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"Death Proof": Hot Pants auf heißem Asphalt

Mit "Death Proof" gelingt Quentin Tarantino eine brillante Liebeserklärung an das Schmuddelkino. Er zeigt viele Hot Pants, heißen Asphalt und das typische sinnlose Geschwätz - und überzeugt mit außerordentlich schlechtem Filmmaterial.

Ein impotenter Macho macht mit seinem Auto Jagd auf Frauen, bis diese eines Tages den Spieß umdrehen: In seinem Raser-Spektakel "Death Proof" serviert Quentin Tarantino eine energiegeladene Kombination aus schnellen Autos und sexy Mädels. Vermutlich aber werden sich nicht wenige unbedarfte Kinogänger fragen, warum er dazu dermaßen schlechtes Filmmaterial genommen hat, in dem ständig Schlieren auftauchen und die Farben so verwaschen sind, wie auf den zig Mal abgespielten Schmuddelkino-Streifen. So braucht es diesmal eine Gebrauchsanweisung, um Tarantinos auf schäbig getrimmten Geniestreich zu goutieren.

Inspiriert vom Schund seiner Jugend

Der Filmfreak, der seine Kindheit mit dem Fernseher als Babysitter verbrachte, in Vorstadtkinos sozialisiert wurde und als Videotheken-Angestellter das Filmemachen quasi inhalierte, drehte mit "Death Proof" eine detailversessene Liebeserklärung an den Schund seiner Jugend - an jene vulgären, billig heruntergekurbelten B-Movies, die einst im Doppel- oder gar Dreierpack in heruntergekommenen Seitenstraßenkinos, den so genannten "Grindhouses", liefen.

In den USA läuft "Death Proof" unter dem Titel "Grindhouse" zusammen mit dem Zombiefilm "Planet Terror" von Tarantinos Busenfreund Robert Rodriguez als "Double Feature"; auch die Schauspieler sind teilweise identisch. Hier zu Lande aber sind beide Filme als Einzelvorstellung und in etwas längerer Fassung zu sehen ("Planet Terror" ab dem 23. August).

Göttliche Besetzung

"Death Proof" ist rigoros zweigeteilt: In der ersten Hälfte werden vier feierlustige Provinz-Schönheiten von einem Psychopathen in einer Kneipe abgepasst und mittels eins provozierten Auto-Frontalzusammenstoßes ermordet. In Teil zwei nimmt der Killer abermals ein Auto voller heißer Bräute ins Visier - doch die vier Grazien schlagen zurück. Tarantino, der den Ruf hat, abgehalfterte Hollywood-Ikonen wieder auferstehen zu lassen, besetzt die Rolle des Widerlings mit dem alternden Kurt Russell, der augenzwinkernd einen Veteran der Zweitklassigkeit spielt.

Als charmant-bedrohliches Narbengesicht Mike will er die Mädels damit beeindrucken, dass er einst als Stuntman in der Serie "Ein Colt für alle Fälle" fungierte. Doch als Mikes Nemesis tritt eine echte Stuntfrau an: die Neuseeländerin Zoë Bell, die Stuntfrau von Uma Thurman in "Kill Bill". Die baumlange, breitschultrige Amazone, die vor der Kamera die Ruhe weg hat, ist als Rachegöttin einfach, nun ja, göttlich.

Zoë ist so cool, dass sie sich nur so zum Spaß auf der Kühlerhaube festbinden und johlend über die Landstraße fahren lässt. Unter den acht Wuchtbrummen ragt außerdem Jungle Julia, gespielt von Tamiia Poitier, die berückend schöne Tochter von Sydney Poitier, sowie Latino-Star Rosario Dawson hervor. Keiner kriegt es so gut hin wie Tarantino, die verbale und physische Schlagfertigkeit seiner Powerfrauen griffig zu machen: So viel knackige Hintern in Hot Pants gab's lange nicht zu bewundern. Und in den furiosen Autojagden, die so lang sind wie einst in den "Straßen von San Francisco", prallt Blech auf Blech statt Computerpixel auf -pixel.

Nostalgiebewusster "Trash"

Doch der Flop dieses nostalgiebewussten Reißers in den USA zeigt, dass Tarantinos brillante Stilübung etliche Zuschauer befremdet. Manchem mag es schlicht unbegreiflich sein, warum die Risse im Filmmaterial so bedacht hergestellt wurden wie die zerrissenen Knie in teuren Designer-Jeans.

Auch werden sich einige, die einst das ausufernde Gangster-Geschwätz in Tarantinos Werk lobten, hier von den endlos labernden und lachenden Frauen überfordert fühlen. Denn eine Identifizierung mit todgeweihten Tussis dürfte kaum im Interesse der üblichen Sex & Crime-Klientel sein. Doch mit seiner Hommage an die Kraft und Direktheit des "Trash"-Kintopps hat Tarantino dem aktuellen Kino wieder einen Vitaminstoß verpasst: "Death Proof" macht bis zum letzten Kratzer einen Mordsspaß.

Birgit Roschy/AP / AP