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"Ein Quantum Trost": Der James Bond, den wir verdienen

Er ist zu blond, zu roh, zu dreckig, zu proletarisch. Im neuen James Bond "Ein Quantum Trost" steht Daniel Craig trotz heftiger Kritik zum zweiten Mal als Agent 007 ihrer Majestät in diversen Schusslinien. Und doch scheint er genau der Bond, der zu uns passt.

Von Sophie Albers

Die grellblauen Augen lenken davon ein bisschen ab, aber letztlich ist es eine Schlägerfresse. Das Gesicht eines Typen, der sich im Pub volllaufen lässt, vor den Laden kotzt und dann einen Taxifahrer verprügelt, der ihn nicht nach Hause fahren will. James Bond ist zurück - und irgendwie auch wieder nicht. Denn der 22. Film über den Agenten im Dienste Ihrer Majestät hat Ian Flemings Gentleman-Spion endgültig den Garaus gemacht. "Ein Quantum Trost" rechnet ab mit der Welt, die nicht mehr so ist, wie sie einmal war. Und dabei ist Daniel Craig mit seinem zerschlagenen Gesicht ziemlich überzeugend.

Der erste blonde Bond hat nichts zu tun mit dem sexy Charme eines Sean Connery, dem galanten Witz eines Roger Moore oder der herzlichen Sophistication eines Pierce Brosnan. Er ist ein kalter Fisch mit Riesenmuskeln. Der Sex ist so egal, dass er komplett in der Abblende verschwinden kann, und das Ego so zerbrochen, das ein Leben nicht reicht, um es wieder zusammenzusetzen. Doch irgendwie wird man das Gefühl nicht los, dass es tatsächlich der James Bond ist, der dieser Zeit und dieser Gesellschaft entspricht.

Das Ende der Hoffnung

"Ein Quantum Trost" berichtet vom Ende der großen Geschichte, dem Ende der Leichtigkeit und leider auch vom Ende der Hoffnung. Der Film zeigt die völlige Demystifikation eines Helden, der gut 40 Jahre lang im Kino das Böse jagte und das Gute tat. Aber "je älter man wird, desto häufiger verwechselt man die Schurken mit den Helden", sagt ein Ex-Agent, und die Plattitüde ist angesichts von Terrorismus, Informationschaos und Existenzangst erschreckend real. James Bond hat seine Versöhnlichkeit verloren. Es wird nicht alles gut werden, sagt Craigs lädierte Visage in jeder Einstellung. Wenn man so will, ist James Bond mit diesem Film endgültig tot. Aber wie jedes Markenprodukt ist er natürlich ein Wiedergänger.

So klebt auf diesem Untoten nun zwar das Schild 007, doch beschränkt sich die Huldigung der Tradition auf den Vorspann, der so klassisch und schön ist, dass man sich nach der guten alten, angeblich heilen Welt sehnt. Doch sofort tritt Craigs Bond ins Bild, dem das Leben anderer so wenig bedeutet wie sein eigenes, der ein getriebenes Tier ist, das Ablenkung sucht vom Schmerz, den das Leben für ihn bedeutet. Das ist der Augenblick, in dem Bond nicht nur Geheimdienstchefin M, sondern auch dem Zuschauer Angst macht.

"So schrecklich effizient"

Dieser Mann, der nicht einmal Zeit hat, sich all das Blut abzuwischen, hat so wenig zu verlieren wie der ganze Film. Q und Moneypenny sind abgeschafft, ebenso der Humor. Die Unterhaltung ist eiskalte Berechnung, Zahlenspiele mit den Erfahrungen aus "24" und "Bourne". Das scheinen sogar die Bondgirls zu wissen: Das eine dient zur schönen Leiche, das andere ist ebenso getrieben und verloren wie Bond selbst. Und tragischerweise können sie einander nicht einmal helfen. Das Leben ist eine Hölle, und du kannst nur hoffen, einen Weg zu finden, der das Wissen darum erleichtert, so die Botschaft. Erlösung ist abgeschafft.

Der Rest sind perfekte Bilder von Explosionen, Verfolgungsjagden und unbeschreiblichen Stunts. Doch nicht einmal die dienen uneingeschränkt dem Vergnügen: Schließlich ist es bei den Dreharbeiten gleich zu mehreren ganz realen Unfällen gekommen. Aber hey, es ist schließlich der Job eines Stuntmans, seinen Kopf hinzuhalten, oder? "Du bist so schrecklich effizient", sagt Bondgirl Camillie, als 007 in ihr Auto steigt. Die Zeit der Gefühle ist vorbei.

"James Bond 007: Ein Quantum Trost" kommt am 6. November in die Kinos