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"Millennium"-Star Noomi Rapace: "Ich bin mehr als Titten und Muschi"

In der Verfilmung von Stieg Larssons Bestsellerreihe "Millennium-Trilogie" hat sie Lisbeth Salander zu einer Leinwandikone gemacht. Auch das wahre Leben ist für Noomi Rapace ein Kampf. Im Gespräch mit stern.de verriet die Schwedin, was sie hasst, was sie liebt und warum sie nicht lächelt.

Frau Rapace, "Vergebung" ist der Abschluss der Verfilmung von Stieg Larssons "Millennium-Trilogie" und Ihr Abschied von der genialen, aggressiven Lisbeth Salander. Fällt der nicht schwer?
Es war für mich eine Befreiung, mich in Lisbeths Universum zu begeben. Sie handelt anstatt in Gefühlen festzustecken. Als sie missbraucht wird, schlägt sie zurück. Das ist das Beste für sie selbst. Wenn du dich davon befreist, was Menschen dir angetan haben, kannst du weitermachen. Für Frauen ist es aber normal, es in sich einzuschließen, es zu akzeptieren. Und dann fangen sie irgendwann an, sich selbst zu hassen, drehen es gegen sich selbst, meinen, dass etwas mit ihnen nicht stimmt, dass sie selbst schuld sind. Sie machen sich Vorwürfe, anstatt es rauszulassen.

Das hört sich nicht nach modernen, selbstbestimmten Frauen an...
Es ist sehr hart und schwer, heute als Frau zu leben. Du hast so viele Möglichkeiten, aber auch so viele Dinge, die du tun sollst, nur weil du eine Frau bist. Du sollst erfolgreich sein, schön sein, charmant sein, du sollst Karriere machen, aber gleichzeitig eine gute Mutter sein, eine gute Liebhaberin, eigentlich alles. Aber das schafft niemand. Viele junge Frauen kämpfen heute mit diesem Bild der Überfrau, dem sie unbedingt gerecht werden wollen. Lisbeth steht für etwas ganz anderes. Sie akzeptiert die Erwartungen, mit denen sie abgefüllt wird, nicht. Sie spuckt sie wieder aus, sagt "Fuck you! Ihr macht euer Ding, ich mache meins".

Ist das der Ausweg?
Ich finde es extrem wichtig, dass wir alle - Männer wie Frauen - Verantwortung für unser eigenes Leben und unsere Träume übernehmen und nicht einfach nur dem großen Strom folgen, Erwartungen erfüllen, wie wir zu leben haben und was wir tun sollen. Ich spüre es doch am eigenen Leib: Ich habe einen sechs Jahre alten Sohn. Ich reise viel. Ich war gerade drei Monate lang weg und nur am Wochenende zu Hause. Das hat die Leute provoziert: "Wie können Sie ihren Sohn so lange allein lassen", wurde ich gefragt. "Fühlen Sie sich nicht als schlechte Mutter?" Wäre ich ein Mann ...

... würde die Frage niemand stellen!
Genau! Es hat mir ziemlich die Augen geöffnet über die Strukturen, wie es tatsächlich ist. Es ist extrem wichtig, für seine eigenen Wünsche aufzustehen und es auf seine Art zu machen. Es ist sehr einfach, sich selbst zu verlieren. Nach einer Weile lebst du nur noch für andere Leute, versuchst deren Ansprüche zu befriedigen, schließlich willst du geliebt und gemocht werden. Das finde ich gefährlich, denn dann hast du dich verloren. Ich sage, um meinem Sohn die Situation zu erklären: "Ich weiß, dass es hart ist, aber es ist nur für diesen Zeitraum. Dann werde ich einen Monat zu Hause sein. Aber im Augenblick muss ich das machen, denn ich liebe meinen Job."

Wie hat er darauf reagiert?
Er hat einmal zu mir gesagt: "Ich weiß, dass das, was gut für dich ist, auch gut für mich ist."

Wow.
Und jetzt sagt er auch schon so was wie: Es sind doch nur zwei Tage, Mami. Ist doch nicht schlimm. Er geht damit cool um. Häufig begleitet er mich ja auch.

Kinder verstehen viel mehr, als man immer denkt.
Oh ja.

Als Lisbeth Salander auf der Bildfläche erschienen ist, haben viele sie für verrückt gehalten. Eine verhaltensgestörte, gepiercte, tätowierte junge Frau, die sofort zuschlägt, wenn sie bedroht wird. Ein Anti-Klischee. Aber ich halte sie nicht für verrückt. Ganz im Gegenteil, sie weiß sehr genau, was in der Welt passiert.
Das sehe ich genauso. Sie hat einen scharfen Verstand. Ich glaube, sie wäre ein wundervoller Mensch geworden, wenn das Leben sie nicht so derbe verprügelt hätte. Die Härte und Aggressivität kommen aus den schrecklichen Dingen, die sie durchmachen musste. Sie reagiert. Ich finde es auch spannend zu sehen, wie verletzlich, sensibel und zerbrechlich wir sind. Du kannst in einer Sekunde jemandes Herz töten (schnippt mit den Fingern), und es kann Jahrzehnte oder ein ganzes Leben dauern, es zu heilen.

Oder nie.
Oder nie! Lisbeth hat ein gebrochenes Herz und eine gebrochene Seele, aber sie hat überlebt. Sie ist voll von positiver Energie, sie will leben, und so kämpft sie eine Schlacht gegen die riesigen Dämonen um sie herum. Und man muss ihren Krieg respektieren! Denn es ist ein Krieg für das Leben.

Sehen sie Lisbeth auch als Sinnbild für den Status der Frau in der Gesellschaft? Anders gefragt: Missbraucht die Gesellschaft die Frauen?
Die Gesellschaft will nicht, dass wir glücklich sind. Dann würden wir ja nichts kaufen, dann wäre es nicht so einfach, uns zu beherrschen. Unglückliche Menschen sind leichter zu kontrollieren. Also: Ja, definitiv. Als ich noch jünger war, habe ich zuweilen gedacht, die Regierung hätte einen Pakt mit den Medien geschlossen, weil die so viele schreckliche Sachen ausspuckten, wie wir aussehen, wie wir uns benehmen sollen, was für ein Mensch man sein muss, um geliebt zu werden. Dabei hat es mit dem realen Leben nichts zu tun! Wenn du jung bist und auf der Suche, ist es schwierig, das zu erkennen. Und es ist ein Desaster, dass es so wenige Stimmen gibt, die sagen: "Hör nicht auf den Scheiß, weil es dir wehtun wird."

Suchen Sie sich deshalb immer wieder diese gequälten Frauenrollen aus? Als nächstes spielen Sie eine missbrauchte Mutter, die ihr Kind schützen will, und eine Holocaust-Überlebende, die einen Nazi heiratet.
Ja, denn ich glaube, das Leben ist kompliziert.

Könnten Sie sich überhaupt vorstellen, in einer romantischen Komödie mitzuspielen?
Ich sehe keinen Wert in romantischen Komödien. Ich habe noch nie eine gesehen, die mir irgendetwas gegeben hätte. Es gibt viele Schauspieler, die wesentlich besser dazu geeignet sind, solche Filme zu drehen. Für mich sind sie nichts.

Was bedeutet es für Sie, eine Frau zu sein?
Ich bin mir nicht sicher. Ich glaube, ich bin zu 50 Prozent Frau und zu 50 Prozent Mann. Ich bin ein Mensch. Ich hasse es, mit einfachen Lösungen abgespeist zu werden: Das ist ein weibliches Problem, oder das ist ein Männerding ... Diese Denkweise! Manchmal möchte ich schreien. Kann es euch nicht scheißegal sein, dass ich Titten und eine Muschi habe? Ich bin ich. Mich müsst ihr sehen. Es geht immer nur darum, wie du aussiehst. Das hier ist wie ein Spiel. Auf dem roten Teppich, auf Pressekonferenzen, wenn du mit Filmverleihern reden musst, mit Produzenten. Ich kann das nicht wirklich ernst nehmen. Für mich ist das auch eine Rolle, die ich spielen muss. Und in dieser Rolle versuche ich, eine gute Figur zu machen, weil es dem Film hilft.

Und wenn Sie nicht mitspielen würden?
Gäbe es vielleicht kein Publikum. Ich weiß es nicht. Sie sagen, dass wir es brauchen. Wenn du eine Schauspielerin sein willst, musst du dich entscheiden, es akzeptieren oder es lassen. Nehmen Sie gestern Abend: Ich musste auf den roten Teppich, und hinterher hat man mich gefragt, warum ich nicht gelächelt hätte, nicht ein einziges Mal. Und ich sagte: Warum sollte ich auch? Weil ich eine Frau bin? Weil die normalerweise mit einem Riesengrinsen (zieht eine Grimasse) drüber laufen? Männer brauchen das nicht. George Clooney, Brad Pitt, die laufen da einfach lang, sind cool, drehen sich und gehen wieder. Oder nehmen Sie Titelblätter. Ich habe keine Lust, lächelnd mit einer "Das Leben ist einfach"-Attitüde auf dem Cover abgebildet zu werden. "Lächle, und alles wird gut." Ich will keine einfachen Antworten geben! Dann wurde ich von einem Männermagazin angefragt, wo sonst immer Männer vorn drauf sind, meist mit verschränkten Armen und ernstem Blick, und ich habe gesagt: "Wenn ihr mich so fotografiert, mache ich mit." (lacht)

Und was ist passiert?
Das wollten sie natürlich nicht! (lacht ausgelassen) Und so war es gestern auch auf dem roten Teppich. So habe ich das Gefühl, meine Würde zu behalten. Ich will ihnen nicht alles geben. Ich will keine lächelnde Barbie sein.

Ist Schauspielersein erniedrigend?
Es sollte das Gegenteil sein. Aber es kann sehr erniedrigend sein. Du musst dich immer wieder fragen, was du willst. Du hast die Wahl. Nehmen Sie als Beispiel die Vergewaltigungsszene in "Millennium". Ich musste 100-prozentig sicher sein, dass ich diese Szene machen will. Ich musste überzeugt sein, dass wir diese Szene brauchen, dass sie etwas über Lisbeth sagt. Darüber, was es auslöst. Dann weiß ich, dass es meine Entscheidung ist. Da ist Eitelkeit keine Frage mehr. Eine Vergewaltigungsszene ist niemals schön. Ich hasse es, wenn sie zur Unterhaltung genutzt werden, wenn es ästhetisiert wird. Im wahren Leben gehört es zu den schlimmsten Verbrechen, die einem Menschen angetan werden können. Also: Wenn sich der Schauspieler immer wieder fragt, wie weit er gehen will, muss die Arbeit nicht demütigend sein.

Frau Rapace, was fasziniert Sie so an der hässlichen, düsteren Seite des Menschseins?
(Längere Pause) Meine Wahrheit war immer auf der dunklen Seite des Lebens. Menschen sind nicht nur gut oder nur schlecht. Wir können alles sein. In extremen Situationen kann man schreckliche Dinge tun. Aber wir sind auch liebevoll und aufmerksam. Ich möchte gern verstehen, was uns lenkt, das Schlimmste zu tun. Ich glaube, wir balancieren ständig auf einem schmalen Grat, und wir können jederzeit runterfallen.

Sophie Albers