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Richard David Precht: Philosophie fürs Volk

Sein Lehrbuch "Wer bin ich - und wenn ja, wie viele?" schrieb Richard David Precht mit der Absicht, Menschen zum Denken anzuregen. Ein höchst erfolgreiches Projekt: Seit Wochen führt Precht die Bestsellerliste an. Hausbesuch bei einem Mann mit Mission.

Von Andrea Ritter

Den Elfenbeinturm hat er nie gewollt. Nicht, dass er ihn nicht hätte haben können: Studium der Germanistik und Philosophie zackig in acht Semestern absolviert, die Promotion mit 30 in der Tasche - und immer beste Noten. Einer Hochschulkarriere hätte nichts im Weg gestanden, aber er gehörte nun einmal nie zu diesen angepassten blassen Studenten, die sich im Rücken ihres Professors den Weg durch die Universitäten bahnen.

So klingt es, wenn Richard David Precht über Richard David Precht redet. Und so klingt es auch nicht. Precht gehört zu den Menschen, die auf entwaffnende Art von sich selbst überzeugt sind. Man kann sich gut vorstellen, wie er mit dieser Art seine Kommilitonen wahnsinnig gemacht hat, damals, an der Kölner Uni. Dieser hübsche Typ mit den hohen Wangenknochen und den großen blauen Augen, den hätte man gern als oberflächlichen Schönling abgestempelt. Doch gerade mit ihm konnte man die besten Abende verbringen, bei Rotwein, Spaghetti und guten Gesprächen. Precht, das merkt man schnell, redet nicht nur begeistert über Precht. Auch andere Themen entfachen bei ihm dieselbe Euphorie. Zum Beispiel Elefantenrüsselfische.

Noch etwas desorientiert, weil gerade erst frisch eingezogen, schwimmen die üblicherweise im Niger beheimateten Fischlein durch das tonnenschwere 800-Liter- Aquarium in Prechts Wohnküche - und das ist natürlich kein Zufall. Elefantenrüsselfische sind etwas ganz Besonderes. "Sie leben sozial und haben im Verhältnis zum Körper ein besonders großes Gehirn", sagt Precht. Das ideale Haustier also für jemanden, der sich auch sonst für Neurobiologie und Verhalten interessiert.

Über 270.000-mal verkauft

Der Mensch als "kluges Tier" - diese Analogie von Friedrich Nietzsche steht am Anfang von Richard David Prechts Philosophie- Buch "Wer bin ich - und wenn ja, wie viele?". Seit 22 Wochen steht es auf der stern-Bestsellerliste, hat sich bisher über 270.000-mal verkauft und Hape Kerkelings Pilger-Buch "Ich bin dann mal weg" vom Thron gestoßen.

Der Untertitel "Eine philosophische Reise" mag ein gutes Verkaufsargument sein - doch um eine Reise, sei es nun ins Innere oder gar zum persönlichen Glück, geht es bei Precht nicht. Sein Buch richtet er an jene, die sich einen Überblick verschaffen wollen: Wo steht die Forschung gerade bei der Frage, was den Menschen ausmacht? Wie ist sie dahin gekommen? Welche Antworten hat sie bisher gefunden? Und welche Grenzen muss sie sich gegebenenfalls setzen?

Precht, der nicht nur als Wissenschaftsjournalist arbeitet, sondern auch zwei Romane geschrieben hat, verpackt Erkenntnisse und Fragestellungen aus Philosophie, Psychologie und Hirnforschung zu anekdotenreichen Episoden. Dazu gehören auch vage Feststellungen, bei denen man gern nachhaken würde - wie etwa bei der, dass man Menschen nicht klonen dürfe, weil Menschen ein "natürliches Bedürfnis" hätten, sich selbst "als einzigartig zu empfinden". Was heißt hier "natürlich"? Und wer weiß, ob ein Klon das nicht ganz anders sähe? Aber genau darum geht es Precht: Er will seine Leser zum Nachdenken anregen. Und sie nicht überfrachten.

Philosophie leicht gemacht

"Die meisten Leute wissen gar nicht, womit Geisteswissenschaftler sich heutzutage beschäftigen", sagt Precht. Dabei könne man die Frage nach dem, was den Menschen ausmache - Emotion oder Verstand - nicht der Hirnforschung allein überlassen. "Philosophie ohne Naturwissenschaft ist leer. Und Naturwissenschaften ohne Philosophie sind blind." Leider sei es unter Geisteswissenschaftlern verpönt, populäre Sachbücher zu schreiben. "Sie sind oft so stolz auf die Kompliziertheit ihrer Sprache, dass sie nichts anderes gelten lassen."

Den universitären Fachjargon hat Precht durch einen onkeligen "Ist doch alles ganz einfach"-Ton ersetzt, der ihn zum idealen Moderator einer öffentlich-rechtlichen Wissenschaftsshow machen würde, zu einem Ranga Yogeshwar der Philosophie. Getreu dem Motto, dass die beste Predigt nichts nützt, wenn die Kirche leer ist, möchte er seine Gedanken in die "breite Menge" tragen: "Wenn über 200.000 Leute mein Buch lesen und sich damit beschäftigen, ist das toll für die Gesellschaft."

Verstellen muss er sich für seine Rolle als "Volks-Pädagoge" nicht: Lernen, entdecken, Gedanken austauschen - so ist er aufgewachsen, und so möchte er es auch weitergeben, an seinen fünfjährigen Sohn und die drei Kinder seiner Frau. Über die eigene Kindheit im links-intellektuellen Elternhaus mit zwei vietnamesischen Adoptivgeschwistern hat Precht, 1964 in Solingen geboren, ebenfalls ein Buch geschrieben: "Lenin kam nur bis Lüdenscheid". Auch hier verband er seinen Impuls, andere zu bilden, mit persönlichem Interesse: "Ich wollte die Deutungshoheit über die 68er-Kindheit nicht denen überlassen, die sich im Fahrwasser der Generation Golf über Idealismus lustig machen", sagt Precht.

Aus dem Buch ist inzwischen ein Dokumentarfilm über Familie Precht geworden. Ist es nicht seltsam, sich selbst so öffentlich zu machen? Erst als "68er-Kind" und später als "Philosoph" bei Johannes B. Kerner? "Doch", sagt Precht, auch wenn es Zufall sei, dass die beiden Veröffentlichungen so nah beieinanderliegen. "Aber da muss man dann mitspielen." Jetzt will er sich erst mal wieder seiner Familie widmen. Seinen Fischen. Und seinem neuen Buch.

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