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Berlin³: Ätsch! Die SPD hat in Hamburg gar nicht gewonnen

Peter Tschentscher bleibt Bürgermeister in Hamburg. Sein Sieg zeigt, dass Sozialdemokraten durchaus noch Erfolg haben können. Man darf sie nur nicht mit ihrer Bundespartei in Verbindung bringen.

Hamburg-Wahl: SPD gewinnt trotz Verlusten deutlich – AfD wohl drin, FDP zittert

Na also, geht doch, die SPD kann noch Wählermassen mobilisieren; Hamburg beweist, dass sich die an der Spitze runderneuerte Partei wie Münchhausen am eigenen Schopf aus dem Sumpf ziehen kann.

Halt!! Stooopppp!!!

Um es mit Robert Gernhardt zu sagen: "In diesem Satz hat sich zwei Fehler eingeschlichen. Finde ihm, aber schleunig." (Kleiner Spoiler: die Anspielung auf den Lügenbaron gehört schon mal nicht dazu!) 

Die SPD-Vorsitzenden Norbert Walter-Borjans und Saskia Esken und Bürgermeister Peter Tschentscher

Bittere Erkenntnis für die SPD: Peter Tschentscher errang einen Sieg, weil er die Bundesvorsitzenden Norbert Walter-Borjans (r.) und Saskia Esken (l.) auf Distanz hielt

AFP

Die Hamburger SPD, eine Art nordgallische Dorfgemeinschaft

Wir sind hier schließlich nicht bei Saskia Esken unterm Chaiselongue. Erst einmal: Diese Wahl hat keinesfalls die SPD gewonnen, sondern allenfalls die Hamburger SPD, so eine Art nordgallische rote Dorfgemeinschaft, oder – wenn man so will – radikalpragmatische Splittergruppe, die ohnehin in einer eigenen Erfolgsliga spielt, nachdem Olaf Scholz sie einst als Landesvorsitzender übernommen hatte, in einem Zustand, der damals – programmatisch, personell, prozentual – sehr jenem ähnelte, in dem sich heuer die elbsäckische CDU befindet. Ersatzbegriff: Jämmerlich. Jener Olaf Scholz übrigens, dem die SPD-Mitglieder voriges Jahr nicht die gesamte Partei anvertrauen wollten. Wie man früher gerne gesagt hat angesichts verschwenderischen Umgangs mit raren Ressourcen: Die müssen´s ja haben! Aber das ist eine andere Geschichte. Obwohl… Aber da kommen wir noch zu. (Hamburger Wahl, Hamburger Satzbau!)

SPD-Politiker Peter Tschentscher

Dieser Scholz freute sich gestern 'ne Nelke ins Knopfloch, nachdem die ersten Prognosen über den Bildschirm geflimmert waren, und sagte Sachen wie: "Hier wird ordentlich regiert." "Geerdete, vernünftige Wirtschaftspolitik." Und, vor allem: "In Hamburg ist die SPD Volkspartei." Mit deutlicher Betonung auf Hamburg. Noch eine Wolke höher schien der parteiinterne Scholz-Besieger Norbert Walter-Borjans zu schweben: "Toller Tag." "Überwältigender Erfolg." "Jeder hat seinen Beitrag geleistet." "Erfahren, was es heißt, wenn die Bundespartei einen klaren Kompass hat."

Das SPD-Führungsduo hat nichts zum Sieg beigetragen

Man muss das entschuldigen. Der Mann kommt aus dem Rheinland. Da haben sie gerade ihre närrischen Tage. Davon abgesehen wirkte Walter-Borjans wie der Trainer vom 1. FC Köln, der seinen Anteil an der Meisterschaft vom FC Bayern für sich reklamiert, weil sein Verein gegen Düsseldorf mal unentschieden gespielt hat.

So verständlich die Freude ist, zum Wahleinstand als SPD-Chef gemeinsam mit seiner Co-Vorsitzenden Esken nicht gleich das üblich desaströse Ergebnis kommentieren zu müssen, so bitter ist für das neue Führungs-Duo aber auch die Wahrheit, zu diesem Erfolg nichts beigetragen zu haben. Das Beste, was man über sie sagen kann, ist: Sie haben nicht sonderlich gestört. So wie auch, glaubt man den Wahlnachfragen der Demoskopen, die irren Manöver der CDU für die Entscheidung der Hamburger Wähler so gut wie keine Rolle gespielt haben. Die Christdemokraten standen schon vorher nackt bis aufs kurze Hemdchen da. Die Parteispitze weiß jetzt aber wenigstens mal, wie sich das für die Kollegen im Willy-Brandt-Haus anfühlen muss, wenn der Balken im Wahldiagramm bei 11,2 Prozent stoppt. Echt nicht schön. Gönnt man ihnen auch mal.

SPD-Spitzenkandidat und Erster Bürgermeister Peter Tschentscher

Zumindest können die Berliner CDU-äh-Führung und ihre Kandidatensuchselbsthilfegruppe im Gegensatz zu Walter-Borjans/Esken mit Fug und Recht von sich behaupten, das Ihre zum Hamburger Ergebnis beigetragen zu haben. Vielleicht hätte CDU-Spitzenkandidat Marcus Weinberg rechtzeitig zur Tschentscher-Blutgrätsche ansetzen sollen. Der Bürgermeister hat sich nämlich gleich nach deren Wahl sehr entschieden verbeten, von der neuen SPD-Spitze in seinem Wahlkampf behelligt zu werden. Ruft-mich-nicht-an!! Das war einer der Schlüssel zu seinem Erfolg: maximale Distanz zu den Berliner Genossen und deren Politik. 

In Großstädten ist die SPD immer noch stark

Dass die SPD in Hamburg in diesen Zeiten fast 40 Prozent bekommen hat, grenzt an ein Wunder, lässt sich aber einfach erklären. In der Hälfte der 80 deutschen Städte mit mehr als 100.000 Einwohnern stehen trotz des Siechtums der Gesamtpartei noch Sozialdemokraten an der Spitze. In der Regel Männer und Frauen, die eine solide und pragmatische Politik machen. Geerdete Menschen wie Tschentscher. Das reicht meist schon.

Und sonst? Einfach mal den Michel in der Neustadt lassen. Hamburg hat 1,3 Millionen Wahlberechtigte, noch ein paar Hunderttausend weniger als Thüringen. Ja, es ist schön, wenn die AfD hier nicht reüssiert. Ja, es ist nicht gerecht, dass die Hamburger FDP für die politische Blödheit der Erfurter Parteifreunde abgestraft wird (oder nur ein bisschen). Aber das ist alles nicht sehr repräsentativ. Der Untergang der Union und der phoenixhafte Aufstieg der SPD können aus dieser Wahl nicht abgeleitet werden.

Helmut Schmidt war auch mal Hamburg

Das war ganz einfach Hamburg. Es war Peter Tschentscher. So wie es davor vor allem Olaf Scholz war, um noch mal auf die Geschichte mit den raren Ressourcen zu kommen. Denn wenn man überhaupt etwas lernen möchte: Helmut Schmidt war auch mal Hamburg. Den haben sie zwar in der SPD ebenfalls nicht sonderlich geschätzt, dafür hat ihn den Rest der Bevölkerung zweimal zum Kanzler gewählt. 

Aber das ist schon wieder sehr lange her. Da hat Robert Gernhardt noch fröhlich gedichtet.

tis