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Nora Gomringer: Ein Wesen, gemacht aus Texten

Gäbe es in der deutschen Lyrik den Begriff "Star", würde er auf Nora Gomringer zutreffen. Im Juli hat sie den Bachmann-Preis gewonnen, mit einem fein geschriebenen Text und einem beeindruckenden Vortrag.

Von Mirijam Trunk

Nora Gomringer

Nora Gomringer hat in diesem Jahr den Ingeborg-Bachmann-Preis gewonnen

Als Nora Gomringer acht Jahre alt war, kaufte ihr Günter Grass eine Tafel Ritter Sport Nougat. Sie wartete vor einer seiner Lesungen an der Bar der Akademie der Künste auf ihre Eltern, da setzte er sich zu ihr. Sie fragte ihn, ob er denn nervös sei – und schielte auf die Schokolade. Grass lachte – und kaufte eine Tafel. "Für Nora, neben mir an der Akademie-Bar", steht in ihrer Ausgabe von "Zunge zeigen", darunter: "Günter Grass, am 6.11.88".

27 Jahre später ist Nora Gomringer selbst Lyrikerin, in diesem Jahr hat sie die letzte Bastion des deutschen Feuilletons erstürmt, den Ingeborg-Bachmann-Preis. Ihr Gewinnertext "Recherche" war ein Ausflug in die Prosa, doch ihr Metier ist die Lyrik, schon immer gewesen.

"Ein zur Lyrikerin gewordener Pumuckl"

Nora Gomringer sitzt im Garten der Villa Concordia in Bamberg, ein prachtvoller Barockbau, direkt am Fluss Regnitz. Sie trägt ein pinkes T-Shirt mit fliegenden Schweine-Steaks, große Ohrringe im schwarzen Krausehaar. "Ein zur Lyrikerin gewordener Pumuckl", nannte sie Franzobel. „Ein Wesen, gemacht aus Texten“, sagt sie selbst. Aus dem ersten Stock dringt Klaviermusik.

In Bamberg hat Nora Gomringer Abitur gemacht und studiert. Der Poetry-Slam war in den Jahren 2000 bis 2006 ihre Heimat. Nächte im Zug, auf Matratzenlagern. Viele Erfahrungen, wenig Geld. Am Ende ist sie wieder hier gelandet. In Bamberg und bei der Lyrik.

Ihr Schriftsteller-Dasein begann mit 18

In ihrer Kindheit sei ihr oft langweilig gewesen, sagt Nora Gomringer, in Wurlitz, einem Dorf "mit mehr Kühen als Einwohnern", mit sieben älteren Brüdern. Bildung war wichtig. Griechisch, Latein, Hebräisch. Viele Schlüssel, um die Welt aufzuschließen.

Dann die Trennung der Eltern, Umzug in die Stadt. Kindheit mit Verantwortung. Geisel der eigenen Familiensituation. Mit 35 Jahren sagt sie: "Irgendwann musst du verzeihen." Pause. Und dann: "Ist schon alles gut so."

Den Beginn ihres Schriftsteller-Daseins datiert sie auf 1998, mit 18 Jahren. Das Schreiben, die Verbindung zwischen Selbst und Welt, manifestiert: "Ich bin da und ich bin auch was wert". Davon leben konnte sie anfangs nicht. Doch auch als sie bei Drogerie Müller CDs verkauft hat, war sie schon Lyrikerin, sagt sie. Weil das Schreiben Teil ihrer Persönlichkeit war.

Mutter Germanistin, Vater Schriftsteller

Am unangenehmsten war es, vor ihren Eltern zuzugeben, dass sie sich fürs Schreiben interessiert. Die Mutter Germanistin, der Vater Schriftsteller, ein großer dazu. Eugen Gomringer, "Chefdesigner der Poesie" nannte ihn die FAZ. Er gilt als Begründer der "Konkreten Poesie", sagt, ein einzelnes Wort kann genug Kraft haben, kann poetisch sein. Auch die Anordnung und das Schriftbild spielen eine Rolle. Der Unterschied zwischen "ich liebe dich" und "ich liebe dich nicht". Oder: "Ich liebe dich doch." Ein Wort macht allen Unterschied aus. 

Man kann nicht um ihren Vater sein, ohne zu bemerken, wie genial er ist, sagt sie. Dasselbe könnte man über Nora Gomringer sagen.

Gedichte als mächtiges Werkzeug

Wach. Alle Kanäle offen, so ist das bei Künstlern, sagt sie, das Dauer-Aufnehmen, Verarbeiten und Wieder-Aussenden in Form von Texten.

Klug. Mit einem bemerkenswerten Gedächtnis gesegnet, sie rezitiert ihre Gedichte aus dem Stegreif. Ein Name, der im Vorbeigehen genannt wird, bleibt hängen, über Tage hinweg.

Kritisch. Politisch und menschlich. Das dritte Reich begleitet sie, die Frage nach dem eigenen Handeln, Mitmachen oder Widerstand? Sie ist ein europäischer Mensch, durch und durch, halb Schweizerin, halb Deutsche. Die Sorge um Menschen, die Schutz suchen in Deutschland, "diese Aufgabe ist groß und für die Friedensnobelpreisträgerin EU ein weiterer Meilenstein. Ich hoffe, dass wir uns bewähren."

Leidenschaftlich. "Wir Lyriker gucken viel dringlicher aufs Leben." Gedichte sind wie kleine Spitzen, Kleinkalliberpistolen, sie können zielgenau treffen, das ist ein mächtiges Werkzeug.

Sorgen nach dem Erfolg

Kann man von Lyrik leben? Vom Vortrag mehr als vom Verkauf der Bücher. Das ist wie bei einem Bild, Länge mal Breite mal der Faktor x. Der Faktor x steigt mit der Zeit – und mit dem Erfolg.

Preise sind wichtig, sie steigern der Wert "x" eines Künstlers. Sie machen unabhängig, doch gleichzeitig machen sie unfrei. Als sie im Frühjahr 2015 den Weilheimer Literaturpreis annahm, rezitierte sie in ihrer "Rede an die Jugend" ein Gedicht. Eine Zeile: "Sie werden sich von mir abwenden." Genau das ist die Sorge, nach einem solchen Erfolg, ist er doch immer nur die Bestätigung einer Momentaufnahme.

Bühnenperformance als Kontrast

Gomringers aktuelles Projekt ist die Trilogie "Monster, Morbus, Mode". Alle zwei Jahre erscheint ein neuer Band. Details rühren und regen sie an. Vor allem Tiere, kleine, außergewöhnliche, süße. Einmal las sie über einen roten Käfer, der alle Palmen am Mittelmeerstrand befällt und absterben lässt. Die Idee für eine Gegenüberstellung: Gepflegte Gärten im Innern Europas, alles soll sauber sein. Dagegen steht die Blutwelle an den Rändern, Schlepperboote, Menschen, die auf dem Weg zu uns sterben. "Kunst ist auch die Chance, sich kritisch und politisch zu äußern", sagt sie. "In der Kunst kann man ehrlich sein." 

Viele von Nora Gomringers Texten erfordern Konzentration, intensive Beschäftigung, können und wollen analysiert werden. Im Kontrast dazu steht ihre Bühnenperformance. Die Texte öffnen sich nicht nur, sobald Gomringer sie vorträgt, sie springen den Zuhörer förmlich an.

 Besuch in einer Schulklasse bei Nürnberg. Gomringer trägt das Gedicht "Monster & Mädchen" aus ihrem Buch "Monster Poems" vor. Fester Stand, Arme auf Brusthöhe, Rücken gerade. Hält kurz an. Dann legt sie los. Die Stimme tiefer, die Aussprache genau, sie wirft die Worte ins Publikum, die Hände unterstützen den Rhythmus. "Ich bin das Mädchen." Dann wird die Stimme sanfter, fast ein Säuseln, die Hände gefaltet. "Das du sortiertest, du sortiertest mich." Ein Gedicht über sexuellen Missbrauch, über ein Mädchen, das ein Alternativ-Wort sucht. Die innige Rezitation alleine eröffnet den Inhalt des Gedichts.

"Sie ist bisschen crazy"

"Manchmal geht Nora auf die Bühne und es ist einfach berstend komisch", sagt eine Zuschauerin. "Und dann denke ich: um Gottes Willen, worüber hast du da gelacht?" Gomringer nutzt den Humor, auch zur Erschütterung des Lesers. "Leichtigkeit ist anstrengender als Drama", sagt sie selbst, "Humor ist immer konstruiert." Verniedlichung, auch durch den Klang von Worten. "Plumbum" beispielsweise, ist der Name ihres Gedichts zur Depression im Buch "Morbus", Krankheiten. Plumbum klingt lustig, das könnte der Name eines Kinderbuchs sein. Doch bedeutet es Blei, steht für Schwere.

Die Schüler sind begeistert. "Sie ist bisschen crazy", sagt ein 14-Jähriger, "sie lebt die Gedichte richtig", ein Klassenkamerad. Lyrik lesen sie nicht, aber die Gomringer schauen sie gern an. Weil sie Humor hat, weil sie sich was traut. Und weil sie sich nach der Stunde die Schreibversuche aller Schüler anhört und Ratschläge gibt. Obwohl sie jetzt den Bachmann-Preis hat. Vormittags im Garten der Villa Concordia, Blick auf die Regnitz, Nora Gomringer im Schweinesteak-Shirt. Ein Blick in den Terminkalender. Kuratorin des Poesie-Festivals für Mexiko Stadt. Auftritt vor der Bundeskanzlerin in Berlin. "Als Lyriker sitzt man nicht dauernd da, man springt zwischen Ideen und Orten", sagt sie. "Das ist der Luxus des Lyrikers."

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