HOME

"Der Baader Meinhof Komplex": Die RAF als Popcorn-Kino

Machen wir es kurz: Uli Edels bereits im Vorfeld heiß diskutierte Buchverfilmung "Der Baader Meinhof Komplex" ist ein gut gemachter Action-Film. Punkt. Gute Story, gute Figuren und eine technisch gelungene Umsetzung. Fragt sich nur, was die Geschichte aus der Geschichte macht.

Von Sophie Albers

Um das gleich klar zu stellen: Nein, "Der Baader Meinhof Komplex" ändert nichts, aber auch rein gar nichts an dem Bild der RAF in den Köpfen derer, die bisher schon eins hatten. Der Film erzählt nichts Neues, öffnet keine Geheimfächer der Vergangenheitsbewältigung und stellt die Terroristen der Rote Armee Fraktion auch nicht in völlig neuem Licht dar, wie es im Vorfeld des Filmstarts in der vom Verleih rigide kontrollierten Berichterstattung mitunter hieß.

Aber: Ja, "Der Baader Meinhof Komplex" von "Christiane F."-Regisseur Uli Edel und Großprojekt-Produzent Bernd Eichinger ist ein gut gemachter Actionfilm. Baader und Co. liefern solide Unterhaltung. Zumindest bei der Berliner Pressevorführung wurde auch viel gelacht. Bis auf die etwas miese Tricktechnik bei einem Hubschrauberflug über Stammheim gibt es nichts zu meckern: gute Besetzung, spannend erzählte Geschichte, durchgehaltener Spannungsbogen über immerhin zweieinhalb kurzweilige Stunden.

Geschichte im Schnelldurchlauf

Der bisher teuerste deutsche Film wird seinen Weg sicher machen. Die Filmbewertungsstelle Wiesbaden hat ihm bereits das Prädikat "besonders wertvoll" verpasst, und er geht ins Oscar-Rennen. Wenn er am 25. September in die Kinos kommt, wird er seine Produktionskosten von 20 Millionen Euro bald wieder eingespielt haben. Stefan Austs aktualisierte Buchvorlage und auch das Buch zum Film von Eichingers Gattin Katja werden sich gut verkaufen. Natürlich werden Schulklassen ins Kino pilgern, um deutsche Geschichte im Schnelldurchlauf zu sehen. Und so wird denn auch in den Köpfen derer, die bisher kein Bild von der RAF hatten, eines entstehen. Das sieht dann so aus wie Moritz Bleibtreu, der fast genauso wild rumpöbelt wie einer der heute angesagten Gangstarapper. An diesem Punkt stoßen wir allerdings auf ein Problem von "Der Baader Meinhof Komplex" - auch wenn es ein Dilemma ist, das viele historische Filme betrifft.

Keine Frage, es ist gut, dass dieses Kapitel der Geschichte der Bundesrepublik eine massentaugliche Umsetzung erfahren hat. Die Zeit und die Taten der RAF sind wieder Thema. Für viele vielleicht sogar zum ersten Mal. Doch bei eben diesen jungen Menschen, auf die der Film bewusst abzielt, sind die Actionbilder diejenigen, mit denen die Geschichte erinnert werden wird. Und schlimmer noch: "In der Dramaturgie des Films löschen die neuen, stärkeren Bilder die älteren aus", hat gerade der Filmemacher Alexander Kluge im Interview mit dem Berliner Magazin "Tip" bemerkt.

Also Bleibtreus Schmolllippen und Johanna Wokaleks in Kajal ertränkte Augen digital und in Farbe anstatt in grobkörnigem Schwarzweiß? Bleibtreus und Wokaleks heftig modernisiertes Rumgeprolle anstatt des verschwurbelten Politjargons der Kassiber, wie die Nachrichten der ersten Generation der RAF aus dem Gefängnis hießen? Immerhin, die neuen Bilder könnten auch neugierig machen, tröstet Kluge.

In der Popstar-Falle

Das bleibt zu hoffen, denn auch Edel und Eichinger sind wie so viele vor ihnen in die Popstar-Falle gegangen. In der Darstellung des Terror-Pärchens Baader-Meinhof steckt mehr "Natural Born Killers" als aufklärende Dokumentation, auf die Regisseur und Produzent jedoch bestehen und dazu von genauen Einschusszahlen und perfekten Tatortrekonstruktionen berichten. Aber eine Dokumentation hätte natürlich keinen einzigen Bushido-Fan hinter der brennenden Öltonne hervor und an die Kinokasse gelockt.

Hier wird nichts gerade gerückt, kein Mythos angekratzt, niemand demaskiert. Baader ist wie immer der lebensverachtende Held, zu dem er sich selbst schon zu Lebzeiten stilisiert hat. Und bei Ensslin sitzt jede Schnittlauchsträhne ihres Terror-Chics, dem bereits vor sieben Jahren die Zeitschrift "Tussy Deluxe" eine RAF-Fotostrecke widmete.

"Ficken und Schießen sind ein Ding!"

Für die Nörgler bleiben Bruno Ganz und Martina Gedeck. Ganz ist als Leiter des Bundeskriminalamtes Horst Herold wie immer gut, wenn auch weniger großartig als Gedeck, deren Ulrike Meinhof jämmerlich in den eigenen Gedankengängen verreckt. Letztlich jedoch wird die Journalistin von Baader und Ensslin nicht nur in der Haft politisch abgedrängt, sondern rückblickend im ganzen Film. In Erinnerung bleiben Baaders Ausspruch "Ficken und Schießen sind ein Ding!", Baader im Porsche-Geschwindigkeitsrausch oder wie er sich im Feuergefecht mit der Polizei noch eben eine Zigarette anzündet, aber eben nicht Meinhofs Gedanken über Freiheit, Kampf und Folter. Eingebrannt haben sich die, die am lautesten schreien - ganz wie im richtigen Leben. Deshalb muss der Zuschauer selbst ran: Es wird immer wieder neue Bilder geben, und er muss sich die Mühe machen, sie einzuordnen.

Als die RAF vor zehn Jahren ihre Auflösung verkündete, wurde ein achtseitiger Brief veröffentlicht, der mit den Worten endete: "Die Revolution sagt: Ich war, ich bin, ich werde sein". Davon stimmt nur der Anfang. Denn die Zeit hat sie geschluckt, ein bisschen drauf rumgekaut und als Popkultur-Phänomen wieder ausgespuckt.