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"Slumdog Millionär": Das Millionen-Dollar-Wunder

"Slumdog Millionär" ist die Kinoüberraschung des Jahres. Acht Oscars hat das mitreißende Märchen über Liebe, Armut und Hoffnung gewonnen. Dabei sollte Danny Boyles Film eigentlich gar nicht ins Kino kommen.

Von Sylvie-Sophie Schindler

Danny Boyle? Der hat doch "Trainspotting" gemacht. Ein Kultfilm. Und 1996, als die Geschichte über die Drogenszene im schottischen Edinburgh herauskam, wurde heftig diskutiert. In "Trainspotting" gibt es nämlich sehr freizügige Szenen, die zeigen, wie mit Heroin und anderen Drogen hantiert wird. Das war für viele ein Skandal.

Nun ist Regisseur Danny Boyle wieder in den Schlagzeilen. Allerdings aus ganz anderen Gründen. Der 52-Jährige sahnt für seinen neuen Film "Slumdog Millionär" einen Preis nach dem anderen ab. Darunter acht Oscars. Aber wer ist eigentlich dieser Danny Boyle?

Ins Drehbuch verliebt wie in eine Frau

Mit Danny Boyle kann man Pferde stehlen, so der erste Eindruck beim Interview mit stern.de. Das mag abgedroschen klingen, aber nichts trifft es besser, den Briten zu beschreiben. Er macht es einem leicht, ihn zu mögen. Die Augen blicken wach und offen. Danny Boyle lächelt viel, und wenn er laut lacht, hört es sich an, als amüsiere er sich gerade über einen besonders dreckigen Witz. Dass er "Slumdog Millionär" verfilmen wolle, habe er schon gewusst, nachdem er die ersten zehn Seiten des Drehbuchs gelesen habe. "Ich habe mich in die Geschichte verliebt wie in eine Frau", sagt er. "Ich habe dann gar nicht mehr weiter gelesen. Und ich hatte wohl Glück, denn es hätte auch das schrecklichste Drehbuch der Welt sein können."

"Slumdog Millionär" erzählt die Geschichte des Straßenjungen Jamal, der im Armenviertel von Mumbai aufwächst. Als 18-Jähriger schafft er es in die indische Version der TV-Show "Wer wird Millionär?" und kann Frage um Frage richtig beantworten. Doch geht es wirklich mit rechten Dingen zu? Woher hat ein "Slumdog" so viel Wissen? Jamal aber kümmern solche Fragen und das viele Geld, das er gewinnen könnte, wenig. Er hat mit seinem Fernsehauftritt nur eines im Sinn: Er will seine große Jugendliebe Latika wiederfinden. "Natürlich hatte ich auch meine Vorurteile. Doch ich habe schnell gemerkt, dass ich die falschen Bilder im Kopf habe", sagt Danny Boyle über die Dreharbeiten in Indien. Kein einziger Star ist in seinem Film zu finden. Teilweise hat er seine Darsteller auf den Straßen in Mumbai gefunden. "Die Menschen in den Slums sind nicht resigniert. Sie haben viel Hoffnung, viel Optimismus." Und Armut sei kein Thema, über das man offen spreche, so der Filmemacher. "Die größte Beleidigung ist, wenn man Indien mit Afrika vergleicht". So arm seien sie noch lange nicht, heiße es dann: "Wir haben schließlich Bollywood, bei uns werden Filme gemacht".

Direkt auf DVD

Fast hätte es "Slumdog Millionär" gar nicht in die Kinos geschafft. In den USA sollte der Film, der mit einem kleinen Budget von 15 Millionen Dollar gedreht wurde, ursprünglich unter dem Label Warner Independent vertrieben werden. Doch Warner stellte das Label kurz vorher ein. "Da Warner nicht daran glaubte, dass mein Film genug Geld in die Kinokassen spülen wird, wurde beschlossen, 'Slumdog Millionär' nur auf DVD zu veröffentlichen", berichtet Danny Boyle. "Doch ich habe mich davon nicht verrückt machen lassen. Ich weiß, dass alles im Leben richtig ist, wie es geschieht." Die Rettung kam schließlich durch das Studio Fox Searchlight, das vor allem Independent-Produktionen im Programm hat. Warner trat den Kinovertrieb ab, und Fox Searchlight brachte "Slumdog Millionär" zunächst in zehn US-Kinos auf die Leinwand. Die Zuschauer waren begeistert. Die Kopienzahl wurde erhöht, zuletzt auf mehr als 600. "Ein kleines Wunder, vor allem deshalb, weil 29 Prozent der Dialoge auf Hindi gesprochen werden. Und es ist bekannt, dass Amerikaner Untertitel nicht besonders mögen", erzählt Danny Boyle.

Eine der bewegendsten Szenen des Films wurde im Hauptbahnhof von Mumbai gedreht. An einem Ort, der Monate später, Ende November 2008, von Terroristen während einer Anschlagserie angegriffen wurde. "Ich war erschüttert. Durch die Dreharbeiten in Mumbai fühle ich mich auf eine gewisse Art mit den Bewohnern dieser Stadt verwandt", sagt Danny Boyle. Auch bei seinen zukünftigen Filmen sollen Großstädte eine zentrale Rolle spielen: "Ich liebe Städte. Ich will keine Filme mehr über Leute machen, die aus der Stadt flüchten."

Die Interviewzeit ist vorbei. Eine letzte Frage noch, eine persönliche. Ob er an die große Liebe glaube, so wie sie seine Protagonisten Jamal und Latika erleben. "Oh, ja", sagt Danny Boyle und lacht dabei laut, sein bisher lautestes Lachen. Dann verrät er, wie Beziehungen besser funktionieren können: "Sei freundlich zu jedem. Denn jeder, den du triffst, führt einen einsamen großen Kampf." Das habe er bei dem Philosophen Platon gelesen, sagt er.

  • Sylvie-Sophie Schindler