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Siri Hustvedts "Sommer ohne Männer": Die Folgen einer großbusigen "Ehepause"

Für Mia zerbricht eine Welt, als ihr Mann nach 30 Ehejahren um eine Pause bittet: "Die Pause war eine Französin". Siri Hustvedt erzählt die Allerweltsgeschichte mit Witz, Ironie und Tiefgang.

Männer kommen in Siri Hustvedts neuem Roman nur als Schablonen vor und müssen zudem noch als Negativbeispiele herhalten. Dafür spart die US-Schriftstellerin in "Sommer ohne Männer" nicht an mitreißenden Frauenfiguren. Protagonistin ist die New Yorker Dichterin Mia Fredrickson, die durch eine Midlife-Krise ihres Mannes in klinische Depression verfällt. Boris hatte ihr nach dreißig gemeinsamen Jahren eine Ehepause vorgeschlagen. "Die Pause war eine Französin" mit braunem Haar und "signifikantem Busen. Natürlich war sie jung, zwanzig Jahre jünger als ich", findet Mia bald heraus.

Wieder aus der Psychiatrie entlassen ("Dr. P. diagnostizierte eine akute vorübergehende psychotische Störung (...), was bedeutet, dass man wirklich verrückt ist, aber nicht lange"), geht Mira auf Abstand zu Boris. In ihrer alten Heimat Minnesota hält sie einen Sommerkurs in Poesie. Derweil helfen die Leidensgeschichten mehrerer älterer Damen aus dem Freundeskreis ihrer Mutter, die Erfahrung mit Boris zu relativieren. Eine von ihnen ist die 95-jährige Abigail, die ihre sexuellen Fantasien über Jahrzehnte auf die Unterseite von Tischdecken und das Futter von Sofakissen stickte.

Wut und Rebellion von Frauen

"Der Sommer ohne Männer" ist "ein Buch über die Wut und die Rebellion von Frauen", sagte Hustvedt (56) der Nachrichtenagentur dpa bei einem Gespräch in Brooklyn. Dort lebt und arbeitet die ebenso attraktive wie sympathische Autorin mit ihrem Mann, dem berühmten Schriftseller und Regisseur Paul Auster (64). Das Paar ist seit 30 Jahren zusammen, genau wie Mia und ihr untreuer Boris. Die Austers haben eine erwachsene Tochter (23), auch das wie im Buch. Gibt es noch mehr Parallelen? "Nein", sagt Hustvedt lachend, "Paul hat mich nie verlassen."

Inspiration für den Roman war ihren Angaben nach die Komödie "Die schreckliche Wahrheit" (1937) - "und natürlich das, was Freunde erzählt haben". Cary Grant und Irene Dunne spielen in dem Film ein Paar, das nicht mit, aber auch nicht ohne einander leben kann. Einen ihrer Wortwechsel zitiert Hustvedt als Prolog. Sie endet wie beim Film mit dem Wort "Abblende".

Nie zuvor habe ihr die Arbeit so viel Spaß gebracht. "Ich habe ständig nur gelacht und war in einem Jahr fertig". Der neue Roman ist nach mehreren Büchern mit männlichen Protagonisten erstmals wieder aus der Sicht von Frauen geschrieben. Hustvedt hatte unter anderem mit "Was ich liebte" und "Die Leiden eines Amerikaners" eine internationale Leserschaft gewonnen.

"Sind wir wirklich so anders?"

Die Tochter einer norwegischen Einwanderin und eines Professors für skandinavische Literatur promovierte an der Columbia Universität in New York. Sie ist bekannt für ihren Hang zur Analyse. "Die Frage, was Männer und Frauen im Empfinden und Verhalten unterscheidet, zieht sich wie ein philosophischer Faden durch mein Buch", sagte sie der dpa. "Sind wir wirklich so anders? Und wenn, woher? Sind die Unterschiede kulturell, das heißt, anerzogen? Oder haben sie biologische Wurzeln?".

Eine klare Antwort gibt ihr Buch nicht. Auch der Ausgang der Geschichte bleibt offen. Die gehörnte Ehefrau brütet über Liebe, Ehe, Sex und Männer allgemein und lernt mit der Zeit, ihre Freiheit zu genießen und das Leben für sich neu zu entdecken. Ob sie den reumütigen Boris zurücknimmt? Die Schlussfolgerung bleibt dem Leser überlassen.

Hustvedt wird im Mai zu Lesungen von "Sommer ohne Männer" in Deutschland erwartet. In Frankreich spricht sie auf einem Kongress für Neurologen, nach Wien ist sie geladen, den 39. jährlichen Sigmund-Freud-Vortrag zu halten. Hustvedt gilt als Expertin für ein Leiden, das sie seit Jahren am eigenen Leib erfährt: Zitteranfälle und wochen- bisweilen sogar monatelange schlimmste Migräne. Sie beschreibt es in dem Buch "Die zitternde Frau: Eine Geschichte meiner Nerven" (2010). Ihre Anerkennung als Expertin für die Krankheit geht so weit, dass ein amerikanisches Wissenschaftsjournal kürzlich eine Arbeit von ihr annahm und noch in diesem Jahr veröffentlichen will.

Gisela Ostwald/DPA / DPA
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