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Türkische Schriftsteller: Geliebt und verfolgt

Gegen den Nationalismus, für das Land - ein Besuch bei drei populären türkischen Schriftstellern, die auf der diesjährigen Frankfurter Buchmesse die schwierige Aufgabe haben, das Gastland Türkei zu repräsentieren.

Von Andrea Ritter

Von außen betrachtet sieht alles einfach aus, sogar Istanbul. Aber wenn man in die kleinen Straßen eintaucht, verliert man sich in den vielen Nuancen der Stadt", hatte Elif Shafak gesagt. Das war vor unserem Treffen und der Satz zugleich eine Bitte. Die Bitte, es sich nicht zu einfach zu machen, mit der Literatur, dem Land und seinen Gesetzen.

Elif Shafak, 37, gehört zu den im In- und Ausland erfolgreichsten Schriftstellerinnen der Türkei. Ihre Romane stehen dort monatelang in den Bestsellerlisten - für Shafak der schönste Beweis, wie sehr ihre Bücher geliebt werden. Doch vor zwei Jahren, im Herbst 2006, brachte eines dieser Bücher Elif Shafak vor Gericht. Vorgeworfen wurde ihr die "Beleidigung und Verunglimpfung des Türkentums" nach Paragraf 301, jenem berüchtigten Gesetzesartikel, mit dem auch Nobelpreisträger Orhan Pamuk in Konflikt geriet und nach dem der türkisch-armenische Journalist Hrant Dink vor seiner Ermordung im Januar 2007 zu einer Bewährungsstrafe verurteilt wurde. Ein Paragraf, der die Meinungsfreiheit einschränkt. Der dafür sorgt, dass Schreiben in der Türkei eine politische Angelegenheit ist.

Brennende Fotos

Wenn die Türkei sich nun als Gastland der Frankfurter Buchmesse präsentiert, ist das, von außen betrachtet, zumindest ein Widerspruch: Warum vertreten Autoren ein Land, in dem ihre Meinung zensiert wird? In dem sie mit Leibwächtern leben müssen? Oder angeklagt werden?

Im Fall von Elif Shafak reichten schon die Äußerungen einer Romanfigur: In ihrem Buch "Der Bastard von Istanbul" spricht Armanoush, eine stolze Halb-Armenierin, im Zusammenhang mit der Vertreibung und Ermordung ihres Volkes von "türkischen Schlächtern" und vom "Genozid". Elif Shafak wurde deswegen von Ultranationalisten angezeigt. Vor dem Gerichtssaal brannten ihre Fotos, während sie im Krankenhaus gerade ihr erstes Kind zur Welt brachte. Sie wurde freigesprochen, ging aber eine Zeit lang nur mit Personenschutz aus dem Haus.

Sechs Monate vor diesem Verfahren hatte Elif Shafak sich noch öffentlich gegen eine italienische Zeitung gewandt, die ihren und die Namen dreier Kollegen auf eine Liste mit "bedrohten Schriftstellern in aller Welt" gesetzt hatten. "Zwischen einigen westlichen und türkischen Medien herrscht ein gegenseitiges Hochschaukeln", beschrieb sie damals die Dynamik. Menschen aus dem Westen würden nicht westliche Schriftsteller gern "bemitleiden" und "strukturelle Probleme" außer Acht lassen, andererseits werde in der Türkei jemand, der den Staat kritisiert, schnell wie ein potenzieller Verräter behandelt. Heute, zwei Jahre später, lehnt sie es ab, sich zu politischen Themen zu äußern.

Aktuelle Bezüge

Hat die Einschüchterung funktioniert? Schweigt sie aus Angst? Oder zeugen auch solche Fragen nur von der westlichbemitleidenden Außenperspektive, die sie so ablehnt? "Ich habe aufgehört, darauf zu antworten, weil eine zu große Betonung auf diese Themen gelegt wird. Das gibt mir das Gefühl, festgelegt zu werden. Mein Mann ist selbst Journalist, daher weiß ich, dass Journalisten dazu neigen, die Welt zu vereinfachen. Das entspricht weder mir noch meiner Arbeit." Im Gespräch wie in ihren Büchern wendet sie sich gegen jede Kategorisierung. Ihre Romane "Der Bastard von Istanbul" oder "Der Bonbonpalast" leben von einem Nebeneinander der Stimmen, Perspektiven und Meinungen. Episoden, in denen sich die größeren gesellschaftlichen Themen spiegeln und in denen nichts so ist, wie es auf den ersten Blick scheint. Eine Erzählhaltung, die der türkischen Gegenwart offenbar sehr gut entspricht: In einem Land, im dem religiöser Konservatismus neben strengem Säkularismus steht und der Umgang mit Minderheiten immer wieder ein heikles Thema ist, finden ihre Bücher ein breites Publikum. "Mir hat noch kein Leser gesagt, dass er sich an der Armenienfrage stört oder an der Sexualität in meinen Büchern. Das passiert erst in der öffentlichen Debatte."

Verantwortlich für Strafanzeigen nach Paragraf 301 sind nicht einzelne Parteien, sondern das, was Shafak "strukturelle Probleme" nennt - und in der Türkei als "tiefer Staat" bezeichnet wird: ein Kreis von Mächtigen innerhalb des Staates. "Grob gesagt ein Geflecht aus Ultranationalisten, Teilen der Armee und der alten Bürokratie sowie mafiösen Organisationen, die im Staatsapparat Macht ausüben", erklärt die Autorin Oya Baydar, Jahrgang 1940. Zurzeit bemühe die Regierung sich darum, dieses Geflecht ein wenig aufzulösen: In der Türkei beginnt gerade ein Prozess gegen die Untergrundorganisation "Ergenekon", zu deren Mitgliedern auch jene Juristen gehören, die gegen Orhan Pamuk, Hrant Dink und Elif Shafak vorgegangen waren.

Die Türkei, sagt Oya Baydar, sei ein Gebilde, in dem viele Fäden in verschiedene Richtungen gezogen würden. "Auf der Buchmesse vertreten wir nicht eine Seite dieses Staates, sondern die vielen Seiten der Türkei. Sie werden alle möglichen Autoren sehen. Auch Frauen mit Kopftüchern, kurdische Schriftsteller, alles. Ich denke, dass es dem Land gut tut. Und dass ich als Schriftsteller Verantwortung für diese sehr gemischte Gesellschaft habe."

"Wir haben keine richtige Demokratie"

Nach dem Militärputsch 1980 ist Oya Baydar mit ihrem Mann und dem kleinen Sohn nach Frankfurt und später Paris geflohen. Zwölf Jahre später kehrten sie in die Türkei zurück, um, wie sie sagt, etwas für das Land zu tun, dem sie sich zugehörig fühlen. "Das Problem ist, dass wir immer noch keine richtige Demokratie haben. Uns fehlt die Mitte und auch die Linke.

Ein großer Teil der Macht liegt beim Militär. Dann haben wir die Kemalisten, die sehr nationalistisch sind. Und die Regierungspartei, die das religiös-konservative Bürgertum vertritt. Zwischen beiden herrscht eine Art Klassenkampf."

Viele politische Aktivisten ihrer Generation seien im Lauf der Jahre müde geworden, sagt Baydar. Von einem dieser kampfesmüden Intellektuellen handelt ihr Roman "Verlorene Worte": Ömer, ein ausgebrannter Schriftsteller, erlebt in Ankara ein Attentat, bei dem ein kurdisches Mädchen verletzt wird. Er reist in den Osten der Türkei, nach Kurdistan, und beginnt, über den Krieg zu schreiben, während seine Ehe und Familie langsam auseinanderdriften. "Es geht um die verschiedenen Formen von Gewalt und Unterdrückung: Eltern gegenüber Kindern, Männer gegenüber Frauen", sagt Oya Baydar. Der Krieg in Kurdistan bildet den politischen Hintergrund des Buches. "Wir müssen die Identität und Rechte der Kurden anerkennen. Nicht nur auf dem Papier, sondern auch in der Realität."

Religiöser Konservatismus, säkularer Nationalismus und bedrohte Minderheiten - das ist eine Seite des Landes. Zu den vielen anderen Seiten gehört er: Murathan Mungan, 53, der in der Türkei als Dichter, Essayist, Songschreiber und Schriftsteller geliebt und verehrt wird. Dabei ist Mungan kurdischer Abstammung und, wie er sagt, "schwul, nicht homosexuell", weil Schwulsein für ihn eine Lebensart bezeichnet. Ein schwuler Kurde: Mungan gehört gleich zu zwei Minderheiten, für deren Rechte er sich immer wieder öffentlich einsetzt - nicht, weil er sich explizit als politischen Autor betrachtet, sondern weil es für ihn zum Leben in der Türkei dazugehört. "Westliche Journalisten schauen immer ganz genau hin, ob die Lebensgeschichte mit Unterdrückung und Schwierigkeiten zu tun hat. Das ist auch richtig und wichtig. Aber es ist seltsam, wenn dadurch die Literatur ins Hintertreffen gerät."

Erstaunliche Wandlungsfähigkeit

In der Türkei hat er dieses Problem glücklicherweise kaum: Er ist vor allem der Dichter der Herzen. Seine Verse werden als SMS hin- und hergeschickt, seine Sätze unter Freunden zitiert. "In der türkischen Literatur hat das Gedicht den stärksten Einfluss. Und ich denke, dass alle östlichen Völker eine starke poetische Ader haben." Auch in seiner Novelle "Tschador" finden sich diese bedeutungsschweren Sätze, für die ihn sein Publikum so liebt: "Meine Existenz ist eine Staubwolke, die von einem Windstoß zerstreut wird", heißt es an einer Stelle. "Lügen entstehen, wenn jeder der Wahrheit etwas hinzufügt", an einer anderen.

Während Elif Shafak sich der vielstimmigen türkischen Gegenwart widmet und Oya Baydar politische Gesellschaftsromane schreibt, experimentiert Mungan mit allen möglichen Textformen. Vom Einzeiler bis zur Science-Fiction mischt er Erzählstile östlicher und westlicher Tradition - zurzeit schreibt er an einem Roman über einen fremden Planeten, auf dem nur Dichter leben. Seine Texte handeln von Identitäten zwischen Freiheit und Unterdrückung - und immer wieder von Frauen. "Ich versetze mich gern in Frauen hinein. Wie ein Schauspieler. Wenn man den Dingen auf den Grund gehen will, reicht es nicht, sie von außen zu betrachten. Man muss die Perspektive wechseln", sagt er. Und das gelte auch für den Blick auf die Türkei.

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