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"Inglourious Basterds" auf DVD: Die Realität ist immer grausamer als das Kino

Kritiker haben für seine Filme das Wort "Folterporno" erfunden. Für "Inglourious Basterds" tötete "Hostel"-Regisseur Eli Roth Adolf Hitler und drehte Nazi-Propaganda. stern.de hat den Mann mit der großen Klappe ein bisschen zähmen können.

Von Sophie Albers

Mister Roth, was ist das für ein Gefühl, Hitler das Gesicht zu zerschießen?
Ehrlich gesagt war die Szene ziemlich schmerzhaft. Quentin Tarantino liebt echtes Feuer, und wir sind fast wirklich verbrannt. Aber Hitler in Stücke zu schießen, das war orgasmisch, der schönste Augenblick in meinem Leben. Ich habe Quentin vorher gesagt, dass ich Hitler nicht einfach nur erschießen, sondern, dass ich über ihm stehen und ihm das Gesicht zerballern will. Das war wirklich ein Glücksmoment! Ich bin die Sarah Palin unter den Juden. (lacht). Ich bin ein Star! Aber mal ehrlich: Für meine Eltern war es sehr emotional, diese Szene zu sehen: Ihr Sohn tötet Hitler. (Roths Großeltern flüchteten vor den Nazis nach Amerika und haben als einzige ihrer Familie den Holocaust überlebt/ Anm.Red.)

Aber Tarantino zeigt trotzdem auch, dass Menschen sterben.


Ja, weil er sehr schlau ist. Für die einen war es orgasmisch, für die anderen beunruhigend: Zuerst kriegen die Nazis ihr Fett weg. Doch man sieht eben auch Menschen sterben. Als würde Quentin sagen: Freut euch nicht zu sehr.

Und wie haben die deutschen Schauspieler darauf reagiert?


Die waren begeistert: Wir töten Hitler und seine ganze Entourage, wir töten das Böse, haben sie gerufen.

Warum hat es so lange gedauert, bis ein Film wie dieser kommt?


Weil es dazu einen echten Künstler braucht. Jemanden wie Quentin Tarantino, der keine Angst hat, die Geschichte zu erzählen, die er erzählen will. Der Film war historisch nicht akkurat. Dafür war er es auf psychologischer Ebene. So fühlen die Menschen heute. Und Quentin hat es angepackt. Kein Jude, kein Deutscher hätte den Film machen können. Es brauchte Quentin. Selbst ich bin nie darauf gekommen, Hitler zu töten. Für Juden ist es etwas Befremdliches. Es war eine Art Tabu, weil es gegenüber der Geschichte respektlos gewesen wäre. Manchen Menschen ist der Holocaust etwas zu wertvoll. Aber genau genommen hat Quentin einen Horrorfilm über Menschen gemacht.

Und im Horror sind Sie zuhause. Für Ihre Filme "Cabin Fever" oder auch "Hostel" wurde das Etikett "Folterporno" erfunden. Auch der Film im Film, "Stolz der Nation", ist ein einziges Massaker.


So eine neue Kategorie ist schon ein Kompliment. Aber das ist doch ein Begriff, den Kritiker benutzen, die eigentlich keine Horrorfilme gucken und deshalb kategorisieren müssen. Es ist der einfachste Weg für naive, realitätsferne Kritiker, mit etwas umzugehen, das sie nicht verstehen.

Trotzdem haben Sie bei den Filmfestspielen in Cannes "Inglourious Basterds" "koscheren Porno" genannt.
Genau deshalb. Nur ich konnte mich darüber lustig machen. Ich wollte den Leuten damit sagen: Entspannt euch und genießt den Film.

Glauben Sie, der Horror des Kinos kann jemals den Horror der Realität toppen?


Niemals. Nehmen Sie den Holocaust. Was damals passiert ist, ist so unvorstellbar, dass man es gar nicht filmen kann. Oder die Ausrottung der Indianer in Amerika oder die Hexenjagd in Europa. Wir könnten nie in einen Film packen, was wirklich passiert ist. Ich bin sicher, dass jetzt, während wir hier sprechen, irgendwo auf der Welt wieder so etwas Unvorstellbares passiert. Es wird nur nicht gesendet.

Hat die menschliche Grausamkeit ein Limit?


Offensichtlich nicht, wenn man die Geschichte anguckt. Es war wirklich wichtig, dass das amerikanische Publikum "Inglourious Basterds" sieht. Es ist ein anderes als das deutsche, das sich mit der Geschichte des Dritten Reichs auskennt. Amerikaner müssen verstehen: Das war eine Gesellschaft ganz normaler Menschen, die all das Unvorstellbare getan hat. Das waren keine Monster. Wir müssen uns immer wieder daran erinnern, dass es passiert ist, und hart gegen Leugner vorgehen.

Die DVD von "Inglourious Basterds" ist ab sofort im Handel erhältlich. Das Bonus-Material enthält unter anderem den sechs Minuten langen Film im Film, "Stolz der Nation", den Eli Roth inszeniert hat