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"Ein fliehendes Pferd": Zeckenalarm am Bodensee

Ein zufälliges Treffen mit einem alten Kumpel kann ein echtes Desaster werden - vor allem mitten in der Midlife-Crisis. Das Thema ist nicht neu, aber mit erstklassiger Besetzung wird daraus eine ebenso charmante wie sarkastische Komödie.

Von Sylvie-Sophie Schindler

Wer nicht gut darin ist, Interesse zu heucheln, sollte es vermeiden, ehemaligen Studienkollegen zufällig über den Weg zu laufen. Wer sich trotzdem in den Klauen des Uni-Kumpels wieder findet, dem droht im besten Fall nichtssagendes "Ach-weißt-du-noch"-Geplauder. Im schlimmsten Fall hingegen saugt sich der Hochschul-Genosse in unserer Nähe fest wie eine Zecke an ihrem Wirt. Und man weiß ja, wie das mit Zecken ist: Die Mikro-Biester lassen sich nicht mal eben so entfernen. Schon gar nicht einer wie Klaus Buch (Ulrich Tukur).

Dezenter Popcorn-Charakter

Ein Typ, der im Nebenberuf locker als Showmaster im öffentlich-rechtlichen Fernsehen auftreten und Gummibärchen essen könnte. Einer, dessen größtes Talent darin besteht, ständig unerträglich gute Laune zu haben – und damit seinem Ex-Kommilitonen und Studienrat Helmut Halm (Ulrich Noethen) mächtig auf den Zeiger geht. Dass sich die beiden nach zwanzig Jahren ausgerechnet dort treffen, wo Helmut wie eh und je mit Ehefrau Sabine (Katja Riemann) urlaubt, am Bodensee, ist kein Zufall, sondern ein dramaturgischer Kniff des Schriftstellers Martin Walser, der die gleichnamige Buchvorlage zum Film lieferte – und selbst in Überlingen am Bodensee beheimatet ist.

Übrigens: Walser ist nach eigenen Angaben mit der Verfilmung seiner Novelle rundherum zufrieden. Was nicht heißen soll, dass der Film gleich für einen Auslands-Oscar nominiert ist. Vor dem kitschigen Ende und den manchmal sehr bemühten Dialogen sei an dieser Stelle ausdrücklich gewarnt. Alarmstufe Rot auch dann, wenn der Humor-Regler zu sehr aufdreht wird – denn dann rutscht der Film in Richtung Klamotte ab. Mehr gibt es nicht zu meckern: Regisseur Rainer Kaufmann ("Die Apothekerin") ist ein charmanter Feel-Good-Movie mit dezentem Popcorn-Charakter gelungen. Solide Unterhaltung, die vor allem auf Sarkasmus baut.

Wer die Literaturvorlage kennt, wird, wie üblich, mit den eigenen Bildern zu kämpfen haben und Walsers Tiefgründigkeit vermissen. Doch das macht das grandiose Schauspieler-Ensemble schnell wett - inklusive Neuentdeckung Petra Schmidt-Schaller in der Rolle von Klaus Buchs erotischer und wesentlich jüngerer Freundin Helene genannt Hel. Die Darsteller sind schlichtweg zum Niederknien. Und liefern das ideale Kinoerlebnis für Großstadtneurotiker, Bodensee-Junkies, Frischverliebte, Paare mit Bausparvertrag und solche, die es nie werden wollen.

Duell der Lebensmodelle

Zurück zur Geschichte. Die Ruhe im Urlaub ist also dahin. Klaus und Helmut, nahe an der Midlife-Crisis, liefern sich fortan ein erbittertes Duell. Es ist der Wettkampf zweier Charaktertypen und ihrer Lebensmodelle: der introvertierte, pflichtbewusste, kleinbürgerliche Helmut gegen den lebensbejahenden, abenteuerlustigen, weltmännischen Klaus. Eine emotionale Lawine kommt ins Rollen. Helmut sieht sich plötzlich mit einer Frage konfrontiert, vor deren Antwort wohl jeder Angst hat: Habe ich etwas verpasst im Leben? Die blonde Hel reißt ihn aus seiner sexuellen Agonie. Doch die erotischen Eskapaden spielen sich ausschließlich in Helmuts Kopf ab. Selbst wenn Hel ihm einen Blick auf ihren blanken Busen gewährt, während sie mit sinnlichen Handbewegungen seine Muskelverspannungen wegmassiert. Als sie seine plötzliche Erregung bemerkt, antwortet Hel lapidar: "Ist doch schön. Das zeigt, dass du noch lebst."

Ehefrau Sabine denkt ebenfalls an einen Seitensprung. Anders als Helmut ist sie von Klaus Buch sehr angetan. Sie, die mit einer Couch-Potatoe verheiratet ist, wähnt in ihm den lang ersehnten Helden. Klaus beeindruckt mit seiner Unerschrockenheit spätestens dann, als er ein fliehendes Pferd geschickt einfängt. Er sagt: "Einem fliehenden Pferd kannst du dich nicht in den Weg stellen, Es muss das Gefühl haben, sein Weg bleibt frei. Und: ein fliehendes Pferd lässt nicht mit sich reden". Gewusst wie: mit Komplimenten und begehrlichen Blicken fängt er nun Sabine ein. Endlich fühlt sie sich, die sich schon im erotischen Niemandsland wähnte, begehrenswert. Endlich knistert es wieder. Doch hinter den neu erwachten Emotionen lauern tiefe Konflikte. Den Protagonisten wird es schwer gemacht, sich weiter hinter ihren Lebenslügen zu verstecken. Nicht nur in ihrer Gefühlswelt kommt ein gefährlicher Sturm auf, auch bei einem Segeltörn auf dem Bodensee, zu dem sich Klaus und Helmut aufmachen, ziehen schnell dunkle Wolken auf – die beiden schweben in Lebensgefahr.

Auch hinter den Kulissen ging es übrigens nicht ganz ungefährlich zu. Ulrich Tukur verriet bei der Filmpremiere am vergangenen Dienstag in München: "In einer Szene hat mir Ulrich Noethen eine blutige Nase geschlagen – natürlich nicht absichtlich." Dass sich alle während der Dreharbeiten furchtbar lieb hatten, bestätigte auch eine gut gelaunte Katja Riemann: "Wir haben uns alle großartig verstanden." Sagte es und drückte Kollegin Petra Schmidt-Schaller fest an sich.

  • Sylvie-Sophie Schindler