"La mala educacion" Das Drama einer Knabenliebe

Lange zurück liegt die pubertäre Liebesbeziehung der spanischen Knaben Enrique und Ignacio in einer Klosterschule. Doch ein Besucher und ein Manuskript erwecken alte Erinnerungen.

In den sechziger Jahren regierte in Spanien noch das Franco-Regime. Damals war auch die Macht der katholischen Kirche über die Seelen der Spanier noch ungebrochen. In jener Zeit beginnt in einer strengen Klosterschule die schwule Liebesbeziehung der pubertierenden Knaben Ignacio und Enrique. Viele Jahre später ist Enrique ein erfolgreicher Filmregisseur, der nach einem Stoff für seinen nächsten Film sucht. Da kommt ein Mann in sein Büro, der sich als jener Ignacio ausgibt, den der Regisseur längst aus den Augen verloren hatte.

Ignacio gibt Enrique ein selbstverfasstes Manuskript zu lesen, das diesen ebenso quälend wie faszinierend in jene Zeit auf der Klosterschule zurückführt. Was sich nun entwickelt, kann so nur einer in Europa erzählen und in Bilder bannen, nämlich Spaniens begnadeter Filmemacher Pedro Almodóvar. "La mala educacion - Schlechte Erziehung" ist der Titel seiner neuen Produktion. Almodóvar, der wie stets auch das Drehbuch verfasste, zeigt auf seine unnachahmliche Weise ein düsteres Melodram um die großen menschlichen Themen Leidenschaft, Liebe und Tod.

Zwischenmännliche Verstrickungen

Gewiss hat der Regisseur Enrique in der Filmhandlung Züge des realen Regisseurs, der bekennender Homosexueller ist. Almodóvar, der so grandios Frauen auf der Leinwand zu inszenieren versteht, hat dieses Mal fast ausschließlich Rollen für Männer geschrieben, "La mala educacion" ist ein Drama um zwischenmännliche Verstrickungen vor dem Hintergrund einer spanischen Gesellschaft, die versunken, aber noch nicht vergessen und der auch wohl nicht vergeben ist. Vordergründig erscheint der Film als Abrechnung mit der bigotten Sexualmoral der katholischen Kirche. Schließlich ist der Auftritt der Männer in den schwarzen Soutanen wenig rühmlich, ja jämmerlich.

Die Kunst des Melodrams in Vollendung

Aber Almodóvars Kinogeschichte ist alles andere als eindimensional verengt auf eine wohlfeile Anklage gegen engstirnige Religiosität. Der Film ist auch und gerade eine faszinierend unterhaltsame Reflexion über das Spannungsverhältnis von Fiktion und Realität. Mit letzterer wird Enrique im Verlauf seiner Recherche schmerzlich konfrontiert. Der ganze Motivreichtum von "La mala educacion" erschließt sich natürlich nicht beim Nacherzählen, sondern beim Sehen. Almodovar hat die Kunst des Melodrams zu jener Vollendung geführt, der Deutschlands Rainer Werner Fassbinder zustrebte, bevor er Anfang der achtziger Jahre viel zu früh starb.

Die Schauspieler des Films haben hier zu Lande keinen großen Namen, aber den von Gael Garcia Bernal sollte man sich merken. Der junge Darsteller aus einer mexikanischen Schauspielerfamilie tritt nicht nur in gleich drei Rollen auf. Er ist auch in Kürze als junger Che Guevara in dem vielgelobten Streifen "The Motorcycle Diaries" zu sehen. Beeindruckend agiert Daniel Gimenez-Cacho als lüsterner Pater Manolo, der seine Triebe nicht unter Kontrolle bringen kann und als Geistlicher scheitert. Wie stets in Almodovars Filmen hat Alberto Iglesias die Musik geschrieben und arrangiert, wie stets hat er das mit perfektem dramaturgischem Verständnis getan. "La mala educacion" ist großes Kino von einem Genie, auf das der europäische Film stolz sein darf.

Wolfgang Hübner, AP AP

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