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"Unterwasserflimmern" Ausbruch aus gesellschaftlichen Zwängen: Wie muss das Leben mit Anfang 30 aussehen?

Eine Frau steht bei Sonnenuntergang am Strand
Auf ihrer Flucht zieht es die namenlose Protagonistin ans Meer (Symbolbild)
© Nicolas Economou / Picture Alliance
Wie hat das Leben – insbesondere das einer Frau – ab einem gewissen Alter auszusehen? Was passiert, wenn einem gesellschaftliche Erwartungen und Zwänge die Luft zum Atmen zu rauben scheinen? Katharina Schaller entführt die Leser ihres Debütromans "Unterwasserflimmern" tief in die Seele ihrer namenlosen Protagonistin.

"Ich weiß nicht, wo ich hinwill. Vielleicht in eine neue Stadt ziehen, neue Menschen kennenlernen. Dieses enge Gefühl loswerden." Ein Gefühl von Enge, von Gefangensein, von einer Art Monotonie und Auswegslosigkeit begleitet die namenlose Protagonistin aus Katharina Schallers Debütroman "Unterwasserflimmern" von der ersten Seite an. Die Unbekannte ist Anfang 30, seit beinahe einem Jahrzehnt in einer Beziehung mit Emil, einem zehn Jahre älteren Mann, der ganz konkrete Pläne von ihrer gemeinsamen Zukunft hegt: ein Grundstück kaufen, ein Haus bauen, Kinder kriegen, sich niederlassen. Die Protagonistin sei schließlich jetzt um die 30 Jahre alt. Er, Emil, habe ihr nun genug Zeit gegeben. Es sei an der Zeit weiterzukommen.

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Weiterkommen, wenn die wilden 20er Jahre hinter einem liegen – muss das immer gleichbedeutend damit sein, sich an die Erwartungen von Partnern, Freunden oder der Gesellschaft anzupassen? Schnell wird deutlich, dass die Protagonistin die Ansichten ihres Freundes nicht teilt. Sie flieht, weicht aus, kann sich nicht festlegen. Und dann gibt es da auch noch Leo. Ebenfalls ein älterer Mann, ihre Affäre. Mit ihm ist es leichter: Leo ist verheiratet, Familienvater, hat sein eigenes Leben. Doch auch die stete Frage "Wann sehen wir uns wieder?" ist für die namenlose junge Frau eine Zusage, die sie nicht freimütig geben kann.

 

Daher bricht sie in dem Moment, in dem alles zusammenzubrechen scheint und der Druck auf die junge Frau am größten wird, aus. Sie fährt weg, flieht regelrecht gen Süden. Wohin es die Protagonistin genau verschlägt, bleibt unklar, ist für den Leser jedoch auch völlig irrelevant. Der Leser ist genau da, wo er sein soll: an der Seite der ziellosen Reisenden, er begleitet sie bei ihrem egoistischen, rücksichtslosen Verhalten, ihren stürmischen Begegnungen mit fremden Menschen, deren Fremdheit sie in einem Wimpernschlag mit einer Schlichtheit und einer unkonventionellen Körperlichkeit und Sexualität überwindet. Die junge Protagonistin ist auf der Suche nach Freiheit, doch diese Freiheit geht für sie einher mit Nähe, Leidenschaft und dem Leben im Moment – auch wenn sie ihre Vergangenheit und ihr reales Leben zu Hause nie ganz hinter sich lassen kann.

Eine Sprache, die unter die Haut geht

Der Debütroman von Katharina Schaller überzeugt in erster Linie durch seine Sprache. Eindringlich, schnörkellos, direkt und teilweise vulgär erzählt Schaller die Geschichte ihrer Protagonistin und bringt den Leser damit sehr nahe an eine junge Frau, welche die meiste Zeit über völlig ungreifbar, zuweilen regelrecht unsympathisch erscheint. Die Autorin vermittelt eindrucksvoll die Sonne und die Wärme auf der Haut, den Duft von salzigem Meerwasser und das Gefühl eines sich zu Ende neigenden Sommers.

Hier ist der Roman erhältlich 

Schonungslos deckt Schaller kleine, uneingestandene Wahrheiten des Alltags auf und befasst sich mit wichtigen, aber viel zu selten diskutierten Themen: dem Druck, insbesondere auf junge Frauen, den gesellschaftlichen Erwartungen zu entsprechen, ab einem bestimmten Alter zu wissen, was man will, Ziele vor Augen zu haben – schließlich sei man mittlerweile ja alt genug. Den häufig unter den Teppich gekehrten Fragen: Was passiert, wenn eine langjährige Beziehung unaufhaltsam dem unweigerlichen Ende zusteuert, weil beide Partner eine andere Vorstellung von der Zukunft haben? Ab wann ist es zu spät, um neu anzufangen? Ist es für eine Frau akzeptabel, Tabus zu brechen und ihre Sexualität frei auszuleben? 

Eine Frau mit rotbraunenlangen Haaren stützt ihren Kopf auf ihre linke Hand. Hinter ihr hängt ein groSchwarz-weiß-Portät von ihr

Wer sich Antworten auf diese vom Roman aufgegriffenen Fragen erhofft, wird jedoch enttäuscht. Die Unfähigkeit, eine Entscheidung zu treffen, begleitet die Protagonistin bis ans Ende des Romans und lässt den Leser, der über 200 Seiten lang ihre Reise atemlos mitverfolgt hat, ebenfalls verloren und unbefriedigt zurück. Was an dieser Stelle als Kritikpunkt ausgelegt werden könnte, spiegelt doch eigentlich erneut nur eine weitere schonungslose Wahrheit wider: Für junge Frauen gibt es bisher keinen vollkommen emanzipierten und vor allem akzeptierten Weg weg von gesellschaftlichen Zwängen. Die Fragen nach Ehe, Kindern und einer gesellschaftlich gewünschten Zukunft bleiben.

Und so trifft der Romantitel "Unterwasserflimmern" die Gefühlswelt und Lebensrealität der Protagonistin auf den Kopf. Eine junge Frau, die auf der stetigen Suche nach dem Meer ist, nimmt ihr Leben wahr, wie es unter der Wasseroberfläche erscheint: verschwommene Konturen, gedämpfte Geräusche und Farben, man ist vollkommen umhüllt, umschlossen vom Wasser und dabei ganz bei sich. Die Welt, wie sie wirklich ist, ist zwar immer noch da, doch wenigstens die Entscheidung, wann man wieder auf- und in sie eintauchen möchte, bleibt ganz bei einem selbst.

"Unterwasserflimmern" ist im Haymon Verlag erschienen.

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