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"I am Legend"-Premiere: Will Smith, Gülcan und das Alleinsein

Hollywood hat sich den Science-Fiction-Klassiker "I Am Legend" noch einmal vorgenommen. Ausgerechnet Klassenclown Will Smith macht ihn zum Erlebnis. Grund genug, in Berlin ein bisschen herumzubrüllen.

Von Sophie Albers

Stellen Sie sich vor, Sie wären der letzte Mensch auf Erden. Was würden Sie tun? Auf dem roten Teppich zur Deutschland-Premiere der jüngsten Hollywood-Apokalypse "I Am Legend" fragt Pop-Glühwürmchen Jeannette Biedermann, ob das denn heiße, dass auch die Verkäufer weg seien, denn dann könne sie ja umsonst shoppen gehen. Dem schließt sich Profibraut Gülcan sofort an und fügt dem Shopping-Wunsch noch Eiskrem hinzu.

Aber jetzt mal ehrlich: Was macht er denn nun, der letzte Mensch auf Erden? Und ist er wirklich ganz allein? Und warum sieht er eigentlich aus wie Will Smith?

Besonders erfolgreich nachgedacht hat über die erste Frage Richard Matheson, US-Schriftsteller und Schöpfer des schnell zum Klassiker avancierten Science-Fiction-Romans "I Am Legend" (Ich bin Legende) aus dem Jahre 1954. Die Geschichte eines schief gelaufenen medizinischen Experiments, das mal eben die Menschheit erledigt, und dem einen Mann, der überlebt und sich gegen lichtscheue Monster wehren muss, zu denen infizierte Menschen mutieren, hat gleich mehrere Verfilmungen hinter sich:

Eine britische Adaption noch in den Fünfzigern ist angeblich wegen Einspruchs der Zensurbehörde gekippt worden.1964 brachte eine italienische Produktion Vincent Price als laut denkenden Überlebenden auf die Leinwand, der Vampirzombies mit Knoblauch und Spiegeln bekämpft und sich gegen liebeshungrige, untote Frauen wehren muss. 1971 gab dann Charlton Heston den raubeinigen "Omega-Man", aus der Pandemie wurde ein russisch-chinesischer Krieg mit biologischen Waffen, und die blutrünstigen Mutanten waren plötzlich die bleiche "Familie", die das alte System bekämpft und deshalb Heston töten will. "Planet der Affen" und Kalter Krieg mitgedacht. Da hätte es eine gewisse Kontinuität bedeutet, wenn tatsächlich Arnold Schwarzenegger für den nächsten letzten Mann vor die Kamera getreten wäre. Doch der wurde ja lieber Gouverneur.

Extrem-Kammerspiel für Klamauk-König

Deshalb nun also Hollywoods Wunderwaffe Will Smith, der Fresh Prince aus Bel-Air, Bad Boy, Man in Black, Ali. "Vor etwa fünf Jahren habe ich beschlossen, dass ich nur noch Filme machen will, mit denen ich mich identifizieren kann, die meiner Sicht auf die Dinge entsprechen", sagt der bestverdienende schwarze US-Schauspieler. Und herausgekommen ist ein Film, in dem er nichts zu lachen hat. Ausgerechnet ein Mann, dessen Vorstellung von der Hölle wohl die Einsamkeit sein dürfte, spielt in diesem Extrem-Kammerspiel die Hauptrolle. Und das macht er sehr überzeugend, das hat ihm sogar Matheson persönlich bestätigt.

Der Militär-Virologe Robert Neville ist ein Getriebener. Selbst immun gegen den Erreger, musste er hilflos mit ansehen, wie trotz seines Einsatzes alle Menschen um ihn herum starben. Den Tod seiner Familie will er damit aufwiegen, ein Mittel gegen das außer Kontrolle geratene Virus zu finden. Das ist nämlich hausgemacht, sollte eigentlich Krebs heilen, mutierte stattdessen und raffte 90 Prozent der Erdbevölkerung hin. Der Rest wurde zu vampirähnlichen Monstern, die alles, was sich noch regt, jagen und töten.

Deshalb ist das Leben als letzter Mensch auf der Welt auch nur bedingt witzig: Zwar rast Neville tagsüber in einem Ford Mustang durch die Straßen New Yorks, "shoppt" so viel und was er will oder spielt Golf auf einem Flugzeugträger, während sein treuer Gefährte und einziger Zuhörer, Schäferhund Sam, in der Sonne döst. Doch hält die Entspannung nur so lange an, bis der Wecker an Nevilles Handgelenk fiepst und den nahenden Sonnenuntergang ankündigt. Das ist der Moment, in dem der letzte Mann sich in einem Haus verschanzen muss, damit die Monster ihn nicht kriegen, die in Francis Lawrences Film übrigens aussehen wie eine Mischung aus den Bösewichtern in "I, Robot", ,"Die Mumie" und Gollum aus "Herr der Ringe".

Will erzählt Set-Anekdoten über den ausgestreckten Mittelfinger

So behutsam und genau Smith im Film seinen Charakter zeichnet, so alles niederwalzend und rundumschlagend wirkt der Hollywoodstar in natura. So als würde er immer noch "Independence Day"-Aliens niederknüppeln, um im nächsten Augenblick die Szene mit einem Gag abzurunden, klebt er zu allererst seinen Kaugummi an den Mikroständer, schreit rum, macht Witze über Kamerastativverlängerungen und erzählt Set-Anekdoten über die Bedeutung des ausgestreckten Mittelfingers.

Fast nebenbei kommt so die große Kunst dieses Mannes zum Ausdruck: die Leichtigkeit der Übermittlung. Während sein Publikum sich auf die Schenkel klopft, weil er auf Menschen zugeht, als wolle er sie umrennen, weil man ihn schon johlen hört, bevor man ihn sieht, weil er am lautesten über sich selbst lacht, sind Augen und Ohren sperrangelweit offen für das, was er zu sagen hat. Und das ist jedes Mal zu Ende gedacht, geschliffen und gesetzt - wenn auch irgendwie undercover.

Die Essenz des Films? "Es geht um Tod und Widergeburt, darum, den Neuanfang zuzulassen, wenn der Tod eingetreten ist. Leben und Sterben strukturieren das Leben, egal was passiert, es wird immer weiter gehen. Wir müssen den Tod überstehen so wie das Begräbnis, müssen weiterleben mit dem Wissen um das Sterben."

Den Körper durch Spezialeffekte getrimmt

Ebenso bringt der Witzbold Glauben, Inspiration und Hoffnung auf seinen Punkt. Trotz Slapstick-Mimik hat er den Saal samt Interviewtribüne komplett unter Kontrolle. Nur der Lacher des Tages geht gegen alle Erwartung nicht auf seine Kosten: Wie er seinen Körper so in Form gebracht habe, lautet eine Frage an den Darsteller. Regisseur Lawrence, der übrigens mit "I Am Legend" nach "Constantine" gerade mal seinen zweiten Film gedreht hat, antwortet wie aus der Pistole geschossen: "Spezialeffekte!"

Und die machen "I Am Legend" wirklich zu einem Film, den man nicht so schnell vergisst. Allerdings sind es nicht Monster, Explosionen oder Smiths mühsam antrainierter Sixpack, sondern die Bilder des Stillstands, des leeren New Yorks, der Stadt ohne Einwohner, der verlassenen Metropole, zurückerobert von der Natur. Löwen jagen auf dem Broadway, Lianen schlängeln sich an Wolkenkratzern empor, Wurzeln brechen durch den Beton. Keine Abgase, kein saurer Regen, keine Abwasser. Die Natur erholt sich, denn der Mensch ist nicht mehr.

Das ist nicht neu, gab es auch in "28 Days“ oder "12 Monkeys", doch verlieren diese Bilder ihre Wirkung nicht. Und bisher gab es sie nicht mit Will Smith zu sehen, der übrigens einen Abgang hinlegt, der für ihn der erste dieser Art sein dürfte.