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"Merry Christmas": Frieden im Krieg

1914 tobt ein erbitterter Stellungskrieg zwischen deutschen, britischen und französischen Soldaten. Dann geschieht ein Weihnachtswunder in den Schützengräben. "Merry Christmas" heißt der Film über den Frieden im Krieg.

Heiligabend 1914. Nur vier Monate nach seinem Ausbruch hat der Erste Weltkrieg bereits knapp eine Million Opfer gefordert. Patriotismus-besoffen, naiv und übermütig hatte sich eine junge Generation zu einem Abenteuer in Marsch gesetzt, das nach dem Versprechen der Generäle spätestens bis zu den Feiertagen erfolgreich beendet sein sollte. Doch statt zu Hause bei ihren Familien sitzen die Soldaten noch immer in ihren schlammigen Erdlöchern - frierend, zermürbt, ängstlich, verwundet, die Illusion vom Heldentum längst brutal zerschossen.

Was in den folgenden Stunden und Tagen an vielen Abschnitten der Westfront geschah, klingt wie ein Märchen aus der Feder eines verträumten Pazifisten. Da ist zum Beispiel dieser deutsche Tenor. Bei Kriegsbeginn direkt von der Opernbühne weg einberufen, sitzt er bei seinen Kameraden im Schützengraben. An dessen Rändern steht aufgereiht Christbaum an Christbaum, geliefert von den kaiserlichen Befehlshabern, um die Moral der Truppe zu stärken. Als der Deutsche "Stille Nacht" in die Waffenruhe schmettert, ertönt Applaus von der französischen Seite, und die Schotten stimmen mit ihren Dudelsäcken ein. Ermutigt greift sich der Mann eine der geschmückten Tannen, steigt ins Freie und geht langsam ins Dunkel.

Plötzlich kriechen überall die Soldaten

aus ihren Stellungen. Beginnen zögernd miteinander zu reden, zeigen sich die Fotos ihrer Frauen. Trinken miteinander, singen, beschenken sich, feiern einen Gottesdienst. Männer, die eigentlich den Befehl hatten, einander zu töten.

Einen solchen Tenor hat es wirklich gegeben. Ebenso wie die denkwürdigen Verbrüderungsszenen, die der Journalist Michael Jürgs 2003 in seinem Sachbuch "Der kleine Frieden im großen Krieg" beschrieben hat. Zehn Jahre zuvor war bereits der französische Regisseur Christian Carion zufällig auf das Buch "Batailles de Flandres et d'Artois 1914-1918" von Yves Buffetaut gestoßen, das in einem Absatz mit dem Titel "Das unglaubliche Weihnachten 1914" auch die fraternisierende Wirkung eines deutschen Tenors und seiner weihnachtlichen Arien schildert.

Nun wiederholt sich dieser Moment noch einmal im Kino, und er gehört zu den ergreifendsten in Carions herzerwärmendem Drama "Merry Christmas". Der von Benno Fürmann gespielte Sänger Nikolaus Sprink - die Synchronisation der Gesangssequenzen besorgte Opernstar Rolando Villazón - zählt zu einer Hand voll Figuren, deren Schicksale sich in diesen friedlichen Stunden miteinander verknüpfen.

Neben Sprink und seiner Geliebten

, der Sopranistin Anna Sörensen (Diane Krüger, mit der Singstimme von Natalie Dessay) ist da etwa der schottische Priester Palmer (Gary Lewis), der als Sanitäter Dienst tut. Oder der junge, sensible französische Leutnant Audebert (Guillaume Canet) und sein Widersacher Horstmayer (Daniel Brühl), dessen kühler, militärischer Pragmatismus durch die Ereignisse langsam zu bröckeln beginnt.

Sie alle lassen für einige Tage ihre Gefühle über die Militärdoktrin triumphieren, und Carion gelingt dabei weitgehend das Kunststück, trotz gnadenloser Sentimentalität nicht in die Pathos-Falle zu treten.

An einigen Frontstellen blieben die Waffen bis in den Januar 1915 hinein stumm. Anschließend wurde weitergekämpft. Bis zum 3. November 1918. Insgesamt starben mehr als acht Millionen Soldaten.

Bernd Teichmann / print