HOME

"Verblendung" im Kino: Der Film, der immer noch Angst macht

Hollywood hat Stieg Larssons Kultroman "Verblendung" verfilmt. Mit Leinwandstars und Hochglanzoptik wurde der dreckige Thriller aus dem düsteren Schweden aufpoliert. Und sieht nun aus wie ein filmgewordener Marilyn Manson.

Von Sophie Albers

Dieser Film eignet sich vorzüglich zum Streiten: für Menschen, die den schwedischen Originalfilm kennen, über das Pro und Contra eines Hollywood-Remakes. Für Menschen, die Stieg Larssons Bestseller "Millennium"-Trilogie" bisher nicht kennen, über das Thema Frauenhass. Wobei letzteres eigentlich das Thema sein sollte, über das dieser gewaltige, schreiend brutale, verstörende, aber eben doch auch unterhaltende Film zum Nachdenken anregen sollte.

Für diejenigen, die Larssons Buch "Männer, die Frauen hassen" (so der Originaltitel) nicht kennen: Mikael Blomkvist ist Redakteur einer linkspolitischen Zeitung und wurde gerade zu einer Haftstrafe wegen Verleumdung verurteilt. Ein schmieriger Wirtschaftsboss, den der kämpferische Idealist des Waffenhandels überführen wollte, hat ihn hereingelegt. Am gleichen Tag kontaktiert ihn der alte Henrik Vanger. Das Familienoberhaupt eines Industrieimperiums bittet den Journalisten, den 40 Jahre zurückliegenden Mord an seiner Lieblingsnichte aufzuklären. Was Blomkvist nicht weiß: Vanger hat ihn zuvor überprüfen lassen und zwar von der besten Hackerin Schwedens. Auftritt Lisbeth Salander, gepierct, tätowiert und im wahrsten Sinne des Wortes asozial. Bis sie beschließt, Blomkvist dabei zu helfen, den Frauenmörder zu finden. Denn Lisbeth weiß, wie Frauen fühlen, die Opfer sind. Das ist das Grundgerüst dieses Psychothrillers, der ins dunkel-eiskalte Nordschweden führt, wo Familiengeheimnisse und zivilisatorische Perversionen lauern, vor denen man weglaufen möchte. Was aber nicht geht. Im Roman nicht und auch nicht im wahren Leben, was Larssons Anliegen war, dass seine Leser ebendies begreifen.

Modelmäßig anorexisch statt vom Leben abgezehrt

Sie winden sich. Weder Daniel "007" Craig (Blomkvist) noch Rooney Mara (Salander) scheinen mit der Frage nach dem Grundthema Misogynie etwas anfangen zu können - oder zu wollen. Als Schauspieler sei er zu nah dran, um das beurteilen zu können, sagt ein erstaunlich nervöser Craig und streicht nicht vorhandene Falten seines Pulliarms glatt. Mara gibt sich trotzig arrogant: Es gehe um vieles in dieser Geschichte. Mehr sagt sie nicht, lächelt stattdessen verhungert.

Dabei ist Frauenhass noch nie so laut und deutlich im Mainstreamkino behandelt worden. Und auch wenn Regisseur David Fincher ("Fight Club", "Zodiac") vielen als einziger Regisseur galt, der dem Thema überhaupt gerecht werden könne, hat er die Geschichte einer Frau, die wirklich alles tut, um kein Opfer zu sein, auf ein ästhetisches Niveau gehoben, das dem traurigen Dreck, in dem die Geschichte wühlt, einfach nicht gerecht wird. So haben die Bilder teilweise den Charme pittoresker Aufnahmen von einem Massaker. Das funktioniert bei Marilyn Manson. Aber wir sind hier immer noch im Blockbuster-Kino – zwischen Nachos und Jumbo-Cola.

Alles ist bis zum Anschlag durchgestylt - angefangen beim Trailer, der in seiner Brillanz an James Bond erinnert. Ist nur leider der falsche Film. Die Redaktion von Blomkvists politischem Kampfblatt sieht aus wie ein Prada-Shop. Und Lisbeth - auch wenn Rooney Mara sich wirklich die Seele aus dem Leib spielt, ist weniger vom Leben abgezehrt als modelmäßig anorexisch, jemand der nur so aussehen soll, als ob er seinen Körper hasst. Aber ohne die hässliche Ehrlichkeit von Noomi Rapaces Lisbeth. Natürlich hat das Original viele Schwächen, aber es war eben auch eine TV-Produktion mit einem TV-Budget, was dem Film letztlich allerdings eher gut getan hat.

Schön anzusehender Albtraum

Finchers schön anzusehender Albtraum ist nichtsdestotrotz ein genialer Psychothriller, straffer als das Original, auf den Punkt, aber eben mit allem ausgestattet, was dafür sorgen wird, dass Lisbeths Style in Modefotostrecken gefeiert wird.

Deshalb noch zurück zu Larsson: "Männer, die Frauen hassen" gibt es. Leider viel zu viele, immer noch und überall. Auch in unserer westlichen, aufgeklärten Gesellschaft. Männer, die glauben, dass Frauen schwächer, dümmer, weniger wert sind als sie, was ihnen das Recht gibt, sie zu benutzen. Und wenn Frau nicht will, dann mit Gewalt. 7448 Fälle von Vergewaltigung und schwerer sexueller Nötigung gegen Frauen gab es laut der Polizeilichen Kriminalstatistik im Jahr 2010. Das sind mehr als 21 Übergriffe am Tag - und nur die zur Anzeige gebrachten. Die Dunkelziffer kann man nur mit Grausen ahnen.

Mit Lisbeth Salander hat Larsson eine Antiheldin geschaffen, die sich trotz aller Härte doch nicht schützen kann, die klar macht, welches Narbengewebe in dieser Gesellschaft wuchert. Und deshalb ist es so wichtig, mehr in dieser Frau zu sehen als eine weitere Ellen Ripley, Lara Croft oder Salt.

Zu diesem Thema unbedingt lesen: Peter Praschl: "Pfoten weg"