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Oktoberfest aus der Sicht einer Sängerin: Atemlos mitten im Wiesn-Wahnsinn

Fummeln, grölen, Bier aus Schuhen: Das Hofbräuzelt gilt als wildester Partyort des Oktoberfests. Sängerin Julia ist jeden Tag mittendrin im Wiesn-Wahnsinn. Der stern war dabei.

Von Sarah Stendel und Jens Maier, München

Julia Häglsperger singt mit der Kapelle "Alois Altmann und seine Isarspatzen" im Hofbräuzelt.

Julia Häglsperger singt mit der Kapelle "Alois Altmann und seine Isarspatzen" im Hofbräuzelt.

Jetzt ist es links vorne wieder so weit: Ein junger Mann in Lederhosen hat sich auf die Bank gestellt und hebt den Maßkrug an die Lippen. Ein Grölen geht durch die Menge, lautstark feuern ihn bis zu Zehntausend Menschen im Hofbräuzelt auf dem Münchner Oktoberfest an. Er wird den Liter Bier auf Ex trinken und sich dafür von der Masse frenetisch feiern lassen. Julia Hägelsperger kennt solche Szenen gut: Die 29-Jährige singt in der ersten Wiesn-Woche jeden Tag mit der Kapelle "Alois Altmann und seine Isarspatzen" für die Hofbräu-Besucher.

Oben auf der Bühne thronen sie und die 23 Musiker, darunter schunkeln die Feierwütigen. Von hier sehen die schwarzbekleideten Wachmänner wie kleine Ameisen aus, wenn sie wieder einmal durch die Reihen stürmen, um einen Volltrunkenen aus dem Zelt zu befördern. Vorne an den Stehtischen singen die Leute ausgelassen mit, werfen Häglsperger Kusshände und Plastikblumen zu.

Die Leute im Hofbräuzelt gehen mit: Hier ist schon mittags Partystimmung.

Die Leute im Hofbräuzelt gehen mit: Hier ist schon mittags Partystimmung.

Drei Mal am Tag "Atemlos"

"Ich bin hier oben wie auf einer Insel der Glückseligen. Die Bedienungen und Wachmänner haben die härtere Arbeit", sagt sie. Das Hofbräuzelt gilt als das wildeste Partyzelt der Wiesn, hier kommt auch rein, wer an den Türstehern der anderen Zelte gescheitert ist. Vor allem junge Touristen, oft auf Junggesellenabschied, tummeln sich, man hört fast nur Englisch. "Ich merke manchmal richtig, wie die Menge nach einer Runde deutscher Schlager auf etwas wie 'Time of My Life' wartet", erzählt die Sängerin.

Das gilt natürlich nicht für den absoluten Wiesn-Hit "Atemlos" - den schmettern mittlerweile selbst die Touristen mit. Drei Mal am Abend spielt die Kapelle den Helene-Fischer-Song und man meint fast, vor den erhitzten Gesichtern im Publikum Dampfschwaden zu sehen. "Ich finde es toll, ausgerechnet im zweitgrößten Zelt zu spielen. Ich bekomme so viel Energie vom Publikum, das ist der Wahnsinn", sagt Häglsperger. Und die braucht sie auch: Sieben Stunden trällert sie jeden Tag, um 16 Uhr geht ihre Schicht los. Gegen 19 Uhr gibt es eine kleine Verschnaufpause - dann will sie am liebsten raus aus dem Zelt, wo es schon mal 28 Grad warm werden kann.

Eigentlich arbeitet die Bayerin als TV-Journalistin, gerade kehrte sie von einer Reportage-Reise aus der Ukraine zurück. Vor ihren Wiesn-Gigs sichtet sie Kameraaufnahmen von verlassenen Häusern aus der verstrahlten Zone, nahe Tschernobyl.

Häglsperger singt schon das zweite Jahr auf dem Oktoberfest.

Häglsperger singt schon das zweite Jahr auf dem Oktoberfest.

Der schönste Moment

Nachmittags sieht sie dann wieder, wie die Leute das Bier auf Ex kippen - teilweise sogar aus ihren Schuhen statt aus dem Maß-Krug. Oder wie Pärchen sich in aller Öffentlichkeit vor lauter Fummelei fast die Trachten vom Leib reißen. "Aber das Umschalten geht schnell, ich muss mich schließlich auf die Musik konzentrieren", sagt sie. Und darauf, sich die Fans vom Leib zu halten: Im Laufe des Abend versuchen immer wieder Leute aus dem Publikum, auf die Bühne zu gelangen, wollen Fotos mit den Musikern. Dann ist von der Band Charme gefragt, um die ungebetenen Gäste wieder loszuwerden.

Das Hofbräu-Zelt ist immer voll, die Stimmung immer am Kochen. Wenn eine Schlägerei droht, bittet die Security die Musiker, jetzt lieber ein ruhigeres Lied zu spielen. Trotzdem genießt Häglsperger ihre Zeit mitten im Wiesn-Wahnsinnn. "Der schönste Moment ist jeden Abend der Song ‚Angels‘ von Robbie Williams." Dann liegt sich das ganze Zelt in den Armen und singt Wort für Wort mit. "Ich brauch dann fast nicht mehr zu singen", sagt Julia Häglsperger. Das sehen die Zuschauer anders: "Hammer gesungen" oder andere Komplimente fliegen ihr zu, wenn sie gegen 22:30 Uhr die Bühne, ihre Insel der Glückseligen, verlässt.

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