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Nachruf Gernhardt: "Mein Gott, ist das beziehungsreich"

Robert Gernhardt unterschied nicht zwischen E und U, zwischen "Spaßmachern" und "Ernstmachern", wie er zu sagen pflegte - und wurde so zu einem großen Literaten. stern-Redakteur Rolf Dieckmann verabschiedet einen Freund.

Loriot hat nicht eine Sekunde nachgedacht. Robert Gernhardt, sagte er, als hätte er sich schon seit Wochen auf meine Frage vorbereitet, wer denn sein Wunschpartner bei einem stern-Gespräch anlässlich seines siebzigsten Geburtstages sei. Ich war hocherfreut, da ich Robert Gernhardt schon mehrmals begegnet und von ihm vom ersten Augenblick an fasziniert war. Groß und gewichtig mit wachen Augen und einem hintergründigen Lächeln im Gesicht. Aber vor allem faszinierte mich seine Art zu sprechen. Jeder Satz druckreif. Sätze so ausformuliert, als hätte er Tage darüber nachgedacht.

Um genau zu sein, war ich - ohne ihn zu kennen - bereits dreißig Jahre früher von ihm fasziniert. Da erschien plötzlich ein Blatt auf dem Markt, dass sich „pardon“ nannte, einen Teufel als Markenzeichen und vor nichts und niemandem Respekt hatte. Kaum eine Ausgabe, die nicht einen Skandal provozierte, weil es für die Autoren und Zeichner kein Tabu gab. Das war neu in der Republik, fünf Jahre vor der "68-Revolution". Neu war allerdings auch die Form des Humors, eine Disziplin die zwischen Tief- und Flachsinn schwankte.

Rilke, Hölderlin, Heine

"Man kann ernsthaft komische Zusammenhänge darstellen und sehr leichtfertig mit ernsten Themen und tiefen Gedanken umgehen", hat Robert später einmal gesagt. "Das Tiefe und das Flache sind keine Gegensätze, sondern fließende Übergänge." Da war also ein junger Mann in die Redaktion der "pardon" gestoßen, der in vieler Hinsicht bemerkenswert war. 1937 in Reval geboren hatte er Germanistik und Malerei in Stuttgart und Berlin studiert. Eigentlich war Maler sein großes Ziel. Es gibt unzählige, bemerkenswerte Bilder in Öl und Acryl von Robert Gernhardt, aber der Perfektionist in ihm musste feststellen, dass er an Grenzen stieß. Bemerkenswert aber vor allem sein schon fast akrobatischer und respektloser Umgang mit der Sprache. Belesen und literarisch ungeheuer gebildet, konnte er mit Worten jonglieren und dem Bildungsbürgertum gehörig auf die Füße treten. ("Mein Gott ist das beziehungsreich, ich glaub’, ich übergeb’ mich gleich.")

Die fließenden Übergänge haben sein ganzes Leben geprägt. Bereits nach drei Sätzen wusste man, welch ein gebildeter Mann einem da gegenüber saß. Auf der anderen Seite war dieser Gebildete sich nicht zu schade, Reime wie "Der Kragenbär, der holt sich munter, einen nach dem andren runter" zu publizieren. Folgerichtig auch, dass derjenige, der kenntnisreich über Rilke, Hölderlin, Lichtenberg und Heine diskutieren konnte, zusammen mit seinen Freunden Pit Knorr und Bernd Eilert die Drehbücher für die ersten "Otto"-Filme geschrieben hat.

Ohne Pointe eine Pointe

Absoluter Kult für uns damalige pardon-Fans waren "Schnuffis Abenteuer", ein Strip erdacht, gezeichnet und betextet von Robert Gernhardt. Schnuffi war ein aufrecht gehendes Nilpferd und seine Abenteuer bestanden aus absurden Pointen. Besonders gern erinnere ich mich an den Strip, in dem Schnuffi und eine Begleiterin verkleidet auf eine Krippe zugehen und rufen: "Wir sind die Heiligen drei Könige und wollen die Geschenke abholen." Darauf Josef erbost: "Betrügerpack!" "Schade", ärgert sich Schnuffi, "ein schöner Trick, aber er klappte nicht." Was uns damals erfreute, war, dass die meisten Erwachsenen sich über diesen angeblichen Schwachsinn ärgerten. Und das erfreute uns einmal mehr.

"Nervt es sie nicht", wurde Robert einmal gefragt, "dass das Publikum stets Späße von Ihnen erwartet?" "Nein", hat er damals geantwortet, "aber es wird problematisch, wenn man immer an dieser Elle gemessen wird. Seit 1982 sind meine Arbeiten nicht mehr ausschließlich komisch, es sind eher Mischprodukte . Meine Erzählungen und Gedichte erwarten vom Leser, dass er sich dauernd neu einstellen muss. Er muss auch damit rechnen, dass keine Pointe da ist." Man muss sich bei dem letzten Satz sein Gesicht mit diesem stetigen Lächeln vorstellen. Ohne Pointe eine Pointe zu liefern, ist schon eine hohe Kunst.

Respekt und Bildungsbürgertum

Man kann nicht sagen, dass Robert Gernhardt respektlos war. Im Gegenteil. Es gab etliche aus dem Bereich der Literatur und der Kunst, die er geradezu verehrte. Keinen Respekt hatte er allerdings vor dem Bildungsbürgertum und dessen Umgang mit der sogenannten Hochkultur. Allerdings beherrschte er all diese Formen perfekt und konnte sie daher umso besser parodieren. Sein Klassiker "Ich hasse Sonette" schrieb er natürlich in der Versform eines Sonettes. Das Gedicht wahrte zwar die Form, bediente sich aber eher einer Fäkalsprache ("Sonette find ich so was von beschissen") was bei den Lesern einer bekannten Wochenzeitung nicht so gut ankam. Der berühmte Waschkorb mit Leserbriefen war die Folge. Besonders gefreut aber hat Robert der Brief eines Lesers, der schrieb: "Der Leser ist machtlos dem Sonett ausgeliefert und merkt erst beim Lesen, was er liest." "Dieser Mann hatte das Geheimnis aller Dichtung erfasst", freute sich Robert, "solange es solche Leser gibt, ist mir um die Literatur nicht bange."

Respektlos war er auch im Umgang mit sich selbst. Als er Mitte der Neunziger einen Herzinfarkt erlitt, schrieb er mit "Herz in Not" einen Gedichtzyklus, der die absurden Momente eines Menschen beschreibt, der zwischen Leben und Tod schwebt. "Im Leben liegt viel Komik", hat er einmal gesagt, "man muss sie jedoch erkennen und der Wirklichkeit entreißen."

"Erschafft er Kunst? Baut er nur Scheiß?"

Trotz aller Respektlosigkeit, glaube ich, dass Robert doch viele Jahre ein wenig darunter gelitten hat, dass das deutsche Feuilleton ihn nicht als vollwertigen Dichter anerkannt hat. Ich dagegen, liebe ihn besonders dafür, dass er die in Deutschland so beliebten Grenzen zwischen E und U ( oder wie Robert zu sagen pflegte, zwischen Spaßmachern und Ernstmachern) elegant überwunden hat, allerdings nicht ohne Selbstzweifel. "Der Künstler geht auf dünnem Eis. Erschafft er Kunst? Baut er nur Scheiß?"

Es hat wohl etwas mit dem Generationswechsel zu tun, dass Robert Gernhardt dann doch noch Deutschlands berühmtester und hochverehrter Lyriker geworden ist. Kästnerpreis, Büchnerpreis, Preise, Preise und immer wieder Preise. Lesereisen bis zur Erschöpfung. Und aus der Erschöpfung dann immer wieder Schöpferisches. Wer alles lesen und sehen will, was Robert Gernhardt geschrieben, gezeichnet und gemalt hat, der hat ein Leben damit zu tun.

Kommen wir zurück auf das Gespräch zwischen Loriot und Gernhardt, dass ich moderieren durfte. Nehmen wir an, jemand hätte zugehört, der diese beiden Herren nicht gekannt hätte. Hätte er realisiert, dass sich hier die zwei Großmeister der Komik unterhalten? Beim ersten Hinhören wohl kaum, denn die beiden Herren, die wieder einmal druckreif sprachen, diskutierten über Wagner, Hölderlin, Theaterinszenierungen und den Niedergang der deutschen Fernsehunterhaltung. Die sind ja überhaupt nicht komisch, sagte ein früherer Kollege, der das Manuskript las. O doch! Sehr sogar. Um mit Robert zu sprechen: "Man muss es nur erkennen!"

Rolf Dieckmann ist beim stern zuständig für Humor und Satire