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"Die Band von Nebenan": Nirgendwo in Israel

Eine ägyptische Band verirrt sich in die israelische Pampa. Dort finden die Menschen, die sonst die Grenze zwischen sich pflegen, mehr Gemeinsamkeiten als ihnen lieb ist. Eran Kolirin hat einen wunderschönen Film gegen den "Müll aus aller Welt" gedreht.

Es sind diese Bilder voller Einsamkeit, die noch lange im Gedächtnis bleiben: Ein Flughafen ohne Passagiere, eine schier endlose, leere Wüstenstraße und ein Ort irgendwo in Israel, in dem Totenstille herrscht. Und mittendrin acht Musiker eines ägyptischen Polizeiorchesters.

Mit riesigen Instrumentenkoffern sind sie fernab der Großstadt gestrandet. Ein Missverständnis. Denn eigentlich sollen sie in einem arabischen Kulturzentrum spielen. Doch weil sie an diesem Tag nicht mehr weiterkommen, müssen sie in dem trostlosen Nest die Nacht verbringen. "Die Band von Nebenan" heißt das Filmdebüt von Eran Kolirin, das auf wunderbare Weise anrührende Geschichten voller Sehnsucht erzählt und sie mit lakonischem Humor untermalt.

Der Streifen schildert die unverhoffte Begegnung von Menschen aus zwei Nachbarländern, die früher verfeindet waren und bis heute in einer Art kaltem Frieden leben. Es gibt vieles, was sie verbindet, doch trotzdem finden sie keine gemeinsame Sprache. Amerika, Europa - alles ist näher und wichtiger als der Nachbar, und damit geht auch ein Stück eigene Identität verloren. Die schlichte und eindringliche Geschichte über das simple Aufeinandertreffen der Menschen in dem Wüstennest könnte so ähnlich in der ganzen Welt spielen.

Der geliebte Fremde

Geschickt verbindet Kolirin die Schicksale, lässt die Menschen aufeinanderprallen, sich öffnen und wieder voneinander lösen. So wie Dina und Tewfiq. Zu Beginn gibt sich Tewfiq als der vornehme Leiter des Orchesters, der nur in gestelzten, altmodischen Sätzen redet. Trotzdem lässt er sich von Dina (Ronit Elkabetz) mit ihrer lasziv-herben Schönheit dazu überreden, mit ihr auszugehen. Dabei fängt er auf einmal doch an, ihr aus seinem Leben zu erzählen, von seiner toten Frau, von seinem Sohn. Und auch Dina gewährt Einblick in ihr Innerstes. So wie es vorkommen kann, wenn sich zwei Fremde etwas anvertrauen in der beruhigenden Gewissheit, dass sie sich nie wieder begegnen werden.

Simon ist mit zwei Musikern unterdessen bei Itzik untergekommen, der ohne Arbeit ist und jeden Tag in Dinas Bistro abhängt. Doch die Stimmung dort ist auf dem Tiefpunkt. Itziks Frau hat Geburtstag, und die Situation zwischen den Ehegatten wird durch die Gäste nur noch unerträglicher. Die Verlegenheit der Menschen, die an einem Tisch zusammen zu Abend essen, sich aber eigentlich nichts zu sagen haben, ist fast mit Händen greifbar. Khaled trifft es etwas besser. Er sitzt mit dem schüchternen Papi in einer Rollschuh-Disco und gibt ihm Tipps, wie er sich ein Mädchen angelt.

Der Liebesfilm vom Nachbarn

Mit dem Film verbindet Kolirin Kindheitserinnerungen an die 1980er Jahre, als sich die Menschen in Israel freitags vor dem Fernseher versammelten, um zusammen ägyptische Filme zu sehen. Nun sei das Fernsehen privatisiert und strahle den "Müll aus aller Welt" aus, aber keine ägyptischen Filme mehr, bedauert Kolirin. "Diese Frage, warum wir aufgehört haben, Liebesfilme bei unseren Nachbarn zu kaufen, sondern sie stattdessen in der ganzen Welt einkaufen, beschäftigt mich sehr."

Darin sieht sie eines der größten Probleme im Mittleren Osten: "Wir wollen alle vergessen, dass wir da leben. Wir leben in Amerika, wir leben in Europa, aber wir leben nicht im Mittleren Osten." Alle bekämpften sich bis zum Tod, aber sie verlieren sich im großen Kampf gegen dem Westen, glaubt Kolirin. Vielleicht werde der Friede kommen. "Aber wir werden alle bei Mac Donalds essen und Englisch reden."

Die Band von Nebenan im Netz

Cordula Dieckmann/ DPA / DPA
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