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"Laurence Anyways" im Kino Xavier Dolan feiert das Spiel mit den Geschlechtern


An seinem 30. Geburtstag gesteht der Literaturlehrer Laurence sich und seiner Freundin ein, dass er als Frau leben möchte. Für das Paar beginnt damit eine ungewöhnliche Liebesgeschichte.

Man darf es als glücklichen Zufall oder als deutliches Indiz eines Zeitgeistes betrachten, dass "Laurence Anyways" just zu der Zeit in die deutschen Kinos kommt, als Depeche Mode, die Synthie-Helden der 80er Jahre, auf ihrer Tour Megahallen in ganz Europa fühlen. Und in einem Jahr, in dem Verwandlungskünstler und Zwitterwesen David Bowie nach zehn Jahren musikalischer Abstinenz ein neues Album veröffentlicht. Denn "Laurence Anyways" feiert eine ungewöhnliche Liebe und eine Zeit des Rausches, der Verkleidungen und des Elektropops.

Er klingt trotzig dieser Titel "Laurence Anyways". Frei könnte man ihn mit "Laurence wie auch immer" übersetzen und genau davon erzählt dieses bildgewaltige, von der Musik getriebene Epos des kanadischen Regiewunderkindes Xavier Dolan - bei der Premiere in Cannes 2012 war der Drehbuchautor und Filmemacher gerade 23 Jahre alt und stellt mit dem Liebesdrama bereits seinen dritten Film vor.

Laurence (Melvil Poupaud) und Fred (Suzanne Clément) sind ein unkonventionelles Paar, sie lieben das Leben und sich. Trinken während einer Fahrt durch die Waschanlage Champagner, rauchen, kreischen, tanzen. Laurence ist Literaturlehrer, und macht zumindest nach außen den Eindruck eines bürgerlichen Lebens. Fred mit ihren knallroten Haaren, punkig geschnitten, ist Regieassistentin und scheint den etwas schrillen Part in dieser Beziehung zu übernehmen.

Stetige Suche nach sich selbst

An seinem 30. Geburtstag eröffnet Laurence seiner Fred, dass er künftig als Frau leben möchte und taucht schon am nächsten Tag im spießigen Damenkostüm, auffällig geschminkt und mit Ohrringen zum kurzen Haar in der Schule auf. Seine Verwandlung erschüttert Freds Liebe zu einem unkonventionellen Leben - vielleicht auch heftiger als sie es von sich erwartet hat. Denn Laurence will weiter mit ihr zusammen sein, als Paar. Auch Fred weiß um die tiefe Liebe, entfernt sich dennoch zunächst von ihm/ihr, bleibt ihm aber stets verbunden.

Laurence stößt auf Empörung, Unverständnis, gewalttätigen Hass, taucht in neue Welten ein, stets erfüllt von seiner Liebe zu Fred und der Suche nach sich selbst. "Unsere Generation kann das aushalten", wollen die beiden glauben und werden doch immer wieder bitter enttäuscht, wie sich in den drauffolgenden zwölf Jahren zeigt, über die sich der Film erstreckt.

Nun könnte man meinen, dass Dolan die Transformation dieses Menschen erzählt, ergründet, was der Geschlechtswechsel bedeutet. Doch Dolan verliert sich in seinen Bildern von opulenten, gold-kitschigen Kulissen von alternden Drag-Queens, die für Laurence zur Alternativ-Familie werden, während Fred einen Geschäftsmann heiratet. Ein Spiel mit den Rollen.

Gesprengte Konventionen, rauschhafte Bilder

Riesige Roben fliegen in Zeitlupe durch das weiße Wohnzimmer, neonfarbene Lichtstrahlen zerschneiden den dunklen Raum der Disco, intensive Farben, die fast wehtun, bestimmen die Bilder. Die Musik - von Duran Duran, Depeche Mode, Céline Dion über Brahms bis hin zu Vivaldi ist alles dabei - treibt die Geschichte, die Figuren an, zieht den Zuschauer mit aller Wucht in das Geschehen. Doch Dolan vernachlässigt vor allem im zweiten Teil des gut zweieinhalbstündigen Films jegliche Handlungslogik und -ökonomie. Wirkt plötzlich selbst wie ein trotziges Kind, das jegliche Konventionen sprengen will.

"Laurence Anyways" ist ein rauschhaftes Erlebnis für alle Sinne, ein Film, der zu den Elektroklängen der 90er Jahre das Spiel mit den Geschlechtern und die Brechung der Rollen zelebriert, ohne dabei wirklich in die Tiefe zu gehen - und doch unglaublich berührt. Der bis zuletzt verletzliche, sanftmütige Laurence und die trotz ihres bürgerlichen Lebens rebellische, laute Fred stellen die Welt auf den Kopf - und das bewegt nicht nur, sondern zieht einen auch soghaft an.

Britta Schmeis, DPA DPA

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