HOME

Sex-Ratgeber: Fummel! Flutsch! Stöhn!

Wie oft? Wie lang? Wie rum? Das Verkehrschaos in deutschen Betten muss zugenommen haben - denn Sex-Ratgeber boomen. Ein Streifzug durch die neue Liebhaber-Literatur - von Elchstellung bis Penis-Samba.

Von Ildikó von Kürthy und Peter Stemmler (Illustrationen)

Um eines gleich klarzustellen: Ich mach hier auch nur meinen Job. Glauben Sie mir, ich hätte echt lieber das geile Stoiber-Interview über die Haltung der Opposition zur Agenda 2010 geführt, statt im Stadtpark von einer Horde Halbwüchsiger wachgepfiffen zu werden, bloß weil ich eingenickt war unter dem Buch "Sex-Tipps für ausgeschlafene Mädchen". Und es ist keine Freude, wenn einem die Buchhändlerin mit starrem Blick eine blickdichte Tüte reicht und auf die Frage, ob man eine Quittung für die erworbenen Bücher erhalten könne, sehr laut sagt: "Längere Titel so wie 'Sex-Geheimnisse für den ultimativen Lust-Trip' werden aber nicht komplett ausgedruckt."

Liebe Leserin, lieber Leser, ersparen Sie mir also spöttische Briefe, halten Sie sich bitte zurück mit anzüglichen Kommentaren, und falls es nach der Lektüre dieses Artikels in Ihrem Schlafzimmer zu beschämenden Unfällen kommen sollte - in Zusammenhang mit Zwiebelringen zum Beispiel, aber dazu später mehr -, wenden Sie sich bitte direkt an die Chefredaktion.

Zur Sache: Es ist tatsächlich so, dass sich Sex-Ratgeber wie blöd verkaufen. Ununterbrochen erscheinen neue Bücher, mit deren Hilfe der Beischlaf lustvoller, die Ausstrahlung erotischer und der Vaginalmuskel trainiert werden soll. Aber wer will das wissen? Woher kommen auf einmal die Heerscharen von Lernwilligen, die sich mit Stellungen abmühen, vor denen jeder Sportmediziner nachdrücklich warnen würde?

Zum einen ist es noch nicht so lange her, dass der Sex Geschlechtsverkehr hieß und diesen Namen auch verdiente, weil er in erster Linie der Fortpflanzung diente. Wenn's denn mal Spaß gemacht hat, war das eher ein Ausrutscher. Die Frage "Bin ich ein guter Liebhaber?" haben sich Männer vor 30 Jahren genauso selten gestellt wie "Ob ich diese Teller einweichen sollte, bevor ich sie in die Spülmaschine tue?" Aber seit es die Pille gibt, ist der Beischlaf zum Vergnügen geworden - oder eben nicht.

Diese grosse G-Punkt-Generation, welcher der Sex partout Spaß machen muss, fängt an, sich zu langweilen. Die geburtenstarken Jahrgänge der Sechziger sind jetzt in einem Alter, in dem man sich üblicherweise "etabliert" nennen lassen muss. Und nicht wenige Eheleute fragen sich angesichts aktueller Umfragen, in denen Paare zwischen 50 und 80 Jahren behaupten, sie täten es zweimal pro Woche: "Wer hat eigentlich meinen ganzen Sex?" Ja, da schämst du dich doch als Person, die erst auf die 40 zugeht und dennoch bereits einen Monat nicht gepoppt und noch nie von der Nummer mit den Zwiebelringen gehört hat!

Und was tun wir, die wir bereits Steuer-Ratgeber, Trennungs-Ratgeber, Ernährungs-Ratgeber und Erziehungs-Ratgeber in unseren Bücherregalen haben? Wir besorgen uns einen Sex-Ratgeber. Ich habe gleich 26 gekauft - und einige davon zu Feldforschungszwecken im Bekannten- und Kollegenkreis verteilt.

Die absolute Nummer eins unter den Beischlafhilfen habe ich meiner Kollegin Jennifer M. aufs Auge gedrückt. Das Buch heißt "Die perfekte Liebhaberin" und steht seit knapp zwei Jahren auf der Bestsellerliste. Mehr als eine halbe Million deutsche Frauen müssten laut Angaben des Verlages derzeit in der Lage sein, den "Penis-Samba" korrekt auszuführen, virtuos "auf dem Vorhautbändchen zu klimpern" und zusätzlich noch "eine halbe Pirouette am Schaft" zu drehen. Nicht wenige Vorhautbändchen inklusive der dazugehörigen Männer danken in diesem Moment womöglich ihrem gnädigen Schicksal, das sie vor einer Begegnung mit einer derart vorgebildeten Liebhaberin bisher bewahrt hat.

Jennifer meinte, sie hätte schon lange kein bescheuerteres Buch in den Händen gehabt. Der Ton von "Die perfekte Liebhaberin" erinnere sie an amerikanische Dauerwerbesendungen für Speck-Weg-Trainer und die Zeichnungen an die Gebrauchsanweisungen zum Zerlegen von Vergasern. Wenn wundert's, dass Jennifers Lebensgefährte, nachdem er das Buch durchgeblättert hatte, erschrocken seine Geschlechtsteile in Sicherheit brachte.

Großes Hallo hingegen im Kollegenkreis. Besonders Männer, ja, es waren auch Vorgesetzte darunter, sparten nicht mit lustigen Bemerkungen wie: "Jenny, ich hätte echt nicht gedacht, dass du so was nötig hast" oder "Baby, was da drin steht, kannst du alles auch von mir lernen." Angesichts solcher Kommentare versteht man die Weisen des Altertums, die davon überzeugt waren, dass mit jeder Ejakulation auch etwas Gehirnmasse verloren geht.

Das Buch "Der perfekte Liebhaber" hat sich aber auch fast eine halbe Million mal verkauft. Was zunächst noch wie eine erfreuliche Nachricht klingt, wird durch eine Studentin aus Aachen relativiert, die ihren Erfahrungsbericht unter dem Titel "Frau als Opfer des Buches" beim Online-Buchhändler Amazon veröffentlicht hat: "Ich hatte vor kurzer Zeit eine Bettbekanntschaft der sich tatsächlich ziemlich wörtlich an das Buch 'Der perfekte Liebhaber' gehalten hat; eine KATASTROPHE!!!!! Er hat es sogar währenddessen rausgeholt, um mir ein Bildchen zu zeigen. Dann wollte er mich aufklären, wo mein G-Punkt liegen würde und fing an in mir rumzuwühlen. Was mich allerdings ziemlich schnell in die Flucht schlug und meine Lust auf Männer für einige Wochen dämpfte! Das war der absolute Abtörner, echt."

Verunsicherung und Lustlosigkeit machen es sich weltweit in den Betten bequem. Ein paar schlimme Zahlen: 20 bis 30 Prozent der Männer und 30 bis 50 Prozent der Frauen in den USA haben kaum Lust auf Sex, für 23 Prozent der Amerikanerinnen ist Sex grundsätzlich keine angenehme Sache. Unter den 25- bis 45-Jährigen, die in den siebziger Jahren in die Sexualberatungsstelle der Hamburger Universitätsklinik kamen, klagten acht Prozent über "Lustlosigkeit", in den Neunzigern waren es bereits 58 Prozent. Komisch, immer mehr Frustrierte stehen immer mehr Ratgebern gegenüber.

"Ich sage Ihnen, die Mehrheit der Menschen bekommt nicht die Sexualität, die sie gerne hätten", erklärt Lou Paget, die Autorin von "Der perfekte Liebhaber", von "Die perfekte Liebhaberin" und von "Der Super Orgasmus". Sie muss es wissen - oder machen Frau Paget und ihre Berater-kollegen alles nur noch schlimmer mit Büchern wie "Best Hot Sex", "Supersex", "Hot Sex", "So macht man brave Mädchen wild" und "Sag Luder zu mir".

Alles heiß, alles sexy, als wild und natürlich alles perfekt. Setzt die Lustlosigkeit womöglich in dem Moment verstärkt ein, wenn man sich als Frau beschämt fragt, ob man eigentlich die Einzige ist, die noch nie einen Muttermundorgasmus, einen Brustorgasmus, ja nicht mal einen popeligen Harnröhrenorgasmus erlebt hat? Und beginnt einen die Verunsicherung vielleicht erst dann zu quälen, wenn man als Mann, der schon Jahrzehnte auf der Suche nach dem G-Punkt ist, erfahren muss, dass es angeblich auch noch einen K-Punkt, einen U-Punkt und einen V-Punkt gibt?

Wie armselig kommt man sich vor, wenn man bisher noch nie was gehört hat von "Slawischer Stellung 1", geschweige denn von "Slawischer Stellung 2"? Oder wenn man lesen muss: "Während Frauen einen Orgasmus auf mindestens zehn verschiedene Arten erleben können, sind es bei Männern hauptsächlich vier." Und dann noch die Angelegenheit mit den Zwiebelringen. Aber dazu später mehr.

Ratgeber, Statistiken, Zeitschriften und Fernsehen: Überall geht's um Kopulationsfrequenz, Orgasmusfähigkeit, Leidenschaftswiederbelebungsmaßnahmen und - Zwiebelringe. Das vermittelt Menschen, die bislang kurioserweise recht zufrieden mit ihrem Sexualleben waren, den Eindruck, alle anderen machten es wesentlich öfter und hätten auch noch wesentlich mehr Spaß dabei. Ein belastender Verdacht, der zu Spannungen auf den Laken führen kann.

"Harnröhrenorgasmus? Die haben doch 'ne Klatsche." Das findet Michael Mary, Paarberater und Autor des Bestsellers "5 Lügen die Liebe betreffend". Er sagt: "Technik erzeugt keine Leidenschaft. Wer glaubt, er müsse sich nur an die Tipps aus solchen Ratgebern halten, wird damit garantiert auf die Nase fallen. Sex-Ratgeber setzen nämlich das voraus, was sie vorgeben schaffen zu wollen: die Leidenschaft." Der Sexualwissenschaftler Rolf Gindorf, Leiter des Instituts für Lebens- und Sexualberatung in Düsseldorf, hat beobachtet, dass mittlerweile immer mehr Menschen zu ihm kommen, nicht weil sie ein Problem haben, sondern weil sie glauben, sie hätten eines. "Der Hauptteil unserer Arbeit besteht darin, die Leute von falschen Vorstellungen zu befreien. Vor allem Männer haben das Gefühl, sie seien nicht so, wie sie eigentlich sein sollten."

Im Rahmen meiner nicht repräsentativen Befragung beschwerte sich Kollege Ludger H.: "Ich bin umgeben von vögelnden Paaren, die dabei auch noch gut aussehen." Er selber habe es versehentlich einmal im Hotel vorm Spiegel getan und sei froh, dass der Anblick keine bleibenden psychischen Schäden hervorgerufen habe. "Alles, was ich in diesen Ratgebern je gesehen habe, könnte ich mit meiner Frau gar nicht praktizieren", sagt er. "Gedruckt sieht das so einfach aus. Aber Tatsache ist, dass du Sex im Stehen nur mit einer Frau haben kannst, die weniger als sieben Kilo wiegt. Und wenn du dich anlehnst, schrubbelt sich einer von beiden den Rücken an der Raufasertapete auf." Die Stellung, auf die Ludger H. schwört, heißt "Der eierlaufende Frosch". Oder war es "Der Ski fahrende Elch"? Ist ja auch egal, er hat sie jedenfalls mit Strichmännchen aufgemalt. Praktiziert hat er sie, er gab es nach mehrmaligem, skeptischem Nachfragen meinerseits zu, einmal.

"Es gibt gute, und es gibt schädliche. Die letzteren sind wie so oft in der Überzahl", sagt Rolf Gindorf über Sex-Ratgeber. "Viele dieser Bücher geben Leistungsnormen vor und schaffen neue Zwänge. Man muss sich da schon fragen, ob mehr Lust oder mehr Umsatz geschaffen werden soll."

Die guten Ratgeber sind rar. Die meisten sind peinlich, langweilig und unfreiwillig komisch. Ich jedenfalls würde mich schon mordsmäßig wundern, wenn mein Partner das Schlafzimmer als Mechaniker verkleidet beträte, mit jeweils einem verdreckten Autoreifen unterm Arm. Dieser Tipp stammt aus "Best Hot Sex", zu finden unter "Weibliche Fantasien", Seite 96 - nur falls Sie interessiert sind. Da steht auch, dass man als orgasmusbewusste Frau ruhig mal einen Schutzhelm aufsetzen sollte, wie ihn die Bauarbeiter tragen, um die Fantasie des Beischlafpartners anzuheizen. Schimpfen Sie mich spießig, aber ich habe einfach kein Hutgesicht.

Nun zu den empfehlenswerten Ratgebern. Meiner Bekannten Karoline L. habe ich einen echten Gefallen getan. Ich teilte ihr das Buch mit dem komplett beknackten Titel "Der Sex-Guide für freche Frauen" zu. Ihr Leben nahm daraufhin eine entscheidende Wendung. Karoline hat nämlich eine sehr große Badewanne. Und sie war die anzüglichen Bemerkungen leid, die Erstbesucher regelmäßig beim Anblick dieser Wanne von sich gaben. Nein, Karoline L. hatte noch niemals Sex in ihrer Badewanne, und jetzt kann sie endlich aufhören, sich dafür zu schämen.

Der Sex-Guide der Britin Flic Everett räumt mit etlichen Mythen auf, die uns jahrelang unter Druck gesetzt haben. Karoline kennt die Passagen auswendig: "In der Wanne Wonne zu suchen, ist ungefähr so spaßig wie im Dunkeln Wale zu harpunieren. Keiner sieht, was er tut, und bei dem unseligen Gerutsche und Gefummle werden sämtliche nützliche Körperflüssigkeiten vom Schaumwasser hinfortgespült."

Außerdem empfiehlt Everett, eine ganze Reihe sexueller Spielarten nur nach dem Genuss von sehr viel Alkohol zu erproben, mit der Gewissheit, dass man sich am nächsten Morgen an nichts mehr erinnern kann. Sie warnt vor Männern, die Gefühle für Phil Collins hegen, und hat den ultimativen Absatz übers Kamasutra verfasst, der dem durchschnittlich ungelenken stern-Leser nicht vorenthalten werden soll:

"Wer das Kamasutra auf den internationalen Buchmarkt geworfen hat, gehört geteert und gefedert. Dieses Werk mag ja für Hindus in Ordnung gewesen sein, die ihr Leben lang Yoga gemacht haben und infolgedessen ihre Körper mühelos zu Brezeln verknoten konnten, um einen besseren Orgasmus zu erleben. Aber für den gemeinen Westeuropäer von heute ist es beschämend, einen Abbildung von 'Zwei Enten fliegen über eine Ziege' anzusehen und sich sagen zu müssen, dass die eigenen Gliedmaßen diese Verrenkungen niemals unbeschadet überstehen könnten. Ich sage: Schluss damit! Sie werden keine Freude am Sex haben, sondern Dinge denken wie: 'Ich hasse es, wenn mein Bauch aussieht wie ein Stapel alter Autoreifen.' Genau genommen gibt es nur fünf Positionen, die für angenehmen Sex geeignet sind - alle übrigen sind reine Dekoration und dienen dazu, die Welt einmal aus anderer Perspektive zu sehen." Danke, Frau Everett, im Namen der Nation.

Michael Mary rät Paaren, "den freundlichen Hinweisen ihres Begehrens zu folgen. Setzen Sie sich auf die Spur Ihrer Lust und lassen Sie sich dabei von Ihren Fantasien leiten. Trauen Sie sich, diesen Impulsen - die bei jedem vorhanden sind - nachzugeben." Und wenn Sie herausfinden, dass Ihr persönliches Liebesglück in direktem Zusammenhang mit Zwiebelringen steht, sei's drum.

Um die Sache allmählich zu einem runden Ende zu bringen: Auf Seite 70 des idiotischen Buches "Sex-Tipps für ausgeschlafene Mädchen" steht die Anregung, "panierte Zwiebelringe zu braten und über den erigierten Penis Ihres Liebhabers zu werfen". Jennifer M. fragte sich, ob man auch frische Bagels nehmen könne, während Ludger H., ein ausgesprochener Freund der Mittelmeerküche, Tintenfischringe vorschlug. Sie sehen, der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt.

Sex-Ratgeber sind gut, wenn man sie gut findet, sich nicht verunsichern lässt und nicht an Wunder glaubt. So einfach ist das, und die Botschaft lautet: Machen Sie doch, was Sie wollen. Hauptsache, Sie schreiben mir keine blöden Leserbriefe.

print