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"Cassandras Traum": Woody Allens moralischer Zeigefinger

Zwei Brüder, kein Geld und ein reicher Onkel aus Amerika, der sie um einen Mord bittet - das sind die Zutaten des neuen Woody Allen-Films. In "Cassandras Traum" lernt der Zuschauer darüber hinaus eine ganz neue Seite des Meisterregisseurs kennen: seinen moralischen Zeigefinger.

Von Sylvie-Sophie Schindler

Meint nicht jeder über sich, er sei ein moralischer Mensch? Insofern gibt es auf die Frage, ob man denn bereit wäre, gegen Geld zu töten, nur eine Antwort: nein. Mag sein, dass man sich damit in die eigene Tasche lügt. Denn was wirklich wäre, wenn man vor der Entscheidung stünde, lässt sich das tatsächlich sagen? In seinem aktuellen Film "Cassandras Traum" führt Woody Allen vor, wie die beiden Brüder Ian (Ewan McGregor) und Terry (Colin Farrell) genau an dieser Frage scheitern.

Die beiden entstammen der Working-Class Londons und sind in eine Situation geraten, die sie anfällig für Grenzüberschreitungen macht, wenn die entsprechende Kohle dabei herausspringt. Terry hat ständig Spielschulden, steht bei gefährlichen Kredithaien mit 90.000 Pfund in der Kreide. Ian hat große Pläne, will in Kalifornien mit Immobiliengeschäften reich werden, arbeitet vorläufig jedoch als Aushilfe im Familienrestaurant. Die Brüder brauchen also mehr als nur ein paar Pfund. Da taucht plötzlich der reiche Onkel Howard (Tom Wilkinson) aus Amerika auf und verspricht ihnen das ersehnte Geld - vorausgesetzt sie bringen einen Menschen um.

Wenig Witz für einen Woody Allen-Film

Nach "Match Point" (2005) und "Scoop" (2006) läuft in den deutschen Kinos nun der dritte in London gedrehte Film von Woody Allen. Für die Wahl des Drehortes lieferte der Meisterregisseur eine sehr persönliche Begründung: "Eine Stadt, deren Wetter nicht nur perfekt zu meiner Art des Filmemachens passt, sondern auch zu meinem Naturell". Es ist bekannt, dass Woody Allen seit jeher an der tragischen Seite des Lebens genauso interessiert ist wie an der komischen. In "Cassandras Traum" aber fehlt dieses Gleichgewicht. Der Humor wird untypischerweise so stiefmütterlich behandelt, dass man am Ende des Films sogar glaubt, gar nicht gelacht zu haben. Am ehesten lässt sich der Streifen unter dem Genre Krimi subsumieren. Ein bisschen Familiendrama ist auch dabei und ein bisschen Groteske. Eine Unentschlossenheit, für die es ebenso Minuspunkte gibt wie für die wenig ausgetüftelte, weil vorhersehbare Dramaturgie. Von Anfang an ist klar: es gibt nur eine Richtung, die nach unten.

Das Unheil lauert bereits in den ersten Szenen. Vorgegaukelte Harmlosigkeit unter strahlender Sonne. Die Brüder sitzen lachend auf "Cassandras Dream", ihrem eigenen Boot, jeweils eine Frau im Arm. Die Laune ist ausgelassen. Was die Begleiterinnen nicht ahnen: Ian und Terry haben nur unter großen Mühen Geld zusammengekratzt, um sich das Schiff leisten zu können. Mit diesem Schritt nähren sie ihre Illusion, dass es in ihrem Leben von nun an nur noch besser werden kann. Doch die Katastrophe beginnt gerade erst.

Irgendwann sitzen die Brüder in einem Restaurant und beobachten ihr späteres Opfer: Martin Burns (Phil Davis), ein Widersacher ihres Onkels, der demnächst vor Gericht über dessen heikle Geschäftspraktiken auspacken will. Für den Mord bleiben ihnen nur wenige Tage, Ian ist entschlossen, Terry zaudert und zögert. Und der Onkel sieht in seiner Forderung nicht mehr als einen Gefallen: Familie ist Familie, Blut ist Blut. Herrlich übrigens die 360-Grad-Kamerafahrt, als die Drei den Deal aushandeln, im Garten, unter Bäumen, bei Regen.

Der Verleih zweifelt am Erfolg

Überall da, wo der typische Woody Allen durchblitzt, hat der Film seine Liebhaber-Momente. Die Dialoge sind wie immer verlässlich in ihrer Absurdität. Als Ian und Terry beispielsweise überlegen, mit welcher Methode man einen Menschen "so menschlich wie möglich" umbringen kann. Ist es Erwürgen? Oder Ersticken? Man hat sich vorher ja keine Gedanken darüber gemacht. Klar ist für Terry: "Ich kann nicht mit einem Messer in ihn reinstechen." Auch typisch: Woody Allen holt ein unbekanntes Gesicht vor die Kamera. Hier Hayley Atwell als Ians schöne Freundin Angela. Doch der Scarlett-Johansson-Effekt bleibt leider aus. Interessantes Detail am Rande: ursprünglich sollte der Film in Deutschland nur auf DVD herausgebracht werden. Das spricht nicht gerade für das Vertrauen des deutschen Verleihers Constantin.

Ob der Film der große Erfolg wird, darf tatsächlich bezweifelt werden. Doch da Woody Allen ohnehin in jahrzehntelanger Dauertherapie ist, mag er eventuelle Enttäuschungen verschmerzen. Den Glauben an die Menschen hat er, sollte er ihn je gehabt haben, ohnehin verloren - was auch "Cassandras Traum" in jeder Filmminute beweist. Das nihilistische Weltbild drückt schwer, statt Lebendigkeit und Frische dominiert Stagnation. Als Zuschauer ist man hin und hergerissen. Einerseits will man den Brüdern zurufen "Seid ihr denn vollkommen verrückt?", andererseits will man sie auch machen lassen, um Zeuge zu werden, wie weit ein Mensch gehen kann. Woody Allen spielt geschickt mit der Lust am Abgründigen. Es wäre jedoch erträglicher gewesen, die Geschichte einfach zu erzählen, doch je mehr der Schluss naht, desto wuchtiger kommt die Moral daher. Was irgendwann nur auszuhalten ist, wenn man sich die nötige Distanz zu den Leinwandhelden schafft. Auch blöd. Insofern, lieber Woody Allen, lassen Sie Ihren Zeigefinger drin, dann folgen wir Ihnen vorbehaltlos. Beim nächsten Mal.

  • Sylvie-Sophie Schindler