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"Shrek 2": Monstererfolg

"Shrek 2" macht den Anfang: Animationsfilme aus dem Computer setzen in diesem Sommer ihren beispiellosen Siegeszug fort - und läuten gleichzeitig das Ende des klassischen Zeichentrickfilms ein.

Nennen wir ihn Mark. Er war verheiratet, 49, lebte im San Fernando Valley nördlich von Los Angeles, und als seine Frau ihn eines Morgens im September vor drei Jahren fand, den Strick um den Hals, in seinem Zeichenstudio hinter dem Haus, da war er schon seit Stunden tot. Was hat das mit einem grünen, gutmütigen Monster mit Trichterohren, Glatze und gewaltigem Bauch zu tun? Einiges.

Mark war ein talentierter Mensch. Ein begnadeter Zeichner, ein Künstler, wie so viele bei Disney, der Ort, an dem über Jahrzehnte die Besten der Besten an den Zeichentischen arbeiteten und die Fantasie von Generationen von Kindern prägten. Mark konnte es einfach nicht ertragen, dass die Firma ihn nach 25 Jahren vor die Tür setzte. Etwa zu der Zeit, als Mark starb, kam Shrek, das grüne Monster, zur Welt, enterte die Kinosäle, furzte, grunzte, zog sich Schmalz aus den Ohren, baute eine Kerze daraus, und jeder war hingerissen.

"Mark lebte Disney, es war alles für ihn", sagt sein bester Freund Dave Spafford. "Die Zeichner von Disney waren die Könige, keiner durfte sie anfassen, sie hatten unglaubliche Macht. Doch irgendwann riefen sie einen nach dem anderen in ihr Büro und sagten: Montag ist dein letzter Arbeitstag." Die Ära von Stift und Farbe nähert sich ihrem Ende. Unter den zehn erfolgreichsten Animationsfilmen der vergangenen zehn Jahre befinden sich nur drei handgezeichnete Filme, allesamt Disney-Produktionen, darunter "Der König der Löwen" von 1994, der bezeichnenderweise vom kleinen Computerfisch "Nemo" als erfolgreichster Trickfilm aller Zeiten abgelöst wurde.

Der Konzern produzierte zwar vor vier Jahren auch seinen ersten vollständig computeranimierten Film, den beeindruckenden "Disneys Dinosaurier", doch der Unterhaltungsriese hat sich bis heute nicht dazu durchringen können, selber voll auf die neue Technik zu setzen. Das überlassen die Zeichentrick-Könige lieber den Kreativen aus dem Hause Pixar, die sie vertraglich an sich gebunden haben, produzierten weiter mit Stift und Farbe - und leisteten sich die immens teuren Flops "Atlantis Das Geheimnis der verlorenen Stadt" und "Der Schatzplanet".

Es ist ein gut gehütetes Geheimnis, wie viele Zeichner nach dieser Entlassungswelle jetzt noch bei Disney arbeiten. Von 1750 verloren bis Anfang vergangenen Jahres 750 ihren Job; jetzt sprechen ehemalige Disneyleute von noch dramatischeren Zahlen.

Eine Revolution fegt durch Hollywood. Dreiminensionale Computerwesen verdrängen die guten, alten Zeichentrickfiguren. Im kommenden halben Jahr werden die Helden aus dem Rechner in vier großen Produktionen so geballt wie nie zuvor in unseren Kinos auftauchen. "Shrek 2 - Der tollkühne Held kehrt zurück" wird als Erstes zu sehen sein. Es folgt das Unterwassermärchen "Große Haie - kleine Fische". Dann die Kinderbuchverfilmung "Der Polarexpress" und schließlich die Superhelden-Parodie "Incredibles - Die Unglaublichen" von den Schöpfern des grandiosen Fischhelden "Nemo". Gegen diese vier großen Pixel-Produktionen wird es der vorausssichtlich letzte handgezeichnete Film aus dem Hause Disney, "Die Kühe sind los", sehr schwer haben.

Den Anfang macht also "Shrek 2", zu sehen ab dem 1. Juli. Es ist - werden wir ruhig schwärmerisch - ein großartiges, wundervolles, fantastisches Pixel-Märchen, ein Film, der wie eine gewaltige Welle auf Deutschland zurollt: In den USA bricht "Shrek 2" auf fast schon beängstigende Weise Rekorde; so spielte er in nur zwei Wochen die kompletten Kinoeinnahmen der ersten, Oscar-prämierten Folge in Höhe von 267 Millionen Dollar ein und hat längst "Nemo" hinter sich gelassen.

Die 300-Millionen-Dollar-Marke nahm er nach nur 18 Tagen, schneller als je ein Film in den USA. Dort gelang es überhaupt erst 17 Kinoerfolgen, diese Summe zu übertreffen, und so misst sich das grüne Monster im erlesenen Club der Superblockbuster mit Filmen wie "Spiderman" oder "Herr der Ringe". Selbst der erfolgreichste Film aller Zeiten, "Titanic", schaffte in 18 Tagen nicht, was dem grünen Helden aus der seltsamen Gattung der Oger gelang. Bleibt die Frage: Verdammt, was ist bloß dran an diesem Film? Eine Menge. Es ist natürlich kein Kinderfilm. Und doch ein Film für Kinder. Genauso, wie die "Harry Potter"-Abenteuer alle Altersgruppen begeistern, zielt "Shrek" auf Groß und Klein ab. Dessen Macher beweisen, wie perfekt beides zusammenpassen kann. Es wird eben nur an unterschiedlichen Stellen gelacht.

Wenn Shrek stolpert, mit den Augen rollt oder Tiere zu sprechen anfangen, dann reicht das Kindern, um sich zu amüsieren. Die Erwachsenen wiederum erwischt der Film auf einer Ebene, die kein Kind versteht und auch nicht verstehen muss: Man benötigt fast einen Studienabschluss in Popkultur, um all die beiläufigen Anspielungen und ironischen, selten politisch korrekten Seitenhiebe zu verstehen und entwickelt darin sportlichen Ehrgeiz.

Da hängt Pinocchio

waagerecht an seinen Fäden wie Tom Cruise in "Mission Impossible". Oder ein Klavierspieler singt mit rauer Stimme, und ja: Es ist Tom Waits. Auch "Alien" wird untergebracht, ebenso wie "Spider Man", "Ghostbusters" und Justin Timberlake. Fast im Minutentakt prasseln einem die fein gesetzten Gags um die Ohren, natürlich will man den Film ein zweites Mal sehen, um die verpassten filmischen Zitate zu erwischen. Die gesamte Geschichte spielt im Königreich "Far Far Away", das mit seinen Neuschwanstein-Türmen und Dächern von fern aussieht wie, na was wohl? Natürlich: wie das Logo von Disney. Und so ist der gesamte Film nichts anderes als eine liebevolle Verhöhnung von Hollywood und gleichzeitig ein lässiges Muskelspiel gegen den Zeichentrickkonzern.

Disneys filmische Antwort "Die Kühe sind los" wirkt dagegen bestürzend blass und ältlich. Anfang September wird der Zeichentrickfilm sein Glück in unseren Kinos versuchen. In den USA ist er bereits gefloppt, wie so manche Disney-Produktionen der vergangenen Jahre.

Allein mit der Computertechnik ist dies nicht erklärbar. Wenn nur deren Qualität zählte, wäre der große Erfolg der ärmlich gezeichneten "Simpsons" und der Serie "Southpark" nicht denkbar. Es scheint, als ob Disney einfach nicht mehr den richtigen Ton trifft, keine guten Geschichten mehr zu erzählen weiß. Früher war es für begabte Kreative wie Drehbuchautoren das Höchste, bei Disney zu arbeiten. Doch der legendäre Konzern, so scheint es, ist für diese Leute uninteressant geworden.

Heute arbeiten die hellsten Köpfe der Zunft bei Pixar, das mit seinen fünf puren Computerfilmen weltweit fast 2,6 Milliarden Dollar umgesetzt hat und damit das erfolgreichste Filmstudio der Kinogeschichte ist. Und auch bei Dreamworks sind diese Kreativen zu finden, wo sie bereits jetzt Folge drei von "Shrek" entwerfen. Es ist fast schon ein tragischer Gag, der das Zeug hätte, in Shrek aufzutauchen, dass die meisten Schöpfer der neuen Pixelwesen ehemalige Disneyleute sind, deren mitunter exzentrische Kreativität im schwerfälligen Unterhaltungstanker Disney offenbar nicht gewürdigt worden ist.

So begann

der "Nemo"-Erfinder John Lasseter, der begabteste Kopf im Hause Pixar, den einige bereits jetzt für den neuen Walt Disney halten, seine Karriere ebenso bei Disney wie Jeffrey Katzenberg von Dreamworks, der hinter dem letzten großen Disney-Erfolg "König der Löwen" von 1994 stand. Auch Regisseure wie Brad Bird, der "Incredibles - Die Unglaublichen" inszenierte, oder Chris Wedge, der den computeranimierten Film "Ice Age" erschuf, sind ehemalige Disneyleute. Sie haben die DNA von Disney in sich aufgesogen und lehren den Meister nun das Fürchten.

Bislang verdient Disney noch kräftig mit an den Erfolgen von "Nemo", "Toy Story" oder "Die Monster AG" aus dem Hause Pixar, denn der Konzern hat einen Deal mit dem Studio ausgehandelt, der vorsieht, dass sich beide Unternehmen die Gewinne teilen und Disney eine Provision für den Vertrieb der Filme über ihre Tochterfirma Buena Vista erhält. Doch der Vertrag ist befristet bis 2005. Zwei weitere Filme, dann ist Schluss. Und es sieht nicht so aus, als wolle Pixar, der Gigant der computeranimierten Filme, weiterhin mit Disney zusammenarbeiten. Oh Shrek!

Oliver Link
Mitarbeit: Andrew Berg