SALMAN RUSHDIE: »WUT« Pulsierend, und doch oberflächlich

Salman Rushdies neuer Roman »Wut« erzählt die Geschichte des jähzornigen Professors Malik Solanka, der inmitten einer Lebenskrise Frau und Kind verlässt und nach New York zieht.

Mit seinem neuen Roman »Wut« will Salman Rushdie unbedingt beweisen, dass er auf der Höhe der Zeit ist. Er betreibt ein enormes name-dropping quer durch das Kultur-, Politik- und Showgeschäft - von Lara Croft über Puff Daddy zum Hamburger Thalia Theater, von George Bush bis Idi Amin. Kaum eine Story der Yellow Press, die er nicht streift, kaum einen Zug des American Way of Life, den er nicht zu kommentieren weiß.

»Verschlinge mich, Amerika«

Um diese Schlaglichter rankt sich die Geschichte des jähzornigen Professors Malik Solanka, der inmitten einer Lebenskrise Frau und Kind in London verlässt. Ausgerechnet in New York versucht er sich mit seiner Vergangenheit auseinander zu setzen: »Verschlinge mich, Amerika«, betet jener Solanka und meint: Er ist nach Amerika gekommen, um »sich selbst auzulöschen. Um frei von Bindungen und daher auch von Zorn, Angst und Schmerz zu sein«.

Autobiografisch geprägtes Werk

In Interviews gab der in Indien geborene Schriftsteller bereits zu, dass sein neuestes Werk ähnlich wie »Mitternachtskinder« (1981) viele autobiografische Züge trägt. Rushdies Hauptfigur - Solanka - teilt sein Schicksal. Über Bombay und London verschlägt es beide nach New York. Beide finden dort eine neue Liebe zu einer jungen Inderin. Rushdie, dem wegen seiner »Satanischen Verse« wiederholt von der iranischen Geistlichkeit mit dem Tode gedroht wurde und der deshalb lange im Untergrund lebte, widmete sein Buch »Padma«. Literaturkritikern zufolge ist das gleichnamige indische Model gemeint, wegen dem er sich scheiden ließ.

Solanka wird durch diese Leidenschaft zu Neela schließlich von seiner Wut geheilt, ihretwegen wich der »unberechenbare Jähzorn der wunderbaren Berechenbarkeit der neuen Liebe«. Doch dieses glückliche Ende wirkt nach knapp 400 Seiten wie ein billiges Happy End. Neela, diese perfekte Schönheit, der laut Solanka einfach jeder verfallen würde, soll eine Schlüsselfunktion für sein Leben haben. Doch es wird klar: Hier schreibt jemand, der gerade selber frisch verliebt war und auch Solankas neue Beziehung durch die rosa-rote Brille sehen will.

Trotz Rushdies gewohnt ausschweifender Exkursionen in Solankas Gemüts- und Liebesleben bleibt dieser berühmte Professor, der die weltweit lizensierte Erfolgspuppe »Braingirl« schuf, unsympathisch. Zu konstruiert wirkt die sich erst langsam erschließende Geschichte über den wahren Grund seiner Zornesausbrüche: Als Kind ist er von seinem Stiefvater sexuell mißbraucht worden, unter anderem indem er sich als mädchenhafte Puppe verkleiden musste.

Zusammenhanglose Ausführungen

Und das erfährt der Leser auf Seite 326. Zuvor ist er Zeuge von Solankas Wutausbrüchen gegen seine Ehefrau, gegen den New Yorker Klatsch und Tratsch, Amerikas Unverbindlichkeit und kulturelle Überheblichkeit und den Hass gegen sein mittlerweile weltweit überall - ob in Werbung oder Talk-Shows - vermarktetes »Braingirl«, das - so Solanka, sein »kriminelles Kind« geworden war, zu »einer rasenden Riesin herangewachsen, die jetzt alles darstellte, was er verabscheute«. Kopfschütteln oder eben nur Achselzucken rufen Rushdies seitenlange Ausführungen hervor, die von Thema zu Thema springen und nur mit Mühe einen roten Faden erkennen lassen.

Pulsierend aber ist Rushdies Erzählstil, ganz im Rhythmus der amerikanischen Metropole. Alle seine Handlungsstränge - ob Solankas Lebensgeschichte oder seine Beobachtungen, Streifzüge und Erlebnisse in New York - sind gleich intensiv und dicht geschrieben. Und angesichts der Terroranschläge vom 11. September des vergangenen Jahres auf eben diese stolze, weltoffene Stadt der »Halbwahrheiten und Echos, die irgendwie die Erde beherrscht« (Solanka) bekommt der Roman auch eine neue Aktualität. Doch da geht die Dramatik von Solankas Schicksal, das Rushdie nahe bringen will, einfach unter.

Salman Rushdie: Wut. Roman

Claudia Utermann, dpa

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