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was-macht-eigentlich: Stephan Krawczyk

Mitte der achtziger Jahre füllte der Liedermacher mit seiner damaligen Frau Freya Klier ganze Kirchen. »Wieder stehen« hieß das Programm, und die Stasi schäumte vor Wut. 1988 verließ er die DDR und begann, Romane zu schreiben

Mitte der achtziger Jahre füllte der Liedermacher mit seiner damaligen Frau Freya Klier ganze Kirchen. »Wieder stehen« hieß das Programm, und die Stasi schäumte vor Wut. 1988 verließ er die DDR und begann, Romane zu schreibenZur Person :

Stephan Krawczyk, 44, lebt in Berlin. Nach dem Abitur diente er in der Nationalen Volksarmee, jobbte als Hausmeister und Bühnenarbeiter. 1977 wurde er Sänger der Folkloregruppe »Liedehrlich«

stern: Sie waren 1988 gerade von der DDR abgeschoben worden, da appellierte Ihr West-Kollege Wiglaf Droste prompt an Honecker: »Nimm ihn wieder, Erich!«

Krawczyk: Der Droste hat sich auf meinem Schicksal ein Ei gebraten. Mehr war da nicht.

stern: Er fürchtete, Sie könnten glauben, die Stasi-Repressalien und der Medienrummel hätten mit der Qualität Ihrer Künste zu tun. Bestand die Gefahr damals nicht?

Krawczyk: Natürlich. Es hätte zum Problem werden können. Ich hatte noch wenig Schreiberfahrungen. Und dann diese Wahnsinnsresonanz. Zu meinen Abenden kamen 2000 Menschen. Davon träumt Droste. Die Verhältnisse in der DDR waren grob, und die Schuhe, die ich ihr verpasste, waren eben von grobem Leder.

stern: Ihre erste West-Tournee wurde zum Flop. Die Texte und Lieder, die im Osten eben noch für Wirbel sorgten, haben das neue Publikum nicht getroffen. Ein Schock?

Krawczyk: Nein. Das ist das falsche Wort. Ich war ins Nichts geschmissen. Und das ist eine gute Voraussetzung für die Kunst. Auch für den Charakter. Ich bin bescheiden geworden. Größenwahn hatte danach keine Chance mehr bei mir.

stern: Die Wende war für Sie eine Art »Konsumputsch«. Wenn's eine Revolution gewesen wäre, sagten Sie damals, dann hätten Sie sich sofort »an die Spitze gestellt«. Wie Lenin 1917?

Krawczyk: Habe ich das mal gesagt? Da war der Größenwahn wohl noch nicht erledigt. Ich vermute aber, das war mehr ironisch gemeint. Mir war in den Wendetagen schnell klar: Den meisten meiner Landsleute ging es nicht um ein Aufbrechen ihrer Verhältnisse - sie wollten es nur besser haben. Bei mir brannten andere Sachen in der Seele.

stern: Davon handeln Ihre Bücher?

Krawczyk: Ja, denn nur so bleibt man authentisch. Ich habe einfach mein Leben thematisiert. Man muss seine Sinne öffnen, rausgehen, beeindruckt zurückkommen und schreiben.

stern: Leben Sie nur vom Schreiben?

Krawczyk: Nein. Ich habe zum Glück zwei Standbeine. Wenn ich schreibe, ist das Singen mein Hobby, und wenn ich singe, das Schreiben.

stern: Als Sänger standen Sie doch nur noch selten auf der Bühne.

Krawczyk: Ich wollte einen klaren Bruch. Vom singenden Bürgerrechtler hatte ich die Schnauze voll. Also schrieb ich Prosa. Zu mehr war keine Zeit. Doch vor einem halben Jahr habe ich einen Freund gefunden, der sich ums Geschäft kümmert. Nun kann ich endlich Projekte angehen, die bisher liegen bleiben mussten.

stern: Was steht uns bevor?

Krawczyk: Eine CD mit schönen deutschen Songs, diesmal mit Verstärkung. Und »Tätilibom«, Mundwerk und Schlagwerk im Zusammenspiel.

stern: Gibt's noch ein Zusammenspiel mit Ihrer Ex-Frau Freya Klier?

Krawczyk: Nein, aber wir sind freundlich zueinander.

stern: Trotz Ihrer Auftritte bei Wahlkampf-Veranstaltungen der PDS?

Krawczyk: Das fand sie schon recht kaputt. Aber erstens wollte ich aus meiner Schublade raus. Und zweitens bin ich der Einzige, der den PDS-Genossen auf ihrer Bühne sagt, was sie in der DDR für einen Mist gebaut haben.

stern: Aber die haben's Ihnen nicht übel genommen.

Krawczyk: Mag sein. Die Gage war für mich jedenfalls eine kuriose Form der Beitragsrückerstattung. Ich war ja mal zehn Jahre bei dem Haufen.

stern: Sie leben ohne Fernseher. Aus Prinzip?

Krawczyk: Für mich ist das geistige Hygiene. Mir reicht es, wenn ich abends in die Kneipe gehe und frage: Was war denn heute los? Und dann werde ich auf sehr soziale Weise mit dem Wesentlichen versorgt.

stern: Und Zeitungen?

Krawczyk: Da reichen mir die drei Schlagzeilen auf den Aufstellern vor den Zeitungsläden. Wichtig ist das Wissen aus erster Hand, und die erste Hand ist jeder selbst.