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Wiglaf Droste: "Gib immer das Beste"

Mit Texten des Schriftstellers Jörg Fauser tourte Wiglaf Droste auf Lesereise durch Deutschland. Im stern.de-Interview spricht er über Fauser, die Würde eines Schriftstellers und Rudelbildung im Literaturbetrieb.

Von Björn Erichsen

Herr Droste, gemeinsam mit Benjamin von Stuckrad-Barre und Franz Dobler waren Sie mit Texten von Jörg Fauser auf Lesereise. Wie sind Sie auf den Autor Fauser gestoßen?

Ich habe Jörg Fauser mit etwa 20 entdeckt, als "Der Schneemann" gerade herausgekommen war. Dann zog ich nach Berlin, habe Fauser dort vor allem als Kolumnisten gelesen, und auch das gefiel mir sehr gut. Als "Rohstoff" 1984 erschien, wollte ich das Buch unbedingt haben, jedoch waren mir 30 Mark damals einfach zu viel. Deshalb habe ich mir das Buch von meinen Eltern zu Weihnachten gewünscht und auch bekommen. Sie hätten es mir wohl nicht geschenkt, wenn sie gewusst hätten, was drin steht.

Was war für sie das Besondere an Jörg Fauser?

Es hat damals viele überrascht, dass das, was Fauser schrieb, in deutscher Sprache überhaupt möglich ist. Literarisch war Deutschland weit zurück, nicht-konforme Literatur wurde sehr schnell als "Schrott" abgetan. Fausers scherte sich nicht drum und schrieb im Stil seiner amerikanischen Vorbilder, etwa Dashiell Hammett, Raymond Chandler oder Charles Bukowski, nur eben bezogen auf die deutschen Verhältnisse. Das war genau die Art von Unterhaltung, die ich damals wollte. Jemand, der die Wahrheit suchte und entschlossen war, sie aufzuschreiben, wenn er sie fand. Fausers Werken ist immer der Prozess des Suchens anzumerken, so ist es kaum ein Zufall, dass wir alle drei - Stuckrad-Barre, Dobler und ich - Fauser mit etwa 20 Jahren entdeckten. Er schrieb Stoff für Leute, die suchen.

Worin liegt für Sie der Reiz, mit Fausers Texten auf Lesereise zu gehen?

Jörg Fauser ist im Literaturbetrieb gewissermaßen eine singuläre Figur. Er hat niemals Wert darauf gelegt, sich in eine Seilschaft zu integrieren, wie etwa die Gruppe 47, in der es irgendwann gleichgültig war, ob man was zu erzählen hatte oder schreiben konnte. Im Kulturbetrieb kommt es viel zu häufig vor, dass man sich gegenseitig nach oben jubelt. So einer war Fauser angenehmerweise nie. Ganz im Gegenteil, er hatte eine sehr klare Vorstellung von der Würde eines Schriftstellers. Ihm war es wichtig, keine öffentlichen Gelder zu nehmen, sondern von dem zu leben, was er sich selbst erarbeitete. Mir imponiert, dass er davon nicht abgewichen ist, sondern in dieser Weise unabhängig blieb. Ansonsten muss man doch immer nur die "Wahrheit" schreiben, für die man bezahlt wird.

Liegt in dieser Unabhängigkeit auch ein Schlüssel für seine schriftstellerische Qualität?

Ja, so kann man das sehen, denn sein Maßstab war nicht die Kritik irgendwelcher Journalisten, sondern nur die Qualität eines Stückes. Manche Journalisten sind von dieser "Rotstift-Sorte", die selbst nie einen vernünftigen Text geschrieben haben, aber immer andere Autoren klein machen müssen. Fauser war sowohl als Autor als auch als freier Journalist tätig, kannte also, wenn man so will, beide Seiten. Wenn man als Schriftsteller Redakteur wird, dann misshandelt man andere Autoren nicht, zumindest nicht per se. Fauser hat, ob er nun Gedichte, Romane und Geschichten schrieb, oder aber für Zeitungen und Magazine gearbeitet hat, immer einen sehr hohen Anspruch an seine Texte gehabt. Das ist sicher eine Lehre, die man aus Fauser ziehen kann. Wenn du was schreibst und dein Name steht drunter, gib immer das Beste.

Gibt es da Parallelen zwischen Fauser und Wiglaf Droste?

Fausers Herangehensweise ist selten. Ich finde sie allerdings nicht deswegen gut, weil sie selten ist, sondern weil sie mir vollkommen eingeleuchtet. Dazu ein Beispiel: Der stern hat bei mir mal eine Geschichte bestellt, ich lieferte die auch, sogar pünktlich. Danach hörte ich zunächst nichts mehr, es erschien auch nichts im Heft. Zwei Wochen später ruft jemand vom stern an: "Wir konnten es leider nicht machen, aber schicken sie uns doch die Rechnung." Da habe ich gesagt: "Entschuldigen Sie mal, sie glauben doch nicht, dass sie eine Arbeit, die sie nicht haben wollen, bezahlen dürfen." Ich kann nun natürlich nicht sagen, ob Fauser das genauso gemacht hätte, aber uns eint da sicherlich der Begriff vom Wert der eigenen Arbeit.

Wie würden Sie die literarische Entwicklung von Jörg Fauser beschreiben?

Fauser hat seine Unabhängigkeit anfangs immer mit einem gewissen Pathos verkörpert, auch im "Schneeman" finden sich noch relativ viele klischeehafte Formulierungen. Dagegen kommen diese in "Rohstoff", nur drei Jahre später, gar nicht mehr vor. Er schreibt dort über sich, über sein Leben und hat verstanden, dass man diesen Stoff nicht ohne Distanz zu sich selbst bearbeiten kann. Er hat zu einer gewissen Selbstironie gefunden und hat als Autodidakt in sehr kurzer Zeit eine imponierende literarische Entwicklung genommen.

Gilt dies auch für die Sprache, die er verwendet? Fauser hat ja mal behauptet, dass ein guter Roman fast ohne Adjektive auskommen müsse.

Ja, auch sprachlich ist eine sehr große Entwicklung zu erkennen, denn seine frühen Sachen waren ja keineswegs so. Dem Adjektiv als solchem ist zu misstrauen, wenn etwas in einem Text wegfallen kann, ist es meistens das Adjektiv. Es ist dann überflüssig, wenn man das richtige Substantiv wählt. So lassen sich merkwürdig anmutende Doppelungen vermeiden. Andererseits gibt es natürlich auch ganz zauberhafte Adjektive.

Warum ist Fauser für einen jungen Menschen heutzutage noch lesenswert?

Man kann Fauser als Chronisten eines Teiles der alten Bundesrepublik verstehen. 1989 ist ja nicht nur die DDR untergegangen, sondern auch die BRD. Wer etwas über Deutschland in Zeiten der RAF und danach wissen will, sollte Fauser lesen. Er berichtet aus einem Milieu, in dem es immer eine gewisse Faszination für deren Ziele gab. Fauser war nicht dabei, um sich zu solidarisieren, sondern als Berichterstatter. Diese Position ist heikel und sie ist gefährlich. Die Umstände seines Todes sind bis heute noch ungeklärt, möglicherweise hat er seine Nase in Dinge gesteckt, die zu gefährlich waren.

Ist es diese Risikobereitschaft gewesen, die Fauser von vielen anderen Autoren unterschieden hat?

Fauser nutzte alles, was er sah und erlebte, als Material für seine Arbeit, ohne sich aber dabei vereinnahmen zu lassen. Er wollte alles ganz genau beschreiben, ohne Rücksicht darauf, was ihn diese Wahrheit eventuell nachher kostet. Man macht sich ja nicht beliebt, wenn man so arbeitet. Er war einer dieser Leute, die erst mal die Fenster aufgerissen und dafür gesorgt haben, dass der Mief abziehen konnte. Auch wenn die Verhältnisse heutzutage ganz andere sind, diese Herangehensweise immer noch eminent wichtig. Unter Schriftstellern, auch unter Journalisten, gibt es - für mich nicht nachvollziehbar - eine Tendenz zur Rudelbildung. Irgendjemand gibt etwas vor, und alle anderen rennen hinterher. Und da alle mitmachen, fällt es kaum jemandem auf, wenn es sich dabei um vollkommenen Unsinn handelt.

Haben sie dafür ein Beispiel?

Ich war mal bei einer Podiumsdiskussion, bei der mir Leute aus einem bekannten Verlag gegenüber saßen und sagten, dass die Popliteratur ganz großer Mist ist. Soweit so gut. Nur war das dieselben Lektoren, die fünf Jahre lang nichts anderes gemacht hatten, als die Popliteratur zu hochzujubeln. Fauser war offensichtlich nicht tauglich zu einer solchen Rudelbildung, konnte daher genau solche Widersprüche beschreiben. Nur ist das natürlich eine Position, für die man nicht immer von allen Leuten umarmt und abgeküsst wird. Komischerweise wollen ausgerechnet Schriftsteller umarmt und abgeküsst werden. Mir war das nie wichtig, ich habe mir den Beruf ausgewählt, weil man da so schön seine Ruhe hat. Und natürlich, weil man da so schön ausschlafen kann.