Germany's Next Topmodel Fummeln mit Transen


Da mussten sich die Mädels mal ganz schön am Riemen reißen: Statt Walle-Haar und Lidschatten gab's Bartstoppeln und Socken in die Hosen. Das war für einige zu viel Theater - wo sie doch den emotionalen Höhepunkt der Sendung schon im ersten Akt durchleiden mussten.
Von Claudia Pientka

Bruce hätte seine wahre Freude gehabt an dieser Sendung. Oder zumindest an den ersten fünf Minuten. Die dreimal bedeutungsschwanger angekündigte Trennung der siamesischen Zwillinge Gina-Lisa und Sarah wurde vor laufenden Kameras vollzogen. Blut floss nicht, vielmehr schoss es in die Köpfe der Zuschauer, kollektives Erröten und Fremdschämen in deutschen Wohnzimmern: "Okay, Schatz, du bist was ganz, ganz Besonderes", haucht die eine. "Gib Gina die Chance" die andere. "Gib Sarah die Chance." "Mach du weiter." "Nein. du." Und so weiter. Um es an dieser Stelle kürzer zu machen: Die Frankfurter Göre Gina-Lisa muss gehen. Peyman Amin ist den Tränen nah, Sarah am Boden zerstört, aber am traurigsten ist es wohl für die Zuschauer. Das Mädchen mit dem Doppelnamen mag eine Donatella für Arme gewesen sein, aber sie war bestimmt das Mädchen mit dem größten Unterhaltungswert. Ein großes Drama.

Aber es hilft ja nichts, the show must go on, auf zu neuen Höhepunkten. Doch das fällt weder den Möchtegern-Models noch der Sendung leicht. Vergangene Woche war New York, sexy Bikinishooting und Gina-Lisa. Diese Woche ist Düsseldorfer Flughafen, Männerklamotten und Gisele. Doch zunächst müssen die Mädels noch gejetlagged ein Casting für das deutsche Modelabel Talbot Runhof bestehen, als Preis winkt Paris. Direkt vom Kofferband geht es noch am Flughafen auf den Catwalk, auch für Sarah, die das erste Mal ohne ihren persönlichen Live-Coach Gina-Lisa ranmuss. Dafür gibt's von Heidi ein paar Ratschläge gratis: "In diesem Job bist du ein Einzelgänger. Ich bin an die tollsten Orte der Welt geflogen - auch immer allein mit meinem Rollköfferchen." Na dann.

"Du geiles Stück"

Fürs "Challenge" am nächsten Tag dürfen die angehenden Topmodels dann wieder in die Maske - auf die dann manche doch ganz gern verzichtet hätten. Aus den Mädchen sollen Kerle werden, echte Typen oder besser gesagt, Stereotypen der Gesellschaft: Bauarbeiter, Rocker, Rapper, Boxer. Die Models sollen einmal mehr ihre berühmt-berüchtigten schauspielerischen Fähigkeiten zeigen - als ob sie in den vergangenen Sendungen nicht schon zur Genüge bewiesen hätten, dass sie auf diesem Gebiet weitestgehend talentfrei sind. Aber egal, Heidi Klum musste sich schließlich auch mal als Mann fotografieren lassen, und da jeder noch so abseitige Klum'sche Auftrag als Realitätsbeweis gilt, müssen sich Bianca, Wanda und Co. Koteletten und Brusthaare aufkleben und Socken zwischen die Beine stopfen lassen.

Leider machen die Requisiten die Models auch nicht zu Method-Actern, und hätte Heidi nicht drei Transvestiten als Co-Stars engagiert, würde die siebte Folge als langweiligste der "GNT"-Geschichte eingehen. So darf sich der Zuschauer wenigstens an den Reaktionen der Weiber auf die Mannsweibern erquicken: "Ich hab sofort erkannt, dass das keine normalen Frauen sind", kombiniert Watson-Bianca. Gisele nölt: "Das ist mir jetzt vielleicht etwas unangenehm, weil die so nah an mir dran sind, und Transen fassen einen ja immer gleich so an." Und Sophia prustet heraus: "Oh Gott, schon wieder ein Shooting mit Tieren." Ah ja. Am Ende ist sie eine der wenigen, die etwas mit ihrem Dasein als Mann anfangen kann. Als Proll nebst Goldkettchen und Kippe grabscht sie ihrer "Alten" an den Hintern und röhrt ihr mit feinsten Aachener Akzent ins Ohr: "Du geiles Stück. Ganz schöne Materie hier. Hast dir aber ein schön kurzes Röckchen für mich angezogen." Chapeau!

"Das war echt schwer", urteilt Frau Klum hinterher. Ja, das war echt schwer. Elf Mädchen mussten die Sendung bereits verlassen, aber allmählich kann sich auch der größte Mode-Nerd ausmalen, welche Kandidatinnen es als Nächste treffen wird: Bianca, Sarah, Vanessa, Raquel - alles Ladys auf dem heißen Stuhl. Doch es müssen noch mindestens sieben Sendungen gefüllt werden, immerhin warten noch etliche 30-Sekunden-Werbespots und Klum'sche Das-musste-ich-mal-machen-Belehrungen auf ihre Sendezeit. Also, um es mit Gina-Lisas Worten zu sagen, Arschbacken zusammenpetzen und weiter.

Model-Mobbing vor laufenden Kameras

Das Talbot-Runhof-Casting haben Janina, Christina und Jennifer gewonnen. Sie dürfen bei der Prêt-à-porter-Schau in Paris laufen, einem Pflaster, auf das es Frau Klum selbst nie geschafft hat. Trotzdem weiß sie natürlich, wie es dort ist: "aufregend".

Viel aufregender für die Zuschauer allerdings ist die Abendaufgabe der Aspirantinnen: Gehüllt in 15 Euro-Roben von H&M sollen sie ihre gesellschaftlichen Fähigkeiten unter Beweis stellen, auf einer Preisverleihung der Kosmetikindustrie im Wiesbadener Kurhaus. Und als ob da nicht schon genug Stolperfallen lauern würden, hetzt ProSieben auch noch eine Boulevard-Reporterin auf die Mädels. Und was machen die armen Dinger? Plaudern natürlich munter drauflos: "Hat man da Sex bei "Germany's Next Topmodel"", will der Lockvogel wissen, und Wanda antwortet gutgläubig: "Also wir untereinander jetzt nicht so." Und was die Mädels drunter tragen? Sophia einen kleinen lila Tanga und Gisele "Victoria's Secret". Und dann haut Vanessa auch noch Wanda vor der Reporterin in die Pfanne: "Wie war noch mal die Geschichte, wo du vom Laufsteg gefallen bist!" Klarer Fall von Model-Mobbing. Auch Heidi Klum ist entsetzt: Wer so freizügig Intimitäten preisgibt, wirft sich selbst der Presse zum Fraß vor. Dabei könnten die Anwärterinnen so viel von La Klum lernen, immerhin plaudert niemand so berechnend intime Details aus wie sie. Das Publikum jedenfalls weiß, wie gut Seal bestückt ist und wie es Heidis Brustwarzen bei Kälte ergeht. So bricht man kalkuliert Tabus.

Am Ende aber ist es dann doch das elende Männershooting, das über den Fortbestand im Girlscamp entscheidet. Gisele hat zwar wieder ordentlich rumgezickt aber auch gleich selbstbewusst erkannt: "Ich denke, dass man mein Potenzial gesehen hat." Selbst Aschenputtel Sarah darf noch ein bisschen, auch wenn ihre schlaksigen Bewegungen so wenig nach Topmodel aussehen wie Heidi Klum nach einer McDonald's-Kundin. Bianca hingegen ahnt, dass ihr letztes Stündchen geschlagen hat. Sie tritt schon verheult vor die Jury - und öffnet dann auf dem Catwalk alle Schotten. Sie muss gehen.

Die kollektiven Tränen sind ihr sicher. Nur eine, die kann sich ausnahmsweise mal beherrschen. "Bianca war nicht meine Freundin. Das ist kein Niederschlag für mich, sodass ich weinen müsste", erklärt die zumindest in Belangen anderer abgebrühte Gisele. Sie hat das Prinzip von Germany's Next Topmodel eben verstanden: Hier sind alle Einzelkämpfer.


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