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Zum Tod von Siegfried Lenz "Einer der ganz Großen"


Er war ein Meister der humorvollen Erzählung. Mit Romanen wie "Deutschstunde" und "Heimatmuseum" schuf Siegfried Lenz herausragende Werke der Nachkriegsliteratur. Jetzt starb er mit 88 Jahren.

Oft ist Siegfried Lenz mit Heinrich Böll und Günter Grass in einem Atemzug genannt worden. Auch wenn er selber nicht zu Nobelpreisehren gelangte, prägte der Autor die deutsche Nachkriegsliteratur stark mit. Lenz starb am Dienstag im Alter von 88 Jahren in Hamburg im Kreise seiner Familie. "Jetzt bleibt die Erinnerung an eine einzigartige Freundschaft, an einen großen Menschen und als Zeugnis dafür seine Bücher", würdigte Lenz' Verleger und langjähriger Freund Thomas Ganske den Schriftsteller. Bundespräsident Joachim Gauck nannte Lenz "einen der ganz Großen der deutschen Literatur". Mit seinen Büchern habe er die Menschen bewegt, begeistert und zum Nachdenken gebracht. Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) sagte: "Eine große literarische Stimme ist verstummt, seine Werke aber bleiben."

Persönliche Erfahrungen in der Nazizeit und das Leid des Zweiten Weltkrieges waren für Lenz Antriebsquellen seiner literarischen Arbeit und seines politischen Zeugnisses.

Versöhnung mit Polen und Solidarität mit Israel gehörten zu den Anliegen des Autors. Im eigenen Land ging es Lenz um Toleranz, Demokratiefähigkeit und die Fähigkeit, zu einem eigenen Urteil zu kommen. Der Literatur maß er dabei eine begrenzte Bedeutung zu. Der Schriftsteller sei eine "Ein-Mann-Partei", der dem Leser nur Angebote machen könne, meinte Lenz.

Lenz desertiert in Dänemark

Über seine Jugend in Lyck (Masuren) hat Lenz ungern gesprochen. Mit 17, nach dem Notabitur, kam Lenz zur Kriegsmarine. Anfangs begeistert, weckte das Attentat auf Hitler vom 20. Juli 1944 bei ihm Zweifel: "An diesem Tag stürzte ich aus einer Illusion." Und auch das Elend und Sterben im Krieg verändert ihn: "Ich musste die Tode anerkennen, die Verzweiflung der Flüchtlingstrecks, die Schiffstragödien." In den letzten Kriegswochen wird der Soldat Lenz nach Dänemark geschickt. Dort desertiert er nach einer Hinrichtung und verbringt mit Hilfe dänischer Bauern das Kriegsende in Wäldern.

Das nach Kriegsgefangenschaft in Hamburg begonnene Lehrerstudium brach Lenz 1948 ab, um Journalist zu werden. Nach kurzer Arbeit als Kulturredakteur der Zeitung "Die Welt" begann er 1951 als freier Schriftsteller in der Elbmetropole, die seine neue Heimat werden sollte. Ein zentrales Thema des Autors wird die Auseinandersetzung mit dem Pflichtbegriff. Auch in seinem in 35 Sprachen übersetzten Welterfolg "Deutschstunde" (1968) geht es neben einem Vater-Sohn-Konflikt vor allem um die Folgen eines unkritischen Pflichtbewusstseins.

Konsequent versuchte Lenz den Anspruch, verantwortungsvoll die Welt mitzugestalten, für sich umzusetzen. In Wählerinitiativen engagierte er sich in den 60er und 70er Jahren für die SPD. Insbesondere die auf dem Versöhnungsgedanken basierende Ostpolitik Willy Brandts unterstützte der gebürtige Ostpreuße energisch. Auf Einladung Brandts reiste er - wie auch Günter Grass - 1970 nach Warschau zur Unterzeichnung des deutsch-polnischen Vertrages. Schriftstellerisch aufgearbeitet hat Lenz das Thema Heimatverlust in dem auch in Polen gelobten Roman "Heimatmuseum" (1978).

Humoristisches lag ihm besonders

Neben "ernsten" Werken - seit 1951 entstanden 14 Romane, zahlreiche Erzählungen, Essays, Hörspiele und einige Theaterstücke - hat Lenz immer wieder Zeit für Humoristisches gefunden. Geschichten wie "So zärtlich war Suleyken" (1955) oder Anekdoten aus dem Dorf Bollerup "Im Geist der Mirabelle" machen den schelmischen, die Menschen genau treffenden Autor deutlich. Hier war, und da sind sich Publikum und Kritiker stets einig gewesen, der nahezu perfekte Erzähler Lenz in seinem Element.

Im hohen Alter konnte Lenz mit der Novelle "Schweigeminute" (2008) noch einmal einen großen Bestseller landen. Der Freund und Kritiker Marcel Reich-Ranicki sprach vom möglicherweise schönsten Buch - vielleicht ein Trost nach dem Verlust seiner Frau. Sie starb 2006, das Paar war 57 Jahre verheiratet. Lenz bezeichnete die Novelle als seine "Selbstrettung", weil er damals geglaubt hatte, die für jeden Autor notwendige Vorstellungskraft habe ihn verlassen. Gewidmet hat Lenz die Novelle Ulla Reimer. Die langjährige Freundin seiner Frau heiratete er am 12. Juni 2010.

Mehr als 25 Millionen verkaufte Bücher

Lenz' Werke sind nach Angaben des Hamburger Verlags Hoffmann und Campe vom Dienstag in mehr als 20 Sprachen übersetzt worden, die Weltauflage liegt laut dem Verlag bei mehr als 25 Millionen. Viele der Ehrungen, die Lenz erfahren hat, spiegeln seine Verantwortung für Politik und Literatur wider: Der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels, der Thomas-Mann-Preis der Stadt Lübeck, der Bremer Hansepreis für Völkerverständigung, der Goethepreis der Stadt Frankfurt oder die Ehrenbürgerschaften Hamburgs und Schleswig-Holsteins. Günter Grass, sein langjähriger Freund, hätte Lenz für das Amt des Bundespräsidenten als sehr gut geeignet empfunden.

Die letzten Jahren war Siegfried Lenz gesundheitlich schwer angeschlagen und auf den Rollstuhl angewiesen. In einer Seniorenresidenz an der Elbchaussee hatte er in seinem Appartement immerhin einen freien Blick auf den so sehr von ihm geliebten Elbstrom. Sein persönliches Archiv übergab Siegfried Lenz in diesem Jahr dem Deutschen Literaturarchiv in Marbach.

Matthias Hoenig, DPA DPA

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