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"Dreizehn": Abgründiger Schulmädchenreport aus den USA

Die 13-jährige Tracy lebt behütet bei ihrer Mutter Melanie. Sie verändert sich komplett, als sie versucht, der ausgekochten Evie in jeder Hinsicht nachzueifern.

Die Pubertät ist ein Minenfeld, das kaum einer ohne Blessuren übersteht - und die vielleicht auch nötig sind, um sich für den Eintritt ins Erwachsenendasein quasi zu "impfen". Zu gerne würde der Zuschauer jedenfalls eine optimistische Prognose abgeben für Tracy, die Antiheldin des Teenagerdramas "Dreizehn". Gerade mal 13 Jahre alt ist das blonde Mädchen, als sie, angestiftet von ihrer neuen Busenfreundin Evie, alles ausprobiert, wovor Erwachsene ihre Kinder so lange wie möglich schützen wollen.

Die empfindsam-intelligente Tracy leidet darunter, von Cliquen ihrer Schule in Los Angeles ausgelacht zu werden. Erst als sie ein prall gefülltes Portemonnaie stiehlt, gewinnt sie Evies Aufmerksamkeit. Evie, feuchter Traum aller Jungs, klaut, lügt, dealt, nimmt selbst alle verfügbaren Drogen - und nistet sich bei Tracy ein, die in einer halbwegs funktionierenden Familie lebt. Tracys flippige Mutter - glänzend gespielt von Oscar-Preisträgerin Holly Hunter - ist geschieden, arbeitet im Wohnzimmer als Friseuse, und bemüht sich,Tracy und ihrem Bruder Verständnis entgegen zu bringen.

Schwere Kost

Die Ex-Alkoholikerin nimmt jedoch immer wieder ihren einst drogensüchtigen Liebhaber bei sich auf. Tracys Vater ist labil und unzuverlässig, und wenn dem Kind alles zuviel wird, schneidet es sich mit der Rasierklinge in den Unterarm. Evies sogenannte Erziehungsberechtigte dagegen, eine Verwandte, gibt sich als Model und Schauspielerin aus, redet bekifften Stuss und heult über verpatzte Schönheitsoperationen. Anders als die üblichen Teenie-Schmonzetten ist der Film schwere Kost - bei aller Zuspitzung jedoch so komplex, dass man ihn zumindest weiblichen Pubertätsgeschädigten und solchen, die noch am Anfang ihrer Leidenszeit stehen, empfehlen kann.

13-Jährige mit Zwang zur Promiskuität

Und obwohl man als Teenager wahrscheinlich anderes zu tun hat, als sich einem Problemfilm zu widmen, sollte dieses mitreißende Drama besonders wegen Musik und Klamotten für die Zielgruppe interessant sein: denn die Mädels treten wie Karikaturen eines von Markenartiklern gesponsorten Musik-Videoclips auf, mit bauchfreien T-Shirts, Piercings, und mit knallengen Jeans, deren Gürtellinien sich vorne weit unterhalb des Nabels befinden und hinten den String herausschauen lassen. Diese zeitgenössischen Lolitas halten schon mit 13 Jahren Diät, imitieren perfekt Sexposen und folgen dem Zwang zur Promiskuität - inklusive freizügig ausgeführter "Blow Jobs" bei coolen afro-amerikanischen Möchtegern-HipHoppern.

Authentische Dialoge

Debütregisseurin Catherine Harwicke, eine erfahrene Produktionsdesignerin, hat einen sicheren Blick für Statussymbole und Distinktionsmerkmale der sogenannten "Girl Culture"; das Drehbuch schrieb sie zusammen mit ihrer jungen Bekannten Nikki Reed, die anscheinend alles so ähnlich durchgemacht hat - die 15-Jährige, die im Film die laszive "Evie" spielt, war in Wirklichkeit allerdings das Opfer. Daher wohl die authentischen Dialoge und Auseinandersetzungen mit der Mutter und anderen Erwachsenen, die subtilen Untertöne in der Freundschaft der beiden renitenten Mädchen, die Energie, mit der sie außer Rand und Band geraten.

Drogen nehmen alle

Demonstrativer Konsum und Sex, so führt der Film vor, sind die Schlüssel, um - und nur das zählt - zum "beliebtesten" Mädchen zu werden; die Mütter, die lieber Freundinnen sein wollen, ziehen sich fast so an wie ihre Töchter. Drogen nehmen alle - nur so ist der gesellschaftliche Druck und der Riss zwischen Sein und Schein zu ertragen, so suggeriert es zumindest dieser ziemlich böse Film über das verfrühte Erwachsenwerden amerikanischer Teenager, der beiläufig das kaputte Umfeld vorführt. Manchmal hat die Handlung unvermittelte Sprünge, gelegentlich schleichen sich moralisierende Töne ein, wirkt die Kameraperspektive auf die zarten Teenie-Bräute etwas voyeuristisch.

Doch es ist ein gebrochener Blick, der dank seiner temperamentvollen Darstellerinnen das Verzweifelte dieser Gefallsucht zum Vorschein bringt. Ob das "duo infernale" allerdings als Abschreckung für wissbegierige Teenies funktionieren wird, oder vielmehr, ähnlich wie einst das deutsche Drogendrama "Christiane F." (das Pilgerfahrten zur Berliner Szene auslöste), als ein zur Nachahmung reizender Abenteuerfilm verstanden wird, bleibt abzuwarten.

Birgit Roschy, AP / AP