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Ex-Intendant Stolte nimmt Abschied von Gottschalk: Der Hirte des Lagerfeuers geht

Jahrelang haben sie zusammengearbeitet: Anlässlich von Thomas Gottschalks letzter regulärer "Wetten, dass..?"-Show hat der frühere ZDF-Intendant Dieter Stolte für stern.de eine Hommage an den Entertainer verfasst.

Thomas Gottschalk ist eine Ausnahmeerscheinung des Deutschen Fernsehens. Von 1987 bis 2011, mit einer kurzen Unterbrechung, moderierte er "Wetten, dass...?". Zwischendrin gönnte er sich Ausflüge ins Privatfernsehen. Gleichgültig, wo er auftrat, bei öffentlich-rechlichten oder kommerziellen Sendern, er blieb immer Thomas Gottschalk: unverwechselbar und identisch mit sich selbst. Keiner konnte ihn als Marke für sich vereinnahmen.

Die Menschen lieben Gottschalk; die Herzen fliegen ihm zu, wo immer er auftritt: im Fernsehen, in Bayreuth oder auf der Straße. Er ist nach Hans-Joachim Kuhlenkampff, Peter Frankenfeld und Rudi Carrell der letzte große Entertainer, bei dessen Samstagabend-Sendung sich die Familie wie an einem Lagerfeuer versammelt. Ein Dinosaurier? In gewisser Hinsicht ja, denn er ist ein Unikat, das nicht geklont werden kann. Selbst sein Weggefährte Günther Jauch, ebenfalls ein Großer des TV-Betriebs, weist in eine andere Richtung.

Thomas Gottschalk, ein Sunnyboy, Glückskind, Quotenkönig und Fürst der guten Laune? Diese Bilder allein treffen nicht den inneren Kern. Was wir kennen, ist seine Außenhaut. Er ist mehr: verletzbar, zweifelnd (nie verzweifelt!), mitfühlend und treu. Wo gibt es einen Entertainer, der von Frauen umschwärmt, auch selbst stets zu einem charmanten Flirt aufgelegt, immer noch - und skandalfrei - mit seiner ersten Frau Thea harmonisch zusammen ist?

Es gibt eine Beziehung besonderer Art: Die von Thomas Gottschalk und Marcel Reich-Ranicki. Majestäten trafen und küssten sich. Wie passt das zusammen? Gottschalk ist gebildeter und ernsthafter als allgemein angenommen; Reich-Ranicki unterhaltsamer und showiger als gemeinhin vermutet. Extrovertiert sind sie beide, denn man steht nicht auf der Bühne - und produziert sich - wenn es dafür nicht ein inneres Bedürfnis gäbe.

Wie nur wenige seinesgleichen hat Gottschalk als Moderator von "Wetten, dass..?" ein Leben in der Öffentlichkeit gelebt. Er ist zur Sonne geflogen, hat sie umkreist und doch seine Flügel nicht an ihr verbrannt. Mit Glück allein ist das nicht erklärbar. In der schwersten Stunde seines Showmaster-Lebens hat er Größe gezeigt: beim Absturz seines jungen Wettkandidaten Samuel Koch im Dezember 2010 bewies er Mitgefühl und Professionalität. Er spürte sofort, dass die alte Bühnenregel "The Show must go on" nicht galt. Weder im Augenblick und auch nicht danach. Im tragischsten Augenblick seiner Showkarriere - noch immer beliebt und erfolgreich - setzte er sich als Moderator den Endpunkt. Er wusste, nichts würde mehr sein wie vorher.

Thomas Gottschalks Fernsehleben wird weitergehen. Wie große Maler kann er jedoch nicht dort weitermachen, wo er aufgehört hat. Er braucht einen neuen Anfang. Und "Wetten, dass..?" hat noch genügend Potenzial, um von einem neuen - anderen - Talent aufgegriffen zu werden. Und dennoch: Als Hirte des Lagefeuers wird uns Thomas Gottschalk fehlen.

Dieter Stolte