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Modekette mit royalen Verbindungen Milliardärs-Dynastie aus Schweden: So tickt der H&M-Clan

H&M-Chef Karl-Johan Persson drückt die Aktie der Modekette schon mal mit einem Statement nach unten. Warum auch nicht – er will schließlich nicht verkaufen.
H&M-Chef Karl-Johan Persson drückt die Aktie der Modekette schon mal mit einem Statement nach unten. Warum auch nicht – er will schließlich nicht verkaufen.
© Norbert Höfler
In Schweden gehört die Familie zu den Superreichen. Ein wichtiges Mitglied des Clans ist Karl-Johan Persson, der Chef von H&M. Begegnung in Stockholm mit einem gelassenen Milliardär – der mächtig unter Druck steht.

Dieser Auftritt von Karl-Johan Persson wird in die Unternehmensgeschichte von H&M eingehen. Es war kurz nach neun an einem kalten Februarmorgen in Stockholm. Persson hatte internationale Investoren ins Kongresszentrum Cirkus eingeladen. Von hier ist man in drei Minuten am Abba Museum. Internationale Investmentbanken und Hedgefonds hatten ihre Leute nach Schweden geschickt. Viele von ihnen wetten auf weiter fallende Kurse. Seit Monaten geht es mit der H&M Aktie bergab. Allein seit Jahresanfang verlor das Papier gut 20 Prozent. Der H&M-Chef trat in seiner Doppelrolle auf: Der 42-Jährige ist Vorstandsvorsitzender der Modekette und er ist Miteigentümer von H&M.

Zunächst sah es so aus, als ob die Investoren bekommen, was sie wollen. Einen kleinlauten CEO, der alles tun wird, um schnell wieder in die Zone mit den fetten Gewinnen zu kommen. Während der ersten Minuten seiner Rede machte die H&M-Aktie sogar einen kleinen Hupf nach oben.

Karl-Johan Persson ist der Enkel des H&M-Gründers. Sein Vater, Stefan Persson, 70, gehört mit einem geschätzten Vermögen von 16 Milliarden Euro zu den reichsten Menschen der Welt. Karl-Johan ist erst 42, wird aber auch schon mit 1,5 Milliarden Euro in den Charts der Reichen geführt. Er lebt mit seiner Frau und drei Kindern im noblen Stockholmer Stadtteil Östermalm. (Fans von Lisbeth Salander wissen: In der Millennium-Trilogie hatten hier fast alle Schurken ihren Wohnsitz.)

H&M und seine neuen Hoffnungsträger

Dem Persson-Clan gehören mehr als 40 Prozent der H&M-Aktien. Durch komplizierte Konstruktionen hält die Familie sogar 70 Prozent der Stimmrechte. Das heißt, die Perssons bestimmen, wohin es bei der Modekette H&M geht. Ob investiert wird, oder nicht. Ob schnelle Gewinne wichtiger sind, als langfristige Erfolge.

Karl-Johan Persson steht im dunkelblauen Anzug und weißem Hemd, ohne Krawatte, auf der Bühne. Zunächst gibt er den Investoren den Stoff, den sie hören wollen: Er zählt die neuen Marken auf, die zum H&M-Konzern gehören und die in den kommenden zwei bis drei Jahren um 100 bis 250 Prozent wachsen sollen. Weekday, COS, Monki, Arket und die neue Onlineplattform Afound, die zunächst in Schweden gelauncht wird. Persson ruft den 300 Zuhörern zu: "Wir haben eigene Business-Ideen, da ist eine Menge Wachstum. Wir kennen unsere Kunden. Dafür sind wir bereit, alles auf den Kopf zu stellen." Er zählt auf, dass H&M inzwischen auf allen sechs Kontinenten mit mehr als 4700 Shops vertreten ist. Das Unternehmen wolle im Online-Geschäft bis 2022 um 20 Prozent oder mehr wachsen.

Karl-Johan Persson verpasst den Erwartungen einen Dämpfer

Er spricht leise, bedächtig. Er macht lange Pausen und trinkt oft aus dem Wasserglas, das auf dem Rednerpult steht. Aus einer Karaffe gießt er immer wieder Wasser nach. Er schaut selbstbewusst in die Runde. Dann kommt der Dämpfer für die Spekulanten. Genauso gelassen wie zuvor sagt Persson: "Wir haben einen langfristigen Blick. Das gilt auch in turbulenten Zeiten."

Die H&M-Aktie fällt innerhalb einer Stunde um zwei Prozent. Statt schneller Gewinne ist Geduld gefragt, und die haben Spekulanten meist nicht.

Fans der Millennium-Trilogie von Lisbeth Salander kennen den noblen Stockholmer Stadtteil Östermalm zumindest aus der Literatur. Hier wohnt auch H&M-Chef Karl-Johan Persson.
Fans der Millennium-Trilogie von Lisbeth Salander kennen den noblen Stockholmer Stadtteil Östermalm zumindest aus der Literatur. Hier wohnt auch H&M-Chef Karl-Johan Persson.
© Norbert Höfler

Nach Persson treten an diesem Tag weitere Führungskräfte der Modekette auf. Es geht um Nachhaltigkeit, Umwelt, faire Löhne. Als die Veranstaltung am Nachmittag zu Ende geht, hat die Aktie fünf Prozent verloren. Die Familie Persson hat innerhalb von nicht mal acht Stunden ihr eigenes Vermögen um rund 500 Millionen Euro geschrumpft.

Am nächsten Tage trifft sich Karl-Johan Persson mit dem stern zum Interview in der Stockholmer Firmenzentrale. Der Weg zum kleinen Konferenzraum führt an der Kantine vorbei. Dort steht ein langer Tisch, der manchmal auch als Catwalk genutzt wird. Persson redet nicht drum herum, den Tag mit den Investoren fand er "gemischt", aber die kurzfristige Reaktion der Börse sei ihm ziemlich egal.

Dem stern sagt er: "Wir haben nicht die Absicht, Anteile zu verkaufen. Die Kurse gehen rauf und runter, das stört uns nicht weiter." H&M existiere seit mehr als 70 Jahren, und das Unternehmen werde es in 100 Jahren auch noch geben.

So redet ein CEO, der weiß, dass er sicher im Sattel sitzt. Über das Verhältnis zu seinem Vater, der dem H&M-Aufsichtsrat vorsteht, und damit der Chef seines Sohnes ist, sagt Karl-Johan Persson: "In der Familie sind wir uns über den Kurs einig. Wir haben eine gute Vater-Sohn-Beziehung, und unsere Zusammenarbeit in der Firma ist professionell. Er ist der Chef des Aufsichtsrates, ich bin Vorstandsvorsitzender und damit für das operative Geschäft zuständig. Wir sprechen offen, und er schont mich auch nicht, nur weil ich sein Sohn bin."

Karl-Johan Persson träumt vom "Tesla der Mode"

Karl-Johan Persson hat sich in den Kopf gesetzt, H&M nach seinem Willen zu verändern. Es sind große Versprechen, die er macht. H&M, so sagt er, soll "der Tesla der Mode" werden. Im Gespräch mit dem stern kündigt er an, schon bald aus alten Kleidern neue machen zu wollen. Er sagt: "Wenn es uns gelingt, Kleidung mit gleicher Qualität zum gleichen Preis aus recyceltem Material zu produzieren, dann haben wir den Kreis geschlossen, dann brauchen wir keine neuen Rohstoffe mehr. Dann können wir ständig neu produzieren und ständig recyceln. Das wäre doch phantastisch. Es wird so kommen."

Ob er zu viel verspricht? Es gibt Zweifel. Die Produktionsketten in der Modeindustrie sind komplex und verflochten. Kontrollen bei den Zulieferern können umgangen werden. Aber Persson versucht es. Wenn nicht die ganz Großen, wer sonst soll den Markt der Wegwerfmode verändern? H&M ist nach Zara, das zum spanischen Inditex-Konzern gehört, der zweitgrößte Händler von günstiger Mode weltweit. Persson sagt: "Konsum ist etwas Gutes, wenn wir den Planeten dabei nicht zerstören."

Karl-Johan Persson ist ein fast scheuer CEO. Wenn möglich, meidet er den großen Auftritt. Bei einer Reise nach Bangladesch setzte er sich bei der Regierung für höhere Mindestlöhne für Textilarbeiter ein. In einer Zeitung stand am nächsten Tag, der H&M-Chef sei nicht aufgetreten wie ein Kapitalist, sondern wie der Vertreter einer NGO, einer Nicht-Regierungs-Organisation.

Affären oder Skandale über ihn sind nicht bekannt. Die Perssons sind mit der schwedischen Königsfamilie eng befreundet. Kronprinzessin Victoria trug zur Hochzeit ihrer Schwester Madeleine ein Kleid von H&M.

Dass Karl-Johan Persson bei H&M Karriere machen würde, war früh klar. Er sei aber nicht von seinem Vater ins Unternehmen gedrängt worden, es habe sich so ergeben, sagt er. Wahr ist, der spätere schwedische Tennisstar Thomas Johansson half bei der Entscheidungsfindung nach, als er bei einem Match den 13-jährigen Persson vom Platz fegte. Bis dahin hatte Karl-Johan noch von einer Karriere als Tennisprofi geträumt. Nach dieser Niederlage führte sein Weg gradlinig ins Management. Er studierte Wirtschaft in London, gründete eine Event-Agentur, die er später verkaufte, jobbte bei H&M an verschiedenen Standorten, erfand das Modelabel COS und rückte schließlich mit 33 Jahren an die Spitze von H&M.

Sein Großvater gründete die Firma, sein Vater baute das Geschäft rasant aus – und nun ist mit Karl-Johan die dritte Generation dran. Der stern fragte ihn: In der Geschichte großer Wirtschaftsdynastien reißt der Erfolgsfaden oft in der dritten Generation ab. Es heißt: Die erste Generation baut auf, die zweite baut aus, die dritte baut ab. Sie sind diese dritte Generation?

Karl-Johan Persson antwortet so: "Für jeden wäre das Management von H&M eine Herausforderung. Ich bin seit 2009 Vorstandsvorsitzender. Bis 2015 lief es phantastisch, und wenn wir uns in zwei oder drei Jahren wiedersehen, wird die Welt von H&M wieder viel besser aussehen."

Und dann folgt noch eine Botschaft an die Spekulanten. Zum Abschied in Stockholm sagt Karl-Johan Persson dem stern: "Als Familie schauen wir nicht jeden Tag auf den Börsenwert der Firma. Unser Zeithorizont ist unendlich."


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