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"Nomaden der Lüfte": Schnattern und Flattern

Es ist ein alter Traum - und im Kino wird er jetzt wahr: Das Natur-Epos "Nomaden der Lüfte" begleitet Zugvögel auf ihren Reisen über Meere, Berge, Eis und Wüsten.

Von Fenja Mens

"Der Junge war so durcheinander, dass er zuerst gar nicht begriff, was um ihn herum geschah. Neben ihm schlugen die mächtigen Schwingen, und das Brausen der Federn hörte sich an wie ein gewaltiger Sturm. Da begriff der Junge, dass das große gewürfelte Tuch, über das sie flogen, die Ebene von Schonen war. Nun genoss er den schnellen Flug durch die frische Luft, und ihm war, als flöge er seinem Kummer davon."

(Aus: "Nils Holgerssons wunderbare Reise" von Selma Lagerlöf)

Da unten die Welt, wie bunt sie ist. Grüngelb die Felder, blau glänzend schlängelt ein Flußband zum Horizont, Herbstwälder fern und rot, wie mit Zimt bestreut. Ab und zu zerreißt ein Schnattern die Ruhe hier oben, sanft rauschen die Flügel. Windschnittig liegen die Kanadagänse in der Luft, die Köpfe vorgestreckt, die Füße nach hinten weggeklappt. Manchmal wenden sie den Kopf und blicken aus dunklen Augen herüber. Sie sind so nah, dass man glaubt, ihnen übers Gefieder streichen zu können. Ein Traum? Ein Film? Nein, ein verfilmter Traum: "Nomaden der Lüfte - das Geheimnis der Zugvögel" nimmt uns mit auf eine faszinierende Reise. Sie führt über Breitengrade und Kontinente, Meere und Berge, Wüsten und arktisches Eis, durch Regen, Sturm und strahlenden Sonnenschein.

So viel Geschnäbel war nie: Eulenschwalme und Rohrdommeln, Haselhühner und Pelikane, Schneegänse und Königspinguine balzen und brüten, tanzen und flattern über die Leinwand, und auch dem, der das Geflügel auf Erden sonst nur in Gestalt von nervigen Tauben oder Backhendeln wahrnimmt, eröffnet das Natur-Epos aus Frankreich einen ganz neuen Blickwinkel - die Vogelperspektive.

Jacques Perrin heißt der Mann, der verantwortlich ist für dieses hochfliegende Projekt, das in seinem Heimatland in sieben Wochen mehr als zwei Millionen Besucher in die Kinos lockte. Drei Jahre haben die Dreharbeiten gedauert, verschlangen 24 Millionen Euro, 50 Länder in allen Ecken der Welt wurden Teil der Piep-Show. Mehr als 150 Menschen wirkten hinter der Kamera mit, Tausende Vertreter von insgesamt 44 Vogelarten flattern, hopsen und segeln davor.

Bereits 1997 hatte sich der heute 60-jährige Perrin, erfolgreicher Schauspieler, Regisseur und TV-Moderator, in den Kopf gesetzt, seinen Kindheitstraum wahrzumachen - wie einst Nils Holgersson mit Zugvögeln durch die Luft zu gleiten. Seine Begeisterung beflügelte viele: Renommierte Wissenschaftler suchten für ihn nach den attraktivsten Nist- und Überwinterungsplätzen und durften sich nach Drehschluss über neue Ornithologie-Erkenntnisse freuen. Beamte von Gesundheits- und Luftfahrtbehörden verschiedener Länder erteilten Sondergenehmigungen.

Der französische Zoll und die Marine halfen mit Schiffen aus. Unternehmen, darunter die Lufthansa, gaben Geld. Vor allem aber: Institute und Nationalparks organisierten Eier, die Perrin in seiner eigens gegründeten Vogelschule ausbrüten und von sorgfältig ausgewählten Ersatzeltern aufziehen ließ. Denn eines war den Filmemachern, die ihre Kameraleute mitten im Schwarm drehen lassen wollten, stets klar: Freiwillig lässt sich kein Vogel beim Fliegen über den Flügel schauen.

Schon gar nicht von Menschen, die in einer knatternden Maschine sitzen. Eine Spezialkonstruktion wurde für den Film gebaut: eine Art Drachen mit Rädern, großem Propeller am Heck und zwei Sitzen. Der Trip in diesen Ultraleichtflugzeugen war eine wackelige Angelegenheit, noch dazu mussten Pilot und Kameramann oft einige hundert Meter hoch hinaus. "Wenn man ohne die Vögel da oben ist", sagt Romain Bianchin, einer von Perrins Vogelvätern, "hat man ein mulmiges Gefühl. Doch mit den Tieren zusammen fühlt man sich frei und sicher, ja unbesiegbar."

Bianchins Brut ließ sich von den Motorengeräuschen nicht stören: Die Vögel hatten das Brummen schon im Ohr, als sie noch im Ei hockten. In drei Jahren wurden rund 800 Tiere in der Vogelschule in Bois Roger, einem kleinen Ort in der Normandie, aufgezogen. Frisch geschlüpft, reagieren Gänse und andere Vogelarten auf die Stimme und das Aussehen der Mutter und folgen ihr, wohin auch immer sie geht. Ebenso unbeirrt wackeln sie aber auch hinter Menschen her, wenn die das Erste sind, was sie außerhalb der Schale erblicken. Die Küken in Bois Roger lernten zunächst, hinter großen Zweibeinern in gelben Regenjacken herzuwuseln, sobald die eine quäkende Hupe drückten. Später brachten sie das Tröten und die "Allez! Allez!"-Rufe der Pflegeeltern dazu, hinter einem Auto oder einem Boot herzufliegen, schließlich folgten sie auch dem Flugzeug.

Auf die Idee mit der Prägung war Perrin gekommen, als er im Fernsehen einen Dokumentarfilm über den Kanadier Bill Lishman sah. Der hatte - wie einst Konrad Lorenz - Küken aufgezogen und die ausgewachsenen Kanadagänse Ende der 80er Jahre mit einem Leichtflugzeug auf eine neue Flugroute geleitet. Perrin war hingerissen von den Amateurbildern aus der Luft. Und beschloss, einen Naturfilm zu drehen. Eine Sinfonie aus Bildern und Musik. Ohne belehrende Kommentare à la Grzimek, denn ein Tierfilm im klassischen Sinne soll "Le peuple migrateur", so der Originaltitel, nicht sein. Eher eine Collage, die den Zuschauer mit einem berauschenden Mix aus Bild und Musik träumen lässt.

Zwei Naturfilme hatte Perrin zuvor gedreht: "Das Volk der Affen" (1989) und sein preisgekröntes Krabbeltier-Spektakel "Mikrokosmos" (1996), für das er abtauchte in die Unterwelt von Saugfüßen und bebenden Fühlern. Unvergessen seine beiden Schnecken, die damals in gemächlicher Leidenschaft ihre Leiber aneinander schmiegten und sich mit durchsichtigen Fühlern befummelten. Oder der unglückliche Marienkäfer, der friedlich auf einem Blatt saß - bis ihn ein Regentropfen in die Luft schleuderte.

Auch Perrins neue Helden wachsen dem Zuschauer ans Herz. Vogelvater Bianchin: "Klar, einen Hund kann man streicheln, mit ihm spielen. Aber mit einem Vogel geht das auch." Und dann fängt der 30-Jährige an zu schwärmen. Von Flaumkügelchen und ihrem herzzerreißendem Tschilpen. Von ausgewachsenen Wildschwänen, die in ihre Babysprache verfallen, sobald sie ihren Vogelvater sehen. Die laut schnatternd angewatschelt kommen, an seinen Schnürsenkeln zupfen und gestreichelt werden wollen wie früher. Vorher hatte der Tierpfleger mit Gorillas gearbeitet und "niemals geahnt, dass man auch zu Vögeln eine so enge Bindung aufbauen kann".

Seine Pflegekinder belehrten ihn eines Besseren. Um sie an seine Stimme zu gewöhnen, las er den Eiern Paulo Coelhos "Der Alchemist" vor. Als die Küken geschlüpft waren, schlief er wochenlang mit ihnen in der Volière. So bekamen die kleinen Schwäne - auf seinem Körper zu einer Flaumkugel zusammengeballt - die zum Gedeihen nötige Wärme. Um seine Babys zu verstehen, musste Bianchin ihre Sprache lernen. Ein Hund wedelt mit dem Schwanz, doch wie zeigt ein Vogel Freude? "Am Schnattern und Hälserecken ist zu erkennen, was sie sagen wollen", erklärt er. Und schließlich konnte man gemeinsam in die Luft gehen.

Mit den Flugzeugen und den Vögeln im Gepäck reiste das Team um die ganze Welt. Einige der Tiere kehrten danach in die Gegenden zurück - meist Naturparks -, aus denen die Eier stammten. Andere leben noch immer mit ihren Vogeleltern in der Normandie, noch immer gibt es täglich einen gemeinsamen Flug mit dem Ultraleichtflugzeug. In Südfrankreich will die Produktionsfirma Galat?e Films bald ein Reservat für ihre Schützlinge schaffen - ein Rentnerparadies für Showveteranen.

Manche Vögel verschwanden allerdings schon während des Drehs auf Nimmerwiedersehen. "Die Enten waren am wenigsten treu. Besonders die Erpel", sagt Perrin. "Kaum waren sie geschlechtsreif und wir flogen zufällig über eine Gruppe wilder Enten, waren sie auch schon im Sturzflug auf Brautschau und wurden nicht mehr gesehen." In Vietnam wäre eine sechsköpfige Schwanen-Clique fast im Kochtopf gelandet. Als sie keine Lust mehr hatten, sich ein achtes Mal bei ihrem Flug über einen See filmen zu lassen, starteten die geflügelten Stars einfach durch und verschwanden. Das Produktionsteam sprang in den Jeep und fand die Ausreißer erst Stunden später wieder: Ein Schwan hing mit zusammengebundenen Füßen an einem Mofa. Ein anderer lag schon auf der Waage auf einem Wochenmarkt.

Einige wild lebende Populationen, so schätzen die 80 Ornithologen, die das Filmprojekt begleiteten, könnten von der Kinokarriere ihrer Verwandten profitieren. Als russische Biologen Kranicheier aus sibirischen Nestern nach Bois Roger brachten, füllten sie die leeren Brutstätten wieder auf - mit Eiern der sehr seltenen Schneekraniche. Die gewöhnlichen Kranich-Eltern sollen ihre Ziehkinder nun auf eine neue Flugroute mitnehmen, die nicht mehr über Afghanistan führt, die übliche Strecke der Schneekraniche. Denn dort werden die Vögel immer wieder abgeschossen.

Auch im Film fallen einige Darsteller dem Menschen zum Opfer: Jäger erlegen ein paar Graugänse. In einer anderen Szene bleibt ein Vogel jämmerlich im Ölschlamm einer Industrieanlage stecken.

Eine Botschaft? Nein, sagt Perrin, die habe sein Film nicht. Er will weder warnen noch die Welt verbessern. "Es gibt schon viel zu viele Botschaften", brummt der Regisseur, "woher wissen wir, welche die richtige ist?" Und schiebt dann doch hinterher: "Wir müssen einfach begreifen, dass die Welt nicht hier zu Ende ist, wo wir leben." Sein Blick wandert zum Fenster. Und dann schaut er eine Weile schweigend in den Himmel.

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