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Prag: Autorin Lenka Reinerova ist tot

In Prag ist die Schriftstellerin Lenka Reinerova im Alter von 92 Jahren gestorben. Die jüdische Autorin hatte im Holocaust ihre ganze Familie verloren. Seit dem Jahr 2002 war sie Ehrenbürgerin der Stadt Prag. Außenminister Frank-Walter Steinmeier würdigte ihre große Persönlichkeit.

Der Tod der 92 Jahre alten Prager Schriftstellerin Lenka Reinerova hat in Deutschland und Tschechien tiefe Trauer ausgelöst. Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) würdigte ihre große Persönlichkeit, auch die deutsche Schillerstiftung hob die literarischen und politischen Verdienste Reinerovas hervor.

Die älteste deutschsprachige Schriftstellerin in Prag war am Vortag im Alter von 92 Jahren gestorben. Die jüdische Autorin hatte im Holocaust ihre gesamte Familie verloren, sich aber dennoch für die Versöhnung zwischen den Völkern eingesetzt.

Rede im Bundestag verlesen

"Wir alle erinnern uns an ihre bewegende Rede für die Opfer des Nationalsozialismus vor wenigen Monaten", hob Steinmeier hervor. Im Januar war im deutschen Bundestag zum Jahrestag der Befreiung des KZ Auschwitz eine Rede Reinerovas verlesen worden.

Das Prager Literaturhaus deutschsprachiger Autoren erhielt nach der Todesnachricht seiner Mentorin ("Mandelduft") viele private Beileidsschreiben. "Freunde und Unbekannte melden sich, der Tod hat uns alle tief getroffen", sagte Lucie Cernohousova, Leiterin des Literaturhauses, in Prag. Die Beisetzung wird voraussichtlich am kommenden Freitag auf dem städtischen Friedhof sein.

Im Jahr 2002 war Reinerova Ehrenbürgerin der Stadt Prag geworden. Von deutscher Seite erhielt sie unter anderem das Verdienstkreuz, den Schillerring und die Goethe-Medaille. In den vergangenen Jahren hatte die Autorin mit dem Deutschen Literaturarchiv in Marbach (Baden-Württemberg) über eine Hinterlegung ihrer Manuskripte gesprochen.

Nur wenige öffentliche Auftritte

Die Deutsche Schillerstiftung, die 1999 Reinerova den Schiller-Ring verliehen hatte, würdigte ihre "großartige literarische und nicht minder menschliche Lebensleistung in mehr als nur sehr schweren Zeiten". Die Stiftung werde sich stets dankbar erinnern, dass Reinerova trotz ihrer schrecklichen Erfahrung, die sie mit Deutschen in der NS-Zeit machen musste, der deutschen Sprache verbunden geblieben sei, erklärte der Stiftungsvorsitzende Dietger Pforte.

Seit einem Krankenhausaufenthalt im Jahr 2007 war Reinerova nur noch selten öffentlich aufgetreten. In ihren Werken verschmelzen die historischen Zeitläufe mit den Eindrücken und Wünschen einer selbstbewussten Frau. Wie in "Das Traumcafé einer Pragerin" (1996) und "Närrisches Prag" (2005) spielen viele Episoden in der tschechischen Hauptstadt. Zuletzt arbeitete Reinerova an einer Geschichte über einen böhmischen Freiwilligen im Spanischen Bürgerkrieg (1936-1939).

Flucht vor den Nazis

Die Erzählerin wurde 1916 als Tochter einer Deutschböhmin und eines tschechischen Eisenwarenhändlers in Prag geboren. Als junge Frau musste sie vor den Nazis fliehen und überlebte den Zweiten Weltkrieg im mexikanischen Exil. Zurück in Prag wurde sie vom kommunistischen Regime mit Publikationsverbot belegt. Erst nach der politischen Wende konnte sie frei veröffentlichen und wurde bei Lesern in Deutschland und Tschechien beliebt.

Zu ihren Zeitgenossen und Freunden zählten im Vorkriegs-Prag Autoren wie Egon Erwin Kisch, Max Brod und Franz Werfel, mit dem früh gestorbenen Jahrhundert-Schriftsteller Franz Kafka beschäftigte sie sich literarisch. Diese Erfahrungen hatten sie dazu bewegt, 2004 die Gründung des Prager Literaturhauses anzustoßen. "Frau Reinerova setzte sich ihr Leben lang unermüdlich für ein lebendiges deutschsprachiges Literaturleben in Prag ein", betonte Steinmeier und fügte hinzu: "Das „Prager Literaturhaus deutschsprachiger Autoren“ war ihr Herzensprojekt - ihr Tod ist uns Verpflichtung, es zum Erfolg zu führen."

DPA / DPA