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Schiller-Jahr: Schily, Motzki und die Barbaren

Eine Hundertschaft von Schauspielern, vier Bundesminister, ein Altbundespräsident, Opernstars, Popsänger, Schriftsteller und DJs lasen, sangen und deklamierten am Wochenende in Berlin 24 Stunden lang nonstop Friedrich Schiller.

Rund 5000 Zuhörer lauschten im Wechsel dem Schiller-Marathon in der Berliner Akademie. Mit Blick auf das Brandenburger Tor und die Reichstagskuppel, über der die schwarz- rot-goldene Fahne am blauen Winterhimmel flatterte, wurde damit im Neubau der Berliner Akademie der Künste das Schillerjahr 2005 eröffnet. Von nun an erinnern Veranstaltungen in ganz Deutschland noch bis Jahresende an den 200. Todestag des Dichters am 9. Mai.

"Kollektiver Aufstand gegen sprachliche Verarmung"

Die Veranstalter sprachen am Sonntagmittag um punkt 12.00 Uhr, als Schillers "Ode an die Freude" mit der Verszeile "Alle Menschen werden Brüder" verklungen war, von einem "kollektiven Aufstand gegen die sprachliche Verarmung und die Inhaltsleere einer überinformierten Mediengesellschaft". Zudem sei es die "schönste Zumutung der Fernsehgeschichte", wurde der intellektuelle Marathon doch live vom ZDF-Theaterkanal übertragen. Die Palette reichte von "Motzki"-Darsteller Jürgen Holtz über Innenminister Otto Schily (SPD) und "Ärzte"-Musiker Bela B. bis Altbundespräsident Richard von Weizsäcker. Justizministerin Brigitte Zypries (SPD) übte sich im "Kampf mit dem Drachen".

Akademie-Präsident Adolf Muschg philosophierte über die Frage "Woran liegt es, dass wir immer noch Barbaren sind?" und erinnerte daran, dass es die Berliner waren, die Schiller das erste Denkmal (auf dem Gendarmenmarkt) setzten. Schiller sei daher als Ehrenmitglied der Königlichen Preußischen Akademie auch der richtige Mann für die vorgezogene Einweihung des Neubaus der republikanischen Kunstakademie am Pariser Platz. Offiziell wird der Neubau erst im Mai von Bundespräsident Horst Köhler und Kanzler Gerhard Schröder seiner Bestimmung übergeben.

Auftakt mit dem "Wallenstein"-Prolog

Kulturstaatsministerin Christina Weiss (parteilos) gab als Schirmherrin der Veranstaltung im überfüllten Plenarsaal der Akademie mit dem Prolog zu "Wallenstein" den Auftakt zu den zahlreichen Veranstaltungen in Deutschland. Mit den Schiller-Worten "Ernst ist das Leben, heiter ist die Kunst" übergab sie das Podium an die nachfolgenden Akteure, vom 90-jährigen George Tabori bis zum "Shootingstar" Matthias Schweighöfer, der im Mai im ARD-Film "Schiller" die Titelrolle spielt. Regisseur Leander Haußmann ("Sonnenallee") las mit seiner Truppe um Detlev Buck, Anna Thalbach und August Diehl aus dem Manuskript ihrer neuesten Verfilmung von Schillers Drama "Kabale und Liebe".

Nina Hoss und Corinna Harfouch traten als Maria Stuart und Königin Elisabeth gegeneinander an. Der Dramatiker Rolf Hochhuth ließ sich Schillers Betrachtungen über "Die Schaubühne als moralische Anstalt" nicht entgehen. Fernsehautor Wolfgang Menge las den weniger bekannten Schiller-Text über "Die Polizei" und gab zu, "dass ich nicht alles verstehe". Natürlich kamen auch die bekannten Gedichte wie "Das Lied von der Glocke" als "das meistparodierte deutsche Gedicht" und die großen Balladen zu Wort. Der Berliner "Tatort"-Kommissar Boris Aljinovic rezitierte den "Taucher".

"Wohl dem, der frei von Schuld und Fehle"

Von Weizsäcker lagen besonders "Die Kraniche des Ibykus" und "Der Handschuh" am Herzen ("Wohl dem, der frei von Schuld und Fehle"). Umweltminister Jürgen Trittin (Grüne) widmete sich dem Freiheitsdrama "Wilhelm Tell", sein Kabinettkollege Schily las eine Viertelstunde lang Schillers Schrift "Über das Erhabene" vor. Schily nannte sie "eine der radikalsten Schriften Schillers" über den freien Willen des Menschen, Gewalt und Triebe ("Kein Mensch muss müssen").

Für die ganz Hartgesottenen und Frühaufsteher gab es am Sonntagmorgen sogar Feldbetten, während DJs in der Nacht "die Erprobung der Tanzbarkeit des Dichters" anhand von Schiller-Balladen zu Elektro-Beats getestet hatten. Den Anschluss an die Gegenwart brachte ein "Schiller-Institut" auf Flugblättern, das vor der Akademie Stimmen der heutigen Generation zu Schiller verbreitete. Darauf hieß es zum Beispiel: "Leute in meinem Alter denken, dass alles cool sein muss und abgehärtet. Aber Schiller ist total super, weil er zeigt, dass man doch nach seinen Gefühlen gehen kann."

Wilfried Mommert/DPA / DPA