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David Lagercrantz: "Verschwörung": Schändung oder Vermächtnis? Riesenärger um Fortsetzung der Millennium-Saga

Er ist der neue Stieg Larsson: David Lagercrantz hat den Weltbestseller Millennium-Saga um die dunkle Heldin Lisbeth Salander fortgeschrieben - und löste damit ein Drama aus.

Von Stephan Maus

David Lagercrantz

 David Lagercrantz stellt sein Buch "Verschwörung" vor, mit dem er Stieg Larssons "Millennium"-Saga fortschreibt.

Wehe all jenen Männern, die Frauen Übles wollen. Sie werden nicht ungeschoren davonkommen. Lisbeth Salander ist zurück. Der düstere
Racheengel streift wieder durchs zugige Stockholm, psychopathisch lodert ihr Blick, ihre Kapuze ist tief ins Gesicht gezogen, jede Neurone, jede Muskelfaser kampfbereit. Blut wird fließen, ihr eigenes und auch das ihrer Gegner. Zähnefletschend wirft sich die Cyber-Pippi-Langstrumpf den korrupten Institutionen entgegen und erobert sich in unserer durchorganisierten Gesellschaft die Autonomie des Subjekts
zurück. Auch diesmal wieder spaziert sie wie ein durchsichtiger Geist durch feindliche Computersysteme. Nur ist ihr Gegner heute mächtiger als je zuvor. Lisbeth Salander wirft der NSA den Fehdehandschuh hin.

Die unvollendete Millennium-Saga des verstorbenen Erfolgsautors Stieg Larsson hat eine Fortsetzung gefunden, die nun zehn Jahre nach dem ersten Band erscheint. Die Erben des Autors haben den Schriftsteller David Lagercrantz dazu auserkoren, Larssons Serie weiterzuschreiben.
Wie im Fieber hatte Larsson, der engagierte Journalist und Rechtsextremismus-Experte, drei Bände über die Abenteuer des Cyberpunk-Mädchens Lisbeth Salander und des Enthüllungsjournalisten Mikael Blomkvist geschrieben. Er brütete meist nachts über seinen Thrillern, nach seiner Arbeit beim Politmagazin  "Expo". Er ernährte sich von Fast Food, kippte literweise Kaffee in sich hinein und rauchte ohne Unterlass. Als er eines Tages nach der Mittagspause in die Redaktion eilte, brach er zusammen und starb am 9. November 2004 mit 50 Jahren an den Folgen eines Herzinfarkts. Seine drei Bände wurden posthum veröffentlicht und fanden weltweit über 80 Millionen Leser.
Wer dieses Werk weiterschreiben darf, hat den Hauptgewinn.
David Lagercrantz, 52, sitzt in seiner geräumigen Dachgeschosswohnung im Stockholmer Szeneviertel Södermalm, ein Autor, der gerade den Job seines Lebens erledigt hat. Eigentlich die Erfolgsstory eines euphorischen Sonnyboys. Aber da dies eine Stieg-Larsson-Geschichte ist, kommt auch sie nicht ohne eine Wendung aus, die tief in Leidenschaft, Verwünschung und Hass führt. 

Bei seinem Tod hinterließ Stieg Larsson nicht nur drei fertige Romane, sondern auch ein Manuskript von etwa 200 Seiten. Es sollte der vierte Teil der auf insgesamt zehn Bände angelegten Millennium-Serie werden. Und Larsson hinterließ auch ein heilloses moralisches Durcheinander. Eigentlich hätten alle Rechte an seinen Werken Eva Gabrielsson zukommen müssen - der Frau, mit der er mehr als 30 Jahre zusammengelebt hatte. Doch die beiden hatten nie geheiratet. Hochzeit war für die überzeugten Kommunisten nur ein kleinbürgerliches Ritual. Da der früh Verstorbene kein Testament hinterlassen hatte, ging Gabrielsson leer aus. Sämtliche Rechte an Larssons Werken fielen an seinen Vater Erland und seinen Bruder Joakim.

Seit Jahren liegen Eva Gabrielsson und die Larsson-Erben miteinander in erbittertem Streit.
Man sitzt also einem Autor gegenüber, dessen Buch nach dem Willen der Lebensgefährtin des Millennium-Schöpfers nie hätte entstehen dürfen. David Lagercrantz aber zweifelte nicht einen Moment, als sich ihm die Chance bot. Er erzählt, wie er in einen Rausch verfiel, nachdem er den Vertrag unterschrieben hatte. Seinem Verleger hatte er versichert, er sei für diesen Job geradezu geboren. Schließlich habe auch er als Journalist gearbeitet, genauer als Crime-Reporter für das Magazin "Espressen". Und wohnte er nicht auch in Södermalm, Salanders und Blomkvists Hauptquartier?
Lagercrantz ist ein begnadeter Selbstvermarkter. Eigentlich brauchte er den riesigen Marketingapparat gar nicht, den sein Verlag für ihn in Gang gesetzt hat: zeitgleiche Veröffentlichung in 27 Ländern, höchste Geheimhaltungsstufe für das Manuskript, internationale Lesereise,
Interviews nur in Anwesenheit einer kampfbereiten Pressefrau, die bei jeder kritischen Frage aufspringt und zur Verteidigungsrede ansetzt.
Lagercrantz erinnert sich noch gut an die zündende Idee: Nur wenige Tage nachdem er den Vertrag unterzeichnet hatte, musste er an eine Kurzgeschichte denken, die er 20 Jahre zuvor geschrieben hatte. Sie handelte von einem jungen Autisten. Die Eltern fanden keinen Zugang zu dem verschlossenen Kind. Eines Tages überquerte dieses Kind einen Ampelübergang, und sein Blick hellte sich auf. Am nächsten Tag zeichnete der Autist Ampel, Straße und Umgebung in makelloser Detailtreue und nach allen Regeln der Perspektive, obwohl er niemals zuvor etwas gezeichnet hatte. Inselbegabung nennt man eine solche Fähigkeit. Lagercrantz hatte die Eingebung, dass ein solch begabter Autist einziger Zeuge eines schrecklichen Verbrechens werden könnte. Das war die Keimzelle seines Thrillers. Er machte sich an die Arbeit.
"Dort drüben ist der Ort all meiner Leiden und Freuden", sagt er und zeigt auf eine aus Ziegelsteinen gemauerte Enklave inmitten der weiten Wohlfühllandschaft in luftigem Schweden-Design. Lagercrantz hat sich im Zentrum seiner Wohnung eine geschützte Schreibgrotte mit gotischen Spitzbogenfenstern mauern lassen. Im Schutze dieser Krypta stehen ein abgewetzter Ledersessel und ein Schreibtisch mit vier Computern.

Ehrgeiz und Besessenheit
Unter dem Tisch stapeln sich zerfledderte Ausgaben der Autobiografie des schwedisch-bosnischen Fußballspielers Zlatan Ibrahimović, die Lagercrantz als Ghostwriter zu Papier gebracht hat. Seine Augen leuchten vor Stolz, als er erzählt, dass diese Fußballerbiografie eines der meistverkauften Bücher in der schwedischen Verlagsgeschichte sei. Aufgrund dieses Erfolgs entschieden sich die Larsson-Erben für ihn. 

Anfangs war Lagercrantz wie besessen von Larsson. Welch eine Herausforderung, das Werk dieser Ikone weiterzuschreiben. War er dieser Aufgabe wirklich gewachsen? Er tauchte in Larssons Werk ein, machte sich vertraut mit dem gigantischen Figurenkosmos und den verästelten Handlungsfäden. Wo gab es lose Enden? Wo waren Figuren angelegt, die man weiterentwickeln könnte? Ständig fragte er sich, wie Larsson es gemacht haben würde. Er wurde verrückt, flippte regelrecht aus. Schrecklich war das, aber auch heilsam. Denn danach legte er die drei Thriller beiseite und löste sich vom übergroßen Vorbild. Er hatte das Werk und die Figuren so sehr verinnerlicht, dass er von nun an frei schreiben konnte. Lagercrantz verfasste "Verschwörung" auf einem Laptop, der keinen Internetzugang hatte. Einerseits, um das Manuskript vor Diebstahl zu schützen. Andererseits auch, um später werbewirksam auf der Klaviatur des Hackermythos spielen zu können. Die ehemalige Lebensgefährtin Eva Gabrielsson sagt, die Veröffentlichung von "Verschwörung" sei nichts als Geschäftemacherei.

Verlag und Autor behaupteten zwar, Helden wie Salander seien dazu da, für immer weiterzuleben. Doch das sei Bullshit, so Gabrielsson. Hier gehe es nur ums Geld. Genau wie bei der Lisbeth-Salander-Kollektion von H & M, der die Erben vor Jahren zugestimmt hatten. Gabrielsson schreckt vor Verwünschungen nicht zurück: "Das Schlimmste aber ist, wie traurig Stieg darüber sein würde. Er hat niemals jemanden seine literarischen Texte bearbeiten lassen. Er wäre wütend. Wer weiß, vielleicht schickt er einen Blitz zur Buchpremiere."

Die Familie hat versucht, die Autorenwitwe abzufinden. Doch Gabrielsson sieht sich als geistige Nachlassverwalterin ihres Mannes und möchte die Kontrolle über sein Werk. Ihr Unterpfand: Lange hat Gabrielsson gesagt, sie besitze Larssons Laptop mit dem Manuskript des vierten Bandes. Inzwischen sagt Gabrielsson, sie wisse nicht, wo sich das begehrte Fragment befinde. Wohl ein juristischer Winkelzug. Auch andere Weggefährten des Autors bezeugen die Existenz dieses Manuskripts.

So erzählte Larssons Freund John-Henri Holmberg der Nachrichtenagentur AP von einer E-Mail, in der Larsson ihm schreibt: "Der Plot ist 120 Kilometer nördlich von Sachs Harbour angesiedelt, auf Banks Island,im Monat September. Laut der Zusammenfassung wird es 440 Seiten umfassen." Larsson schwärmte weiter, es gebe im kanadischen Sachs Harbour 48.000 Moschusochsen, 80 verschiedene Wildblumenarten und 1500 Eisbären. Eigentlich mehr als genug für einen guten Thriller. Auch Larssons enger Vertrauter Kurdo Baksi weiß von einem vierten Manuskript. Er erklärte, Lisbeth Salanders Zwillingsschwester Camilla spiele darin eine entscheidende Rolle. Diese Information nimmt Lagercrantz nun in seiner Fortsetzung auf und entwickelt daraus einen Hauptstrang seines Plots. All diese Umstände machen die Fortsetzung der Millennium-Saga in Schweden zu einer äußerst umstrittenen Unternehmung. Erst kürzlich noch sagte Martin Aagård, Literaturkritiker des "Aftonbladet": "Das literarische Schweden betrachtet dieses Projekt mit sehr, sehr viel Argwohn. Es ist eine Art Grabesplünderung."

Moralisch diskussionswürdig

Sobald man auf Eva Gabrielsson zu sprechen kommt, windet sich Lagercrantz in seinem Sessel. Es ist das erste Mal, dass der smarte Selbstverkäufer unruhig wird. Er habe den größten Respekt vor Eva Gabrielsson und vor ihren Gefühlen. Aber er musste einfach dieses Buch schreiben. Schon immer habe er die Devise gehabt: "Folge deinem Feuer!"

Mit seinem Ibrahimović-Buch habe er junge Menschen an die Literatur herangeführt. Er hoffe, das werde bei diesem Buch wieder so sein. Bei Lagercrantz hat Lisbeth Salander also auch noch einen Erziehungsauftrag. Lagercrantz versucht, in der umstrittenen Fortsetzung auch eine Chance für die Literatur insgesamt zu sehen. "Sie verstehen sicherlich, dass ich nicht viel darüber sagen kann, was in der Vergangenheit passiert ist. Ebenso wenig über die Diskussion zwischen Gabrielsson und den Nachlassverwaltern. In der besten aller Welten hätten die beiden Parteien sich geeinigt. Ich denke, es ist gut, wenn über Literatur diskutiert wird. Normalerweise bekommt ein Buch zwei Besprechungen, und dann ist es vergessen. Aber wir beide diskutieren hier Literatur! Und genau das sollte man mit Literatur machen. Lassen Sie uns diskutieren!“
Moralisch sind Lagercrantz’ Auftrag und sein Werk tatsächlich diskussionswürdig. Handwerklich kann man dem Erfolgsautor keine Vorwürfe machen. Ihm ist ein ausgezeichneter Thriller nach allen Regeln der Kunst gelungen. Geschickt hat er den Plot in die Gegenwart geholt: Die Medienkrise hat auch das Enthüllungsmagazin "Millennium" in den Klauen. Star-Reporter Blomkvist braucht dringend einen Scoop. Den verspricht ein nächtlicher Anrufer: Der Professor Frans Balder bittet um Hilfe.

Balder steht an einem Wendepunkt seines Lebens. Jahrelang hat er die Erziehung seines autistischen Sohns August vernachlässigt zugunsten seiner bahnbrechenden Erfindungen im Bereich der künstlichen Intelligenz. Nun entdeckt er das Glück der Erziehung. Doch viel Zeit bleiben dem Vater und seinem achtjährigen Sohn nicht: Großkonzerne und Spione reißen sich um Balders Algorithmen und schrecken vor Gewalt nicht zurück. Lisbeth Salander ist dem Professor schon beigesprungen und ist bei ihren Recherchen auf zwei
mächtige Gegner gestoßen: die NSA und ihre eigene Zwillingsschwester, die durch und durch böse Camilla. Das Abenteuer kann beginnen.

Geschickt greift Lagercrantz viele lose Enden des Millennium-Plots wieder auf. Er schärft das psychische Profil der mythischen Figur Lisbeth Salander, ohne dabei ihr rätselhaftes Wesen zu entzaubern. Dies gelingt ihm mit einer raffinierten literarischen Technik: Er beleuchtet das Cyberpunk-Mädchen mithilfe zweier Spiegelfiguren. So erscheint die böse
Zwillingsschwester Camilla wie Lisbeths Negativabzug. Und die Nebenfigur des achtjährigen Autisten August wirft ein interessantes neues Licht auf Lisbeth und erinnert gleichzeitig diskret an ihre schreckliche Kindheit. Es ist rührend, zu lesen, wie sich das verschlossene Cyberpunk-Mädchen und der junge Autist im Laufe der Handlung näherkommen. Die beiden sind sicher eines der originellsten Ermittlerduos der letzten Jahre.

Lagercrantz erdet Salanders und Blomkvists Abenteuer tief in der Populärkultur, etwa in alten Marvel-Comics. Larssons Bruder Joakim bestätigte ihm, dass sie als Kinder die Marvel-Bände verschlungen hätten. 

Lagercrantz entstammt einer bildungsbeflissenen schwedischen Adelsdynastie. Auch deswegen hält ihn Eva Gabrielsson für vollkommen ungeeignet, das Werk ihres Lebensgefährten fortzusetzen. Larsson kam aus einer ursprünglichen Arbeiterfamilie. Sein Großvater und sein Vater arbeiteten zeitweise in einem Hüttenwerk Nordschwedens. Gabrielsson sagte: "Lagercrantz kommt aus einem ganz anderen Umfeld. Für ihn war alles immer nur einfach. Er war niemals politisch tätig. Alles ist einfach nur falsch."

Lagercrantz’ Vater Olof war einer der einflussreichsten Literaturkritiker Schwedens. Lange hat der junge David versucht, ihm nachzueifern: "Ich war sein jüngster Sohn. Eine ganze Zeit lang wollte ich sein wie er. Er war ein Gott für mich. Ich las Dante und Joyce. Aber ich verstand irgendwann, dass ich nicht den gleichen Weg gehen konnte. Literarische Essays schreiben oder etwas in der Art? Das wäre doch erbärmlich gewesen. Ich versuchte, eine andere Richtung einzuschlagen. Ich ging zu Boulevardzeitungen, wurde Polizeireporter.
Aber tief in mir drinnen dachte ich: In Wirklichkeit bin ich jemand ganz anderes. Eines Tages werde ich kluge literarische Essays schreiben. Aber dann beeinflusste mich die Populärkultur. Und heute habe ich beides: Ich bin ein Autor, der vom großen Publikum gelesen werden will. Aber ich habe auch einen Fuß in dieser alten feinen Kultur, die mein Vater vertrat. Das ist wichtig für mich, wenn ich schreibe. Ich schreibe zwar Krimis, aber ich versuche auch, gute Literatur zu schreiben."

Der Druck in seiner Familie muss enorm gewesen sein. Zu Hause galt als Leitfigur das Genie, das nahe am Wahnsinn siedelt. Depressionen und Geisteskrankheiten bestimmten das Selbstverständnis dieser Dynastie. Davids Schwester, die Schauspielerin Marika Lagercrantz, hat die Familienphilosophie einmal folgendermaßen zusammengefasst: "Sei erfolgreich oder gehe unter.“

Als der Verlag Ende 2013 verkündete, dass Lagercrantz den vierten Millennium-Band schreiben werde, war die Empörung groß. Die schwedische Krimikritikerin Lotta Olsson sprach von "literarischem Vampirismus". Lagercrantz erinnert sich mit Schaudern an all die Debatten: "Es war ein so sensibles Thema in Schweden. Es gab verrückte Überschriften – als sei der dritte Weltkrieg ausgebrochen. Man griff mich an: 'Wie können Sie bloß? Bla, bla, bla ...' Ich hatte solche Angst. Ich musste ein gutes Buch schreiben. Ich schlief nicht gut. Ich
wurde um vier Uhr morgens wach."

Diese anstrengende Schaffensphase, geprägt vom Wechsel aus Depressionen und manischen Schüben, scheint sich gelohnt zu haben. Schon drei Wochen vor der Veröffentlichung von "Verschwörung" druckte Schwedens größte Tageszeitung "Dagens Nyheter" Lagercrantz’ Porträt auf die gesamte Titelseite. Im Innenteil folgten Doppelseite um Doppelseite mit dem Abdruck seines Schreibtagebuchs. Und das in der Tageszeitung, deren Chefredakteur von 1960 bis 1975 niemand anderes als Olof Lagercrantz war, Davids übermächtiger Vater.

Adelsspross und Arbeiterkind

Es ist seine Herkunft aus dem adeligen Intellektuellenmilieu, die Lagercrantz zum Schreiben trieb. In seiner Kindheit seien immer all die großen Schriftsteller in ihr Haus gekommen. Ganz anders der Proletariersohn Larsson, der als Jugendlicher seine erste Schreibmaschine bekam, auf der er Science-Fiction-Geschichten schrieb. Zum Krimi fand er erst nach vielen
Jahren über den Journalismus – dank einer Anregung von Eva Gabrielsson.

Diese entgegengesetzten Biografien erklären auch ihre größten Unterschiede. Lagercrantz’ Roman ist weit weniger düster als Larssons Gesellschaftsapokalypsen. Der bildungsgesättigte Adelsspross vertraut mehr in die Institutionen als der Proletarier und Kommunist Larsson. In Larssons Werken bleibt Lisbeth Salander nichts anderes übrig, als Selbstjustiz zu üben. Schließlich sind alle Institutionen so korrupt, dass man sich auf niemanden verlassen kann. Bei Lagercrantz hingegen gibt es in jeder noch so korrupten Institution immer ein Widerstandsnest der Aufrechten – selbst in der NSA.

Lagercrantz’ Stil ist weitaus kontrollierter, als Larssons fieberhaft dahingeworfene Sätze es waren. Wirkt Larssons Sprache oft wie das dichte Gestrüpp in den Wäldern seiner Heimat Nordschweden, so liest sich Lagercrantz so sauber und aufgeräumt wie Gärten und Parks auf der Insel Drottningholm, wo auch die königliche Familie residiert. Sein Roman ist ein elegant konstruiertes intellektuelles Spiel. Larsson hingegen schwelgt in düsteren Obsessionen und archaischen Rachefantasien. Er lässt sich in seinen Werken treiben wie im Wahn. Mag sein Stil noch so sehr klappern, mögen die Enden seines Plots manchmal noch so schlecht vernäht sein – er war ein großartiger, düsterer Geschichtenerzähler. Im
nächtlichen Schreibrausch hat er monumentale Visionen von mythischer Wucht geschaffen.

Lagercrantz fehlt diese fantastische Kraft. Dafür hat er seine Geschichte zu fest im Griff. Er hat Larsson dramaturgisch und stilistisch entrümpelt. Der Plot schnurrt zuverlässig wie ein Volvo. Doch bei aller kontrollierten Meisterschaft scheint dem Autor sein Unterbewusstsein heimlich die Feder geführt zu haben. Seine Handlung kreist um die fragile Integrität geistigen Eigentums. Das Programmierergenie Frans Balder muss mehrmals hilflos dabei
zusehen, wie sich Großunternehmen, Kriminelle und Spione seine Algorithmen aneignen. Verrat kommt aus den Reihen seiner engen Vertrauten. Es scheint, als hätte der Autor unter dem Einfluss seines schlechten Gewissens gegenüber Eva Gabrielsson und Stieg Larsson das Hauptthema seines Thrillers entwickelt: Respektlosigkeit gegenüber geistigem Eigentum.

Je mehr man in "Verschwörung" eintaucht, desto unrechtmäßiger erscheint einem die Fortsetzung der Saga gegen den Willen von Eva Gabrielsson. So macht sich der Autor seinen eigenen moralischen Prozess. Den härtesten Urteilsspruch gegen ihn findet man ebenfalls in seinem eigenen Werk: "Wenn man einmal damit angefangen hat, sich die Ideen anderer anzueignen und damit Geld zu verdienen, überschreitet man eine Grenze, von der an es nur mehr bergab geht."