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Hans-Martin Tillack: WM 2006: Untersucht wird, wenn die Presse anfragt

Ein bisschen Aufregung und wenig Aufklärung – das kam raus, als am gestrigen Mittwoch der Sportausschuss des Bundestages über den Skandal um die Fußball-WM 2006 diskutierte. In nichtöffentlicher Sitzung, wie bei Bundestagsausschüssen üblich.

Leute, die etwas wissen könnten – wie Ex-Innenminister Otto Schily (SPD) und DFB-Präsident Wolfgang Niersbach - waren eingeladen, aber nicht gekommen. Der Regierungsvertreter, der gekommen war, wusste wenig zu sagen. Aber weil es imSportausschuss von Abgeordneten wimmelt, die zugleich Sportfunktionäre sind, war dann doch einer anwesend, der über intime Kenntnisse verfügte: der CDU-Mann Reinhard Grindel, der zwei Hüte auf hat. Einerseits ist er stellvertretender Vorsitzender des Ausschusses - und zugleich seit Oktober 2013 Schatzmeister des Deutschen Fußball-Bundes (DFB).

In welcher der beiden Funktionen er denn nun hier spreche, wollte der Grünen-Abgeordnete Özcan Mutlu von Grindel wissen. Der fand es „unfair“, dass man ihn erst nach seinen Kenntnissen befragt hatte und ihm dann die Doppelrolle zum Vorwurf machte.

In der Sache verriet aber auch Grindel wenig. Man müsse erst die Ergebnisse der Untersuchung abwarten, mit denen der DFB die Anwaltskanzlei Freshfields beauftragt hatte. Einige im Ausschuss wollten etwas herausgehört haben, was der Abgeordnete mit dem Doppelhut offenbar gar nicht gemeint hatte: dass er vorsichtig auf Distanz zu seinem eigenen Verbandschef gegangen sei. Während nämlich DFB-Präsident Niersbach Bestechung im Vorfeld der WM 2006 kategorisch bestreitet, wiederholte Grindel diese Aussage nicht. Er verwies nur - ganz pauschal - auf die laufende Untersuchung, deren Ergebnisse der DFB dann am Ende auch gerne im Sportausschuss vorstellen werde.

Wenig trug offenkundig auch der Vertreter des für Sportpolitik zuständigen Innenministeriums bei. Der Parlamentarische Staatssekretär Ole Schröder zog sich wie Grindel auf das Argument zurück, die eigenen Untersuchungen seien noch im Gange. Im Innenministerium betrifft das tausende Seiten Akten, die im Haus zu dem Thema WM 2006 vorliegen.

Bereits am 5. Juni hatte Mutlu einen Brief an Kanzlerin Angela Merkel und Innenminister Thomas de Maiziére geschrieben – aufgeschreckt von Zeitungsmeldungen, dass möglicherweise auch bei der Vergabe der WM an Deutschland nicht alles mit rechten Dingen zugegangen sein könnte. Mutlu schlug vor, die bei den Bundesministerien und im Kanzleramt vorhandenen Akten zur WM-Bewerbung zu veröffentlichen „und mit höchstmöglicher Transparenz jeden Verdacht ... auszuräumen“.

In der Antwort, die er am 30. Juni von de Maizière erhielt, lehnte der Minister eine vollständige Veröffentlichung der Akten ab. Aus „datenschutzrechtlichen Gründen“ sei das nicht möglich. Aber der CDU-Politiker verwies auf mehrere Anträge nach dem Informationsfreiheitsgesetz (IFG), die „von Pressevertretern“ eingereicht worden seien. In der Tat hatte – zufällig ebenfalls am 5. Juni – der stern im Innenministerium und im Kanzleramt den Zugang zu den WM-Akten beantragt; ungefähr zeitgleich hatte dies offenbar auch eine große südostdeutsche Tageszeitung getan. Vor einigen Tagen berichteten wir anhand der Akten über die merkwürdigen Vorgänge im Organisationskomitee für die WM – und über die Rolle der Politik.

Kurios nur, was de Maizière in seinem Brief an den Abgeordneten Mutlu noch verriet. Zum einen sah er „derzeit keinen Anlass, an einem ordentlichen Bewerbungsverfahren“ für das Fußballturnier „zu zweifeln“. Sollten sich jedoch – so der Innenminister weiter - „im Zuge der Bearbeitung der IFG-Anträge konkrete Verdachtsmomente ergeben, wird diesen nachgegangen werden“.

Anders gesagt: Das Ministerium ließ die Akten erst auf Verdachtsmomente prüfen, nachdem wir Journalisten angefragt hatten. Woraus Mutlu diesen Schluss zog: „Ohne Presseanfragen hätten sie vielleicht gar nicht ermittelt.“

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