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"Cadillac Records": Am Anfang war der Beat

Nach Johnny Cash und Hildegard Knef kommen nun Etta James und Chuck Berry ins Kino. "Cadillac Records" erzählt von den Wurzeln des Rock'n'Roll. Zum Glück, ohne die Fehler anderer Musikerbiografien zu wiederholen.

Von Sebastian Handke

Das kann eigentlich nichts werden. Erst die zähen Verhandlungen über Namens- und Musikrechte. Dann die Frage: Wie lässt sich ein prallvolles Leben in gerade mal zwei Stunden Film quetschen? Und wo findet man passende Hauptdarsteller? Soll es der bestmögliche Schauspieler sein, oder einer, der als Doppelgänger durchgeht? Schließlich muss man nicht nur die Fans zufrieden stellen, sondern auch die Wünsche von Verwandten und anderen Nachlassverwaltern berücksichtigen. Nein, im Ernst kann das eigentlich niemand machen wollen: das Leben eines Musikers in Film verwandeln.

Häufig genug scheitern selbst aussichtsreiche Vorhaben. Pink als Janis Joplin, Kirsten Dunst als Debbie Harry, Elijah Wood als Iggy Pop. Alles schon geplant und wieder auf Eis gelegt. Und doch: Wenn man den Widerständen trotzt, könnte am Ende ein großer Erfolg stehen: "Ray", "Walk the Line" und "La Vie en Rose" bescherten ihren Darstellern Oscar-Trophäen.

In diesem Jahr folgt nun die nächste Welle Film gewordener Musikerbiografien: "Hilde", "Notorious" und "Cadillac Records" legen die Ansprüche noch höher. Ab sofort gesucht: Darsteller, die ihrer Figur nicht nur ähnlich sind (und nebenbei auch ordentlich schauspielern können). Sie mögen jetzt bitte auch die Musik selbst zum Vortrag bringen.

Watte in den Wangen

Viele Monate geprobt hat Heike Makatsch, um Hildegard Knef möglichst ähnlich zu werden. Angeblich benutzte sie bei den Gesangsaufnahmen das Original-Mikrofon der Knef. Manchmal hat man sogar den Eindruck, ihre Ähnlichkeit mit der Diva war überhaupt erst der Anlass für die Entstehung von "Hilde". Für "Notorious" dagegen, ein Film über das Leben des ermordeten US-Rappers Notorious B.I.G., musste lange nach einem Hauptdarsteller gesucht werden. Man fand Jamal Woolard, der nicht nur B.I.G.s imposante Statur hat, sondern selbst als Rapper aktiv ist. Woolard nahm noch mehr zu, lernte zu atmen wie Biggie und steckte sich - wie einst Marlon Brando für "Der Pate" - Watte in die Wangen.

Eine möglichst vollständige Mimikry ist für dieses Kino der zweiten Haut zum wichtigsten Ziel geworden. Nicht nur in Musikfilmen. Man denke nur an Johanna Wokalek als Gudrun Ensslin oder Martina Gedeck als Ulrike Meinhof im "Der Baader Meinhof Komplex". Ganz nah will man den Personen der Zeitgeschichte kommen. Und bleibt gerade deshalb meistens ganz weit weg.

Banal-psychologisch

Denn anstatt sich dem Künstler und dem Menschen, seiner Kunst und seinen Einflüssen zu nähern, klammern sich diese ausstattungsstarken, aber risikoscheuen Filme an den immergleichen Spannungsbogen einer banal-psychologischen Entwicklungsgeschichte: schlimme Kindheit (geprägt von Widerständen und Unverständnis). Erste Erfolge, gefolgt von Drogen, Sex und Arroganz. Dann die Abwärtsspirale. Läuterung. Künstlerische Reife. Und zum Abschluss ein triumphales Konzert, wahlweise auch Tod und Unsterblichkeit.

Meist schreiben diese Filme die Verehrung ihrer Figuren einfach fort. Wie gerne hätte man wirklich etwas über die Knef erfahren, oder über das Milieu und das Können von B.I.G.? Statt dessen Vorführungen wie auf dem Jahrmarkt: Seht her, so perfekt kann die Illusion sein. "Hilde" oder "Notorious" sind trotz Millionen-Budgets im Grunde nichts anderes als aufgeblasene Kleinkunst. Für so etwas kann man durchaus Eintritt verlangen, schließlich gibt es etwas zu staunen. Aber wäre es nicht schöner, es gäbe auch etwas zu erzählen?

Die Nähe der Ferne

Es ist kein Zufall, dass die besseren Musikerfilme der letzten Zeit sich nicht sklavisch um Ähnlichkeit oder historische Akkuratesse bemühten. "I'm not there" fächerte Bob Dylans schillernde öffentliche Person in ihre Facetten auf. Regisseur Todd Haynes ließ den Musiker folgerichtig von sechs verschiedenen Darstellern verkörpern. Darunter ein schwarzer Junge und eine Frau. Der Johnny-Cash-Film "Walk the Line" wiederum folgt zwar den Konventionen des Genres, lebt aber von der mutigen Wahl des Hauptdarstellers. Joaquin Phoenix hat mit seinem Vorbild keine Ähnlichkeit. Weil er sich aber nicht einzwängen musste ins enge Korsett totaler Mimikry, tritt Cash in seiner Verkörperung als Mensch in Erscheinung, nicht als Abziehbildchen. Phoenix kommt Johnny Cash damit näher als redlich bemühte Imitatoren das je vermocht hätten. Daher ist auch die Liebesgeschichte des Films mehr als nur obligatorische Zutat. Sie berührt.

Auch "Cadillac Records" sprengt nicht gerade die Ketten der Konvention. Darnell Martins Film über die Blütezeit der Chess Records, eines der einflussreichsten Musik-Labels überhaupt, ist allerdings eher Ensemblestück als Musikerbiographie: Die Darsteller von Blues-Legende Muddy Waters (Jeffrey Wright), Rock'n-Roll-Pionier Chuck Berry (Mos Def) oder der großen Sängerin Etta James (Beyoncé Knowles) wurden ausgewählt nicht nach Ähnlichkeit, sondern nach Fähigkeit. Auch sie singen ihre Stücke selbst, und zwar ganz vorzüglich. Doch im Gegensatz zu "Hilde" und "Notorious" behauptet "Cadillac Records" die besondere Aura des Künstlers nicht nur. Indem der Film zeigt, wie diese Künstler zusammen finden, wie sie sich beim Musikmachen anziehen, abstoßen und inspirieren, ahnt man immerhin, wie es zu dieser Zeit und an diesem Ort zu jener besonderen Talent-Explosion kommen konnte, ohne die es den Rock'n Roll, wie wir ihn kennen, vielleicht nie gegeben hätte.

"Cadillac Records" kommt am 23. April in die Kinos