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"Die Insel": Die Rückkehr des Klon-Krieges

Berühmt für Pathos und Zerstörungsorgien verfilmte "Armageddon"-Regisseur Michael Bay einen actiongeladenen Klon-Krieg in der Tradition von SciFi-Klassikern der 70er Jahre - mit Starbesetzung.

Die letzten Überlebenden einer Katastrophe, die die Erde in einen unbewohnbare, giftige Ödnis verwandelt hat, finden Zuflucht in einer Stadt aus Stahl- und Betontürmen. Sie ist gleichermaßen Zuflucht wie Gefängnis. Tägliche ärztliche Kontrollen, personalisierte Sportprogramme und Ernährungspläne, gegen die die Atkins-Diät wie ein Fastfood-Menü wirkt, vertreiben den gelangweilten Perfektionisten die Wartezeit auf die wöchentliche Lotterie, den einzigen Höhepunkt einer sexlosen und sterilen Gesundheitsdiktatur. Wer gewinnt, darf die weiße Stretch-Uniform gegen Badesachen tauschen und auf die Insel umsiedeln, ein karibischer Traum mit Sand, Palmen und Meer, und im Gegensatz zum Rest des Planeten, nicht kontaminiert.

Auch Lincoln Six-Echo möchte endlich mal rote Klamotten tragen, zum Frühstück kräftig Bacon knabbern und abends mit der platonischen Freundin Jordan Two-Delta ein paar Bier heben. Diese Wünsche sind jedoch als revolutionär verschrien, und als die Neugier Lincoln einen eigentlich ausgestorbenen Schmetterling in sonst unzugängliche Teile der Stadt folgen lässt, entpuppt sich das System als makabre Lebenslüge: Die Stadt ist in Wirklichkeit ein unterirdischer Bunker, die Bewohner sind nicht etwa gerettete Überlebende einer völlig intakten Außenwelt, sondern die Klone reicher Emporkömmlinge, also lebendige Ersatzteillager für vermögende Großstadtabenteurer. Und das Los für die Insel stellt das Ticket für die Schlachtbank dar, immer dann ausgespielt, wenn der menschliche Auftraggeber die Versicherungspolice um kaputte Organe beleihen muss. Als Jordans "Mutter" in einen Unfall verwickelt wird, ist die Zeit reif für eine wilde Flucht.

In der Tradition sozialkritischer Sci-Fi-Filme

Regisseur Michael Bay, der das amerikanische Publikum mit patriotischen Popcorn-Epen wie "Armageddon" und "Pearl Harbor" zufrieden stellte, destilliert aus dem Buch von Caspar Tredwell-Owen im ersten Drittel des Films einen durchaus anspruchsvollen, sozialkritischen Cocktail, der mühelos in der Tradition von SciFi-Klassikern wie "Flucht aus dem 23. Jahrhundert" oder "Coma" stehen kann. Kaum haben jedoch die beiden Hauptdarsteller die reale Welt verwirrt und unbeholfen betreten, dominiert Hollywood mit krachigen Action-Sequenzen, in denen Hubschrauber durch Wolkenkratzer fliegen und auf dem Highway fiese Auftragskiller mit Pipeline-Rohren beworfen werden. Handwerklich lassen sich die Verfolgungsszenen nicht bemängeln, sie verlieren sich jedoch im Vergleich zum gelungenen Auftakt in hastigem Getöse.

Ewan McGregor gibt in diesem Klonkrieg ohne Laserschwert einen durchaus glaubhaften SciFi-Helden ab, der nicht nur das eigene Fell, sondern auch das der anderen Laborratten retten möchte. Seine Partnerin Scarlett Johansson übersteht sogar die unglaubwürdigen Stunts mit einem hinreißendem Lächeln, das die Längen im letzten Drittel des Films erträglich unterhaltsam macht.

Nerviges Product Placement

Richtig nervtötend ist nur das frech platzierte Product Placement, das sich wie ein roter Faden durch die zweistündige Hatz zieht, und nach anfänglichem Amüsement anstrengend wie Commercials im Privat-TV wird. Gleich in der ersten Szene erzählt der ehemalige Werbefilmer Bay, dass weiße Turnschuhe in diesem Sommer nur von einem bekannten deutschen Sporthersteller mit den gleichfarbigen Socken getragen werden dürfen, und später, dass Internettelefonie in Zukunft über einen Softwaregiganten aus Redmont von jeder Telefonzelle aus möglich sein wird.

Mit einem anfänglichen Ergebnis von 24 Millionen Dollar an den amerikanischen Kinokassen hat das 122 Millionen-Dollar-Projekt die Erwartungen nicht erfüllen können und das ausführende Studio, Steven Spielbergs angeschlagene DreamWorks SKG auf die Einkaufsliste von NBC katapultiert. Mehr Erfolg an den deutschen Kinokassen ist dem stylishen Action-Abenteuer jedoch zu gönnen, denn auch wenn das Finale dem ambitionierten Auftakt nicht standhalten kann: Gegen die gerade gestartete verballhornte Nibelungensaga von Proll-Komiker Tom Gerhardt erscheint "Die Insel" wie großes Autoren-Kino. In diesem Film-Sommer sollte sich der Zuschauer mit kleinen Gaben zufrieden geben können.

Eric Hegmann
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