REICH-RANICKI BRÜSKIERT EHEMALIGE SCHÜLERIN Literarische Schlammschlacht


Bühne auf für Reich-Ranicki: Der Rädelsführer des Literarischen Quartetts überzog das neuste Werk von Ulla Hahn mit teilweise schneidender Kritik. Die Autorin wehrt sich wortreich.

Marcel Reich-Ranicki polarisiert wie kein anderer im Literaturbetrieb. Viele sehen in ihm einen »Literaturpapst«, der mediengewandt der Literatur zu einer Popularität verhilft, die sie anders nie erreichen könne. Andere aber halten ihn für einen eitlen Meister der Selbstinszenierung, der mit dem »Literarischen Quartett« des ZDF eine Monopolstellung missbrauche und vor Millionen Zuschauern Bücher und Autoren auch mal unfair aburteile. Bewundert, gefürchtet oder gehasst, Reich-Ranicki sorgt auch mit 81 Jahren weiter für Debatten - und Empörung. Nun bei Ulla Hahn, die verletzt und mit harschen Worten auf seinen Verriss ihres neuen Romans »Das verborgene Wort« reagiert.

»Bericht eines infantilen, pubertären Mädchens«

Nicht wenige in der Branche sind über den Disput verwundert. Der Fall ist heikel: Die Kontrahenten sind Autoren desselben Verlags, der Deutschen Verlags-Anstalt (München). Und beide kennen sich schon seit »seit über 20 Jahren«, wie Reich-Ranicki sagt. »Ich habe sie entdeckt und gefördert. Ich schätze sie sehr als Lyrikerin, aber diesen Roman halte ich für missraten«, bekräftigt er den TV-Verriss vom Freitag. Hahns Buch sei nur der Bericht eines infantilen, pubertären Mädchens, daher allenfalls für Frauen interessant. Dass Hahn sehr verletzt sei, »überrascht mich nicht im geringsten, aber natürlich betrübt es mich«, meint der Kritiker. Von einem »Vernichtungsversuch«, so Hahn, könne aber keine Rede sein.

Karaseks Fähnchen weht munter im Wind

Reich-Ranicki betont, zum Roman der Autorin könne er nicht schweigen, und auch das Quartett habe das Buch nicht ignorieren wollen. Zurückzunehmen habe er nichts: »Ich überlege mir vorher immer sehr genau, was ich sage.« In den 14 Jahren des »Literarischen Quartetts haben wir rund 400 Bücher besprochen und viele abgelehnt.« Es sei der erste Fall, in dem sich ein Autor öffentlich derart beschwere wie Hahn. Der Kritiker verweist auch auf seine Mitstreiter. Hellmuth Karasek etwa bewertete den Roman im ZDF auch als misslungen. Pikanterweise hatte dieser zuvor das Werk als eines der »schönsten Bücher für diesen Herbst« angepriesen und gemeint, der »Bildungsroman« über das Leben in den 50er Jahren in Deutschland sei eine »sehr wichtige Aufstiegsgeschichte«.

Die 55-jährige Hahn spricht von einer »Hasstirade« Reich- Ranickis, der den schon in 50 000 Exemplaren verkauften Roman unfair behandele. »Wenn jemand eine solche Monopolstellung einnimmt, wie Reich-Ranicki das tut, dann wäre es fair, zumindest darauf hinzuweisen, dass das Buch von großartigen Kritiken getragen wird und es sich hier um eine Meinung unter vielen handelt.« Sie wehre sich nicht gegen die Ablehnung, sondern gegen die Art. »Wir Autoren nehmen Reich-Ranicki als Kritiker nicht mehr ernst, aber wir fürchten seine Macht«, meint Hahn.

Reich-Ranicki verreißt alle, ob Grass, Walser oder Wolf

Die »Macht« des Kritikers haben schon andere Autoren zu spüren bekommen. Der Roman »Ein weites Feld« von Günter Grass wurde von Reich-Ranicki wie kein anderer leidenschaftlich seziert und als »unlesbar und absolut wertlos« abgetan. Als der Autor dem Kritiker »Größenwahn« vorwarf, antwortete dieser: »Ohne Größenwahn gibt es keine Kritik - das gilt natürlich auch für mich«. Ebenfalls verrissen wurde »Ein springender Brunnen« von Martin Walser, unter dem der Kritiker »unmenschlich gelitten« haben will. Zu DDR-Zeiten bescheinigte Reich-Ranicki der Autorin Christa Wolf »künstlerisch und intellektuell eher bescheidene Möglichkeiten«.

Kritik fördert die Verkaufszahlen

Wenn Reich-Ranicki die Stirn unheilschwanger in Falten legt und mit wild mit dem Zeigefinger fuchtelt, muss das nicht bedeuten, dass das gescholtene Werk zu Blei in den Regalen der Buchhändler wird. Das Grass-Buch etwa wurde ein Renner. Allein die Tatsache, an so prominenter Stelle wie der ZDF-Talkrunde erwähnt zu werden, hat Katalysator-Funktion für den Absatz. Schon vor der Sendung ist der Buchhandel über die Buch-Auswahl informiert. Es wird extra geordert und nachgedruckt, Anzeigen werden geschaltet und Regale umsortiert.

»Sollte es die Sendung einmal nicht mehr geben, gehen die Verkaufszahlen in den Buchhandlungen runter«, heißt es bei einem großen Buchkaufhaus. Auch in der Verlagsgruppe Random House ist Reich-Ranicki weiter sehr geschätzt. »Das Buch als leises Medium braucht eine so polarisierende Persönlichkeit wie Reich-Ranicki - als wunderbare große Werbetrommel«, meint der Sprecher der Verlagsgruppe, Theo Schäfer. Die Kritik an Hahns Roman könne er »nicht ganz nachvollziehen«, aber einem »Kritiker kann man nicht vorwerfen, dass er ein Buch verwirft«.

Verlag zwischen den Fronten

Der Verriss des Hahn-Romans kam für den Verlag »wie aus heiterem Himmel«. Geschäftsführer Jürgen Horbach, der sich zwischen beiden Autoren in einer »sehr komplizierten« Lage sieht. »Für den Verlag ist das wirklich nicht lustig. Wir hatten deutliche Anzeichen, dass das Buch gut besprochen wird. Ich kenne niemanden, der das, was dann geschah, erfreulich fand.« Für den Börsenverein des Deutschen Buchhandels ist und bleibt Reich-Ranicki eine »Art Literatur- Kultmoderator«, der »unglaublich viel für die Popularität des Buches getan hat«.


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