sehe die beiden eher als Prototypen. Sie zeigen, wie junge Menschen in der Zukunft sein könnten: ohne Empfinden dafür, was gut ist und was böse. Sie wissen durchaus, was adäquat ist. Oder praktisch. Aber sie verfügen nicht über ein Bauchgefühl, das ihnen sagt: Das ist erlaubt. Und das nicht. Es wird doch schon lange darüber geredet, wie der Zerfall aller möglichen Werte die Jugend beeinflussen könnte. Nun: Das könnte das Resultat sein.

Aber woher kommt diese Geisteshaltung?

Es liegt bestimmt nicht an der gefühlskalten Scheidungsfamilie, die so gern als Erklärung herangezogen wird. Es geht mehr um ein Phänomen, das sich nicht zuletzt in der inflationären Wahrnehmung von Terror in den letzten Jahren zeigt. Nicht, dass es grenzenlose Brutalität nicht schon immer gegeben hätte, aber heute ist sie nicht mehr an Staaten oder Ideologien gekoppelt. Der heutige Terror wirkt wie das vollkommene Ausflippen von Individuen. Dazu kommt, dass verlässliche Ordnungssysteme wegfallen: Religion hat heute keine große Bedeutung mehr, und an die Politik glaubt man auch nicht. Nun ist ein alles umfassender Liberalismus da - und wir wissen nicht, wie's weitergeht. Für Menschen meiner Generation ist es normal, an einer Wegkreuzung im Leben zu fragen: "Wohin jetzt?". Aber man hört nicht mal das Echo der Frage. Geschweige denn eine Antwort.

Aber wenn es so ist, machen Ada und Alev doch alles richtig?

Sie handeln logisch. Wenn es keine Werte für alle gibt, mach ich mir meine eigenen. Nur hat das dann nichts mehr mit Moral zu tun: Eine Ein-Mann-Moral gibt es nicht. Dazu braucht man eine Gruppe.

Interview: Stephan Draf

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