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Zum Tod von Siegfried Lenz: Ein Dichter ohne Fehl und Tadel

Der stern hat das Wirken des am Dienstag verstorbenen Schriftstellers Siegfried Lenz über Jahrzehnte begleitet. 1973 erschien dieser Artikel über Lenz' Roman "Das Vorbild".

Von Leo Sievers

Der Schriftsteller Siegfried Lenz (M) im Oktober 1971 bei einem Empfang des Verlages Hoffmann und Campe am Rande der Frankfurter Buchmesse.

Der Schriftsteller Siegfried Lenz (M) im Oktober 1971 bei einem Empfang des Verlages Hoffmann und Campe am Rande der Frankfurter Buchmesse.

Durch den Roman "Die Deutschstunde" wurde Siegfried Lenz reich und berühmt. Auf dem Höhepunkt seiner beispielhaften Karriere veröffentlicht er jetzt sein neues Buch "Das Vorbild".

Der ungarische Kultusminister kutschiert ihn eigenhändig durch die Lande. Der jüngste Nobelpreisträger, Heinrich Böll, sitzt auf seinem Sofa. Der Bundeskanzler nimmt ihn mit auf Reisen, und der Bundespräsident lädt ihn zu gemeinsamen Urlaubstagen ein. Der Hamburger Schriftsteller Siegfried Lenz hat jenes Hochplateau erreicht, auf dem man seine Freunde nicht mehr frei wählen kann. Der Grad an Prominenz verbindet.

Lenz ist ein Mann, der das, was er macht, richtig macht, zur rechten Zeit, im rechten Stil, und es hat stets einen erkennbaren Sinn. Auf der Suche nach seinem Vorbild stieß er zuerst auf Hemingway, dann schon recht bald auf sich selber. Er hat sich aufgebaut, wie er den Bootssteg vor seinem Ferienhaus gebaut hat: unter kluger Abschätzung des Materials und seiner Möglichkeiten, ruhig, stetig, konsequent.

Seine Vitalität ist streng kanalisiert. Der Kanal läuft geradlinig auf den Erfolg zu, mit der einzigen Aufgabe, ein starkes Talent zum Ziel zu führen, ohne Umwege, ohne Schleusen, mit fugenfrei befestigten Ufern, die jedes fruchtlose Versickern unmöglich machen. Und da ist nichts versickert! Lenz hat ein unbestreitbares Talent zu einem unbestreitbaren Erfolg geführt. Am 4. November 1948 veröffentlichte er in der "Welt" seine erste Geschichte. "Phantasie in Kisten".

Heute, 25 Jahre später, umfasst sein Oeuvre 5 Erzählbände, 7 Romane. 9 sonstige Buchveröffentlichungen, 3 Bühnenstücke, 4 Hörspiele und einige hundert Geschichten, Erzählungen, Berichte, Essays. Er hat eine treue Lesergemeinde, in der die Frauen dominieren. Und es gibt schon die ersten Bücher über ihn.

Den größten Erfolg brachte sein Roman "Die Deutschstunde", in dem das Schicksal des von den Nazis verfolgten Malers Nansen erzählt wird, der viel Ähnlichkeit mit Emil Nolde hat. Seit dem Erscheinen 1968 wurde das Buch in neunzehn Sprachen übersetzt und erreichte allein in der deutschen Ausgabe eine Auflage von 820.000 Exemplaren, in der norwegischen 110.000, eine phantastische Zahl in einem Land mit knapp vier Millionen Einwohnern.

Aus dem Stoff machte Peter Beauvais einen zweiteiligen Fernsehfilm, der inzwischen mit Untertiteln in sieben fremden Sprachen über die europäischen Sender lief und bei uns daheim bewirkte, daß Lenz selbst für überzeugte Büchermuffel aller Schichten zum festen Begriff wurde. Jetzt kommt Lenz' neuester Roman auf den Markt: "Das Vorbild". Das ist die Geschichte dreier Experten, die sich in der Erkenntnis, daß die überkommenen Schulbuch-Idole Staub angesetzt haben, auf die Suche nach zeitgemäßen Vorbildern begeben, die sie aus einer Reihe von Figuren herausfinden wollten - teils Kunstfiguren, teils realen Gestalten.

Der Verlag wirft das Buch mit einer Startauflage von 200.000 Exemplaren auf den Markt und gibt Flankenschutz mit einem Werbeetat von mehr als 100.000 Mark. Am Erfolg zweifelt niemand. Lenz ist arriviert, gesettled, etabliert. Er ist in jenen Bereichen angelangt, in denen man offizielle Biographien herausgibt. Das Bändchen "Beziehungen" enthält seinen Lebenslauf. Fragen über seine Vita beantwortet er mit einem Hinweis auf dieses Büchlein: Darin sei alles so ausgiebig erklärt, daß sich weiteres Forschen erübrige. Wer kann ihm verdenken, daß er sein eigener Biograph sein möchte, und möglichst auch sein eigener Eckermann?

Es ergeben sich aber weitere Fragen. Er fände, sagt Lenz, eine Landkarte besonders reizvoll, wenn sie weiße Flecken enthalte. Ebenso sähe er seinen Lebenslauf, und er bäte, die weißen Flecken zu respektieren. Zugegeben: Der Balanceakt auf dem schmalen Grat zwischen Publicity und Inkognito ist eine schwierige Übung. Respektieren wir also die weißen Flecken, obwohl es nicht ganz gleichgültig ist. was das für ein Haus am Lyck-See in Ostpreußen war, in dem Siegfried Lenz am 17. März 1926 geboren wurde. Es gibt Hütten am See, weißgeschlämmt und strohgedeckt, mit Schweinen im Stall und Enten im Schilf. Es gibt Villen, Mehrfamilienhäuser und freudlose Unterkünfte. Wir erfahren nicht, was für ein Haus es war und wie es darin gerochen hat.

Mutter und Geschwister lassen die "Beziehungen" ganz unerwähnt. Über den Vater lesen wir, daß er Beamter war. Es bleibt im dunkeln, ob Zollassistent oder Staatsanwalt, Busschaffner oder Zahlmeister bei der Standortverwaltung, geschweige denn, wie er aussah und was für ein Vater er war. Mit siebzehn bekam Siegfried Lenz das Zeugnis der Reife, ging zur Marine und machte auf dem Schweren Kreuzer "Admiral Scheer" Seekrieg. Im April 1945 wurde das Schiff versenkt. Ob Lenz dabei an Bord war, das ist auch so ein weißer Fleck.

Später tat er jedenfalls zu Fuß in Dänemark Dienst. Zur rechten Zeit, wie er alles im Leben zur rechten Zeit tat, desertierte er, kurz vor dem 8. Mai 1945, und er legt überzeugend dar, warum er es tat. Der Vorgang liest sich allerdings in den "Beziehungen" so, als habe da der brave Seesoldat Schwejk seine überlange Flinte ins Korn geworfen. Ganz so war es nicht. Immerhin hatte Lenz es schon zum Fähnrich gebracht und wäre wenig später ein schicker Leutnant zur See geworden, wenn nicht das Kriegsende seine Wehrmachtskarriere jäh gekappt hätte.

Nach kurzer Kriegsgefangenschaft begann er in Hamburg zu studieren: Philosophie, Anglistik, Literaturgeschichte. Dann ging er zur "Welt" als Volontär und wurde Redakteur. Er schrieb Gedichte, kleine Geschichten, wurde gedruckt und entschied sich für ein Leben als freier Schriftsteller. Von der „Welt" nahm er seine Frau Lilo mit ins Privatleben, die er in der Redaktion kennengelernt hatte und die in den „Beziehungen" ebenfalls keine Rolle spielt, eine sehr junge Witwe, deren erster Mann nach ganz kurzer Ehe gefallen war. Sie hatte nacheinander bei einem Chirurgen, einem Augenarzt und einem Feuilletonredakteur als Sekretärin gearbeitet, hochgeschätzt von allen wegen ihrer Intelligenz und ihrer Tüchtigkeit. Sie schreibt alle Manuskripte und ist die vorbildliche Frau eines Schriftstellers: dem Ganzen dienend, lautlos lenkend und wesentliche Einflüsse hartnäckig leugnend.

Zur rechten Zeit, im Jahre 1961, begann Lenz sich politisch zu engagieren. In diesem Bereich gibt es keine weißen Flecken. Lenz fixiert seinen Standort exakt: "Jochen Steffen vertritt meine politischen Hoffnungen glaubwürdig. Er ist der wahrhaftigste Politiker in der Bundesrepublik."

Lenz setzte sich entschlossen und mit Eloquenz für die Anerkennung der DDR ein. Von der Möglichkeit, das Leben der Menschen im anderen Teil Deutschlands persönlich kennenzulernen, machte er bisher keinen Gebrauch. Obwohl seine einzige Schwester bei Mühlhausen in Thüringen lebt, war Lenz bis heute noch nicht in der DDR. Er hat sie nur überflogen, als er den Bundeskanzler zur Vertragsunterzeichnung nach Warschau begleitete.

Lenz ist ein wohlhabender Mann. Trotz der Millionen-Einkünfte aus seinen Büchern lebt er anspruchslos und ohne nennenswerten Aufwand. In seiner Villa in einer reich begrünten stillen Straße des noblen Hamburger Stadtteils Othmarschen verbringt er die kühlen Monate, in seinem dänischen Sommerhaus die warmen. So verschieden beide Häuser sind, sie haben doch einiges gemeinsam: die Abneigung gegen gebrochene Farben, gegen Unordnung, gegen Entgleisungen. Alle Bilder hängen gerade, und nirgendwo findet man irgendwelchen liebenswerten Plunder. Lenz ist nicht der Mann, der durch die Keller der Trödler streunt und sich kauft, was kurios ist, skurril oder rührend. Es muß alles einen erkennbaren Sinn haben.

Den beiden wohlaufgeräumten Arbeitszimmern sieht man die Sehnsucht nach einer Zelle mit weißgekalkten Wänden an, die nichts enthält als Tisch, Stuhl und einen Stapel Papier. Lenz ist ein Erzähler und zwar ein schreibender. In dieser Welt der Arbeitsräume entstehen andere Welten. Sie ist seine eigentliche Domäne. Zwangsläufig neigt er zur Askese. Aber ein reiner Asket könnte er nicht sein. Das dänische Haus im Blumengarten zwischen den Kornfeldern über dem Wasser der Flensburger Förde hält ihn im Gleichgewicht. Der Hund heißt Max, die Katze Puspus, die Kühe haben keinen Namen, Lenz lockt sie mit gurrenden Urlauten, und dann kommen sie.

Der Kahn "Karoline II." dümpelt vor dem selbstgebauten Bootssteg. Der Bootsschuppen riecht nach Karbolineum. Die Dorsche kommen im Mai, und später die Makrelen. Aale gab es früher so zuverlässig im Wasser vor dem Haus, daß man sie auf Bestellung fangen konnte. Aber sie werden immer weniger, und die schillernden Absonderungen auf dem Wasser werden immer mehr.

Lenz hat einen Taucheranzug und eine Harpune. Er fischt, er angelt, er jagt, er züchtet Pracht- oder Prunkbohnen, und da steckt nach eine Menge Masuren in ihm. An dieser Stelle kann man wohl anbringen, daß er ein Kerl ist, und zwar ein netter Kerl. Und sonst: Seine Hände sind groß und kräftig. Die Lust, über Seide zu streichen oder mit alten Zinnfiguren zu spielen, ist so wenig ausgeprägt wie das Verlangen, anderen Gewalt anzutun. Aber die Energie des einstigen Speerwerfers ist darin unverkennbar. Sein Blick ist offen. Die Augen sind beachtlich hell und frei von erkennbarem Sentiment. Er spricht langsam und halblaut. Er kann zuhören.

Auf jede Frage gibt er bereitwillig Antwort. Jede Frage hat er schon mehrfach gehört. Er wird viel gefragt. Fragen sind Stichworte. Am liebsten spricht er über Politik. Etwa: "Ich halte das derzeit bestehende politische System für ausreichend, wenn wir ständig versuchen, ihm seine Glaubwürdigkeit zu verschaffen. Die Jugend will das natürlich nicht wahrhaben, alle die, die geschichtslos leben, heute, die selbst bei ihrer politischen Etikettierung die Geschichte aus dem Spiel haben wollen, denen wird es natürlich nicht ausreichen, aber mir reicht es vollkommen aus." Und dann liegt ihm natürlich sein neues Buch am Herzen, "Das Vorbild". Die drei Experten, die sich da wie in einem chemischen Labor um die Darstellung beispielgebender Figuren bemühen, sind eigentümliche Gestalten: Rektor Pundt benutzt die günstige Gelegenheit einer Dienstreise von Lüneburg nach Hamburg, um dem Tod seines Sohnes nachzugehen, der sich vor einiger Zeit erhängt hat.

Auch Studienrat Heller aus Diepholz verbindet die Pflichtübung mit privater Kür: Er sieht sich nach seiner Frau um, von der er getrennt lebt, läßt sich von dem Arzt, mit dem sie liiert ist. gründlich untersuchen, nimmt an einem Demonstrationszug teil und geilt sich daran auf, einem alten Polizisten seine geistige Überlegenheit zu demonstrieren. Die auf liebenswürdige Weise verquere Lektorin Dr. Rita Süßfeldt liegt in ihrem Privatleben ebenfalls nicht gerade glücklich. Sie hat einen Vetter mit künstlicher Schädelplatte im Haus, der bisweilen von schrecklichen Anfällen heimgesucht wird und dann mit starken Lederriemen gefesselt werden muß. Lenz nährt behutsam in seinen Lesern den Zweifel, ob diese drei Menschen wirklich berufen sind, kritische Instanz zu sein bei der Auswahl neuer Vorbilder für eine neue Jugend. Sie müssen scheitern.

Das ist kurz umrissen der Inhalt des 537-Seiten-Romans. Lenz schreibt jedem verständlich, keiner Mode unterworfen. Darin liegt seine Stärke. Viele können ihn lesen, und er tut keinem weh. Sein Tiefgang ist ebenso beachtlich wie Länge und Breite. In die weite Welt des Epikers gehört auch ein gutes Stück Steppe (die nicht mit Öde zu verwechseln ist!). Er braucht diese scheinbar horizontlose Landschaft der verhaltenen Farben, um darauf blühen zu lassen, was er zu bieten hat: seine Fähigkeit zu profilieren, zu schattieren, zu charakterisieren, seine verzweigte Gedankenwelt und seinen ganz besonderen Witz, in dem sich auf merkwürdige Weise angelsächsische und slawische Elemente mischen.

Und seine weiteren Vorhaben? Ein Thema hat Lenz gepackt und laßt ihn nicht mehr los: die Schande der Menschheit. Da wurden ganze Indianerstämme in den Vereinigten Staaten ausgerottet und werden es noch in Südamerika, wie die Zehntausende indonesischer Kommunisten, die Bantus, die Biharis. Überall in der Welt gibt es verfolgte Minderheiten. Ihnen will Lenz seine nächste Arbeit widmen.

Leo Sievers