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Berlin vertraulich!: Merkels Zug nach Nirgendwo

Wann endlich beginnt die heiße Phase des Wahlkampfs? Am 15. September, spotten sie bei der CDU. Denn dann fährt Merkel wie einst Adenauer mit dem Zug durch die Republik. Willy Brandt hat das auch mal gemacht - und dabei nicht nur Wahlkampf veranstaltet.

Von Hans Peter Schütz

Wann endlich beginnt der "heiße" Wahlkampf? Kenner der CDU-Planung behaupten: Am 15. September (und nicht etwa zwei Tage vorher, wenn sie sich im Fernsehen mit ihrem Herausforderer Frank-Walter Steinmeier zum politischen Duell trifft). Denn dann setzt sich Angela Merkel in die Bahn und begibt sich auf die Spuren ihres Amtsvorgängers Konrad Adenauer. Im "Rheingold"-Express fährt sie von Rhöndorf, dem einstigen Wohnsitz des "Alten", über Bonn und Leipzig nach Berlin. Mit im historischen Sonderzug sitzen das CDU-Präsidium und Angehörige der Familie Adenauer.

Die staatsfrauliche Präsentation als Urenkelin Konrad Adenauers - "Enkel" war bekanntlich Helmut Kohl - ist bei genauerer Betrachtung allerdings eine wahlkämpferische Anleihe bei der SPD. Denn Adenauer war sehr viel lieber mit seinem schwarzen Mercedes 300 und Blaulicht auf Wählerfang. Es war einst vor allem Willy Brandt, der 1969 und 1972 den Bahn-Wahlkampf massiv einsetzte. Im einstigen Salonwagen der Nazi-Größe Hermann Göring reiste "Willy" durch die Republik. Man könne im Sonderwagen sehr gute Gespräche mit Journalisten führen, fand er und sich außerdem locker mal die Beine vertreten. Die Wagen waren zudem hoch komfortabel. Mit Marmorbad, plüschgepolstert, holzgetäfelt. Und die Verpflegung war überaus angemessen. So befanden sich beispielsweise 1972 auf einer Bahnreise Brandts durch Baden-Württemberg 17 Kilo Ochsenbrust an Bord sowie jede Menge Flaschen mit Kanzlers Lieblingswein "Chateauneuf-du-Pape". Am späten Abend, wenn der Zug durch die Nacht rollte, kam Brandt zu den Journalisten in den Speisewagen und erzählte Witze.

Wären die "Willy"-Touren nicht ein Vorbild für Frank-Walter Steinmeier? Der ist schließlich heute, was Brandt 1969 war: Vizekanzler. Aber die SPD müsste unliebsame Erinnerungen fürchten. Daran dass etwa der DDR-Spion Günter Guillaume im Kanzlerzug stets dabei war. Der Brandt die Kleider hinlegte und die Schuhe für den nächsten Tag hinstellte. Der natürlich genau Bescheid wusste, dass der Sonderzug auch Schauplatz von Affären war, die den Kanzler erpressbar zu machen drohten. Es war schon so, wie der Journalist Hans Ulrich Kempski damals in der "Süddeutschen" schrieb: Er habe erlebt, "wie stark Brandts Anziehungskraft auf Frauen ist, die ihn überall umschwärmen". Es mag "gelegentlich der Fall gewesen sein", notiert dezent der Brandt-Biograf Peter Merseburger, dass der Kanzler die eine oder andere Journalistin, die ihn "anhimmelte", nicht abgewiesen habe. Passt gewiss nicht zu Steinmeier.

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Räumen wir es ruhig ein: Die Berliner CDU-Kandidatin Vera Lengsfeld hat dem bislang eher öden Bundestagswahlkampf mit ihrem Busenwunder-Plakat und der Behauptung "Wir haben mehr zu bieten" wenigstens einen kleinen machterotischen Akzent geschenkt. Aber sehr, sehr tief lässt eine Enthüllung blicken, die der deutsche Schriftsteller Gerhard Henschel uns gemacht hat. Henschel, der sich mit seinem Werk "Gossenreport" auch schon mal mit der mächtigen "Bild"-Zeitung angelegt und deren Chefredakteur Diekmann mit der Satire "Sex-Schock - Penis kaputt" schockiert hat (der klagte erfolglos auf 30.000 Euro Schmerzensgeld), macht jetzt, wie er schreibt, gegen die "Venus von Lengsfeld" Front.

Und das geht so. Als Henschel 1996 zusammen mit Wiglaf Droste den satirischen Fortsetzungsroman "Der Barbier von Bebra" auf den literarischen Markt gebracht hatte, in dem geschildert wird, wie Wolfgang Thierse mit einer Klarinette ermordet wird, rief die damalige grüne Bundestagsabgeordnete Lengsfeld zum Boykott des Werks auf. Sie nannte Henschel und Droste "Autoren, die in der DDR zu der Kategorie der Honecker-Preis-Dichter gehört hatten und die das Verschwinden ihrer DDR-Privilegien nie verkraften konnten". Damit hatte Lengsfeld viel mehr Enthüllung zu bieten, als Henschel und Dorste jemals von sich selbst gewusst hatten. Denn beide stammen aus Westdeutschland und hatten nie in der DDR gelebt. Somit bleibt nur die Hoffnung, dass Lengsfeld bei ihrem erotischen Zentimeter-Wahlkampf präzisere politische Botschaft zu bieten hat als damals bei ihrer literarischen Agitation. Der Konkurrent der CDU-Dame, Hans Christian Ströbele, der sie noch aus grünen Zeiten gut kennt, grübelt: "Welche politische Botschaft will sie mit dem Dekolleté rüberbringen?"

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Die Demoskopen-Gilde kann einpacken. Zumindest im Berliner Regierungsviertel, wo man inzwischen eine wesentlich geistreichere Methode der Ermittlung der Wählerwünsche beim Blick auf die Bundestagswahl herausgefunden hat. Alles fließt, heißt es am "Bundespressestrand" am Kapelle-Ufer in Berlin-Mitte. Und so wurde dort wie schon 2005 vor der letzten Bundestagswahl wieder die Zapfhahn-Prognose eingerichtet: Am Tresen sprudelt das Bier aus zwei getrennten Zapfhähnen. Einer spendiert auf den Namen Angela Merkel, der andere auf Frank-Walter Steinmeier. Der Durstinhaber bestimmt, für wen er trinkt. 2005 lag Gerhard Schröder bis zuletzt gleichauf mit Merkel. Jetzt führt die Kanzlerin im Wahllokal der Bier-Republik ebenso deutlich mit einer Zweidrittel-Mehrheit wie bei der Frage der Demoskopen "Wen wünschen Sie sich als Kanzler?"