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WM 2006: Etikettenschwindel über 6,7 Millionen

Interne Protokolle von DFB und Kanzleramt zeigen, wie im Vorfeld der WM 2006 getäuscht wurde – auch die Politik ließ sich einwickeln. 

Von Hans-Martin Tillack und Johannes Röhrig

Organisationskomittee für die WM 2006

Das Organisationskomitee für die WM 2006 stand unter dem Vorsitz von Franz Beckenbauer (2.v.r.). Interne Protokolle rücken die Arbeit des Gremiums ins Zwielicht.

Franz Beckenbauer, Günter Netzer, Theo Zwanziger, Wolfgang Niersbach und Gerhard Mayer-Vorfelder – am Vormittag des 8. April 2005 sind die Spitzen des organisierten deutschen Fußballs im Kölner Hotel "Excelsior" ziemlich komplett versammelt. Die Männer – die einzige Frau am Tisch ist Protokollantin – treffen sich an jenem Tag zur turnusmäßigen Sitzung des Organisationskomitees (OK) des DFB für die Fußball-WM 2006. Aus Berlin ist Innenminister Otto Schily (SPD) angereist.

Denn auch die Bundesregierung war in dem Gremium vertreten, das die Weltmeisterschaft organisierte. Für den damaligen Kanzler Gerhard Schröder war die WM eine nationale Aufgabe, er hatte sich schon im Vorfeld mächtig für das Event ins Zeug gelegt, der Bund zahlte Hunderte Millionen Euro für den Ausbau von Stadien. Also nahmen der jeweilige Innenminister – erst Schily, dann sein CDU-Nachfolger Wolfgang Schäuble – wie auch Beamte aus Kanzleramt und Innenministerium regelmäßig an den Sitzungen mit Beckenbauers OK-Leuten teil. Die Protokolle liegen dem Kanzleramt und dem Innenministerium bis heute vor; der stern konnte sie einsehen.

Ausgerechnet in der Sitzung des Aufsichtsrats in Köln im April 2005 wurde demnach eben jener angebliche Kulturzuschuss an die Fifa verhandelt, der den DFB heute in höchste Erklärungsnöte bringt – die Skandal-Millionen.

Ominöse Tischvorlage

Beckenbauers OK-Präsidium präsentierte eine Tischvorlage. Man wolle dem Weltfußballverband Fifa in Zürich sieben Millionen Euro aus dem Kulturbudget überweisen, weil die in Berlin geplante Eröffnungsgala deutlich teurer werde. Laut Protokoll wurde der Vorgang von Theo Zwanziger im Präsidialausschuss des Aufsichtsrats "ausführlich" erläutert.

Heute ist klar, dass der Zahlungsgrund nur vorgeschoben war. Mit der Zahlung von 6,7 Millionen Euro auf ein Fifa-Konto sollte 2005 eine Rückzahlung an den Adidas-Eigner Robert Louis-Dreyfus verschleiert werden, die dieser den WM-Organisatoren Jahre zuvor diskret vorgestreckt hatte. Wofür, ist unklar. Ob die Dreyfus-Millionen einst zum Stimmenkauf bei der WM-Vergabe verwendet wurden, wie der "Spiegel" und Theo Zwanziger glauben, oder als eine Vorauszahlung an den Weltverband, wie der heutige DFB-Präsident Niersbach angibt, zeigen auch die Protokolle aus den Aufsichtsgremien nicht. Die Papiere offenbaren allerdings, wie Beckenbauer und Co. auch die Politik über die wahren Gründe der Zahlung täuschten, indem sie eine Legende strickten.

Warum sollte Deutschland an die Fifa zahlen, statt umgekehrt?

Schon damals musste der Vorschlag eigentlich merkwürdig erscheinen. Eigentlich sollte die Fifa die Kosten der Gala alleine tragen – aus ihren hohen Vermarktungserlösen für das Turnier. Fifa-Chef Sepp Blatter persönlich hatte Kanzler Schröder offenbar einen zweistelligen Millionenbeitrag für das Kulturprogramm versprochen – bei einem Treffen mit dem Eventkünstler André Heller in dessen Anwesen am Gardasee im Oktober 2001. Einmal sprach Schily von einer Zusage über 20 Millionen Mark, ein andermal nannte ein Schröder-Mitarbeiter sogar eine Zahlung von 15 Millionen Euro, die "bisher allerdings nicht erfolgt" sei. Warum musste dann plötzlich das deutsche WM-Komitee an die Fifa zahlen, statt umgekehrt?

Otto Schily nahm nach eigenen Angaben im April 2005 in Köln zwar am Aufsichtsrat, aber nicht an der Sitzung des Präsidialausschusses teil. Doch sein Staatssekretär Göttrik Wewer war dabei. Wewer arbeitet heute bei der Deutschen Post; er wollte sich gegenüber dem stern nicht äußern. So oder so: Schily ging davon aus, dass die OK-Spitze das Recht habe, das Geld aus dem Kulturbudget zu überweisen.

Heute ist klar, dass die Summe nicht für die Gala gedacht war. Zumindest Beckenbauer und Zwanziger wussten das bereits damals. Man habe einen "Etikettenschwindel" begangen, räumt der ehemalige DFB-Präsident heute ein. Von einem "Fehler" spricht Beckenbauer. Doch nach Recherchen des stern war es womöglich mehr als das: Vielleicht sogar eine Straftat, selbst dann, wenn sich der Bestechungsvorwurf nicht erhärten ließe. Nach der damaligen Geschäftsordnung des Aufsichtsrats brauchte Beckenbauers OK-Präsidium nämlich für alle Verträge, "deren wirtschaftliches Volumen 250.000 Euro übersteigt", die ausdrückliche Zustimmung des Aufsichtsrats – vertreten durch dessen Präsidialrat, in dem auch der Innenminister saß. Ausgerechnet in der Sitzung in Köln hob das Aufsichtsgremiums diese Wertgrenze sogar auf 500.000 Euro an, "um dem OK-Präsidium für die operative Umsetzung mehr Flexibilität einzuräumen", wie es im Protokoll hieß.

Umstände erlauben "den Vorwurf, dass das nicht sauber war"

Aber 6,7 Millionen aus dem Kulturbudget für ganz andere Zwecke als dargestellt? Das könnte den – wenn auch mittlerweile wohl verjährten - Tatbestand der Untreue darstellen, sagten vom stern befragte Strafrechtler. Die Umstände erlaubten "den Vorwurf, dass das nicht sauber war", urteilt der Wittenberger Rechtsprofessor Kai Bussmann.

Und die Merkwürdigkeiten hören hier nicht auf. Acht Monate nach dem Treffen in Köln, im Dezember 2005, versammelte sich der Aufsichtsrat des DFB-Komitees erneut - diesmal in München im Kempinski am Flughafen –  um über das Budget zu beraten. Nach dem Regierungswechsel in Berlin war nun auch der neue Innenminister Wolfgang Schäuble von der CDU dabei.

Es ging um den Zuschuss der Fifa an die deutschen WM-Organisatoren – also den Betrag von 170 Millionen, für den die Deutschen wiederum nach der Version von Niersbach als Gegenleistung im Jahr 2002 die ominösen 6,7 Millionen zahlen mussten.

In der Vorlage für den Aufsichtsrat im Dezember 2005 war nun jedoch merkwürdigerweise von einem Fifa-Zuschuss von 176,7 Millionen an das deutsche Organisationskomitee die Rede – also ausgerechnet 6,7 Millionen mehr, als aus Zürich tatsächlich gezahlt wurde. Das fiel anscheinend keinem auf. Schäuble kann sich – so ein Sprecher heute – nicht mehr an die Sitzung erinnern.

Die Stimmung schien gut im Dezember 2005, denn es zeichnete sich ein deutlicher Überschuss ab. Am Ende würde das Beckenbauer-Komitee aus dem Gewinn sogar 45 Millionen an die Fifa zurückzahlen – laut DFB war der ursprüngliche Zuschuss der Fifa "im Vorfeld" mit einer solchen Rückerstattung "verknüpft".

Die 6,7 Millionen kümmerten keinen

Aber wenn das von Anfang an vereinbart war – warum musste man dann bereits am Anfang überdies auch noch 6,7 Millionen nach Zürich überweisen? Und warum fragte keiner nach, als die Fifa im Januar 2006 für alle in Deutschland überraschend die große Eröffnungs-Gala absagte? Der Vorwand für die Überweisung von 6,7 Millionen Euro war nun weggefallen, aber ausweislich des Protokolls sprach das keiner an, als der Aufsichtsrat Anfang Februar 2006 über den neuen Ärger mit der Fifa diskutierte. Schily, der auch als Ex-Minister immer noch in der Runde saß, beschwerte sich zwar über den Züricher Dachverband: Der habe seine Pflicht versäumt, die Bundesregierung vorab zu konsultieren. Aber die 6,7 Millionen kümmerten offenbar keinen. Warum nicht? Man habe "davon ausgehen" können, sagt Schily heute, dass diese Zahlung "in die Endabrechnung mit der FIFA eingehen würde". Was dann aber nicht geschah.

Am Mittwoch will sich der Sportausschuss des Bundestages mit dem Thema befassen. Das Innenministerium hat bereits angekündigt, die eigenen Akten über die WM zu prüfen.

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