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Eröffnung der Olympischen Spiele: Großbritannien feiert sich selbst

Die können alles, diese Briten: Dieser Eindruck entstand beim Betrachter des Spektakels zum Auftakt der Spiele in London. Ein bisschen eitel war die Show schon.

Von Christian Ewers, London

Die Show hatte noch nicht begonnen, da wurden Wolken durchs Stadion geschoben. Weiße Wattebäuschchen, die mit Gas gefüllt waren, drehten Runde um Runde, an Leinen geführt von jungen Frauen. Wolken nach London zu verfrachten, ist ungefähr so, als trüge man Tauben nach Athen. Es war der erste selbstironische Witz, den sich der Brite Danny Boyle am Freitagabend erlaubte. Boyle führte Regie bei der Eröffnungsfeier der Olympischen Sommerspiele in London. Und dass er was von Humor versteht, weiß man spätestens seit seinem großartigen Film "Trainspotting".

Die Wattewolken hielten dicht und auch der echte Himmel ließ nichts niederregnen auf die 80.000 Zuschauer. Es wurde ein stimmungsvoller Abend. Nicht frei von Pathos, wohl aber frei von politischem Ballast. Die letzten Sommerspiele in Peking wurden beschwert durch das kommunistische Regime, das die Spiele zur Selbstinszenierung nutzte. Die Eröffnungsfeier war Protz, Kraftmeierei, die Botschaft einer Supermacht an den Rest der Welt.

Nur ein paar Klänge der großen Künstler

London war anders. Subtiler, lustiger, ohne das große Sendungsbewusstsein. Die Eröffnungsfeier war eine Feier des Zitats. Großbritannien feierte sich und seine Erfindungen, und meist genügte Regisseur Boyle dafür ein paar Sekunden.

Für die Dauer eines Wimpernschlags schwenkte die Stadionkamera auf Tim Berners-Lee, den Erfinder des Internets. Ein Wimpernschlag für das Internet. So ging es weiter. All die großen Musiker, die Großbritannien hervorgebracht hat in den vergangenen, fünfzig, sechzig Jahren, sie mussten sich mit ein paar Klängen aus ihren Werken begnügen. "My Generation" von The Who – nur der Refrain schaffte es in die Show. "Wonderful Tonight" von Clapton – das markante Riff musste genügen. "Relax" von Frankie Goes to Hollywood – kennt eh jeder, schnell weiter. "Pretty Vacant" von den Sex Pistols – soll Johnny Rotten einmal grölen, next one please.

Ein bisschen eitel

Die Liebe zum Zitat gab der Show eine Leichtigkeit, man wurde nicht belehrt, man wurde bestens unterhalten. Gleichwohl steckte auch ein bisschen Eitelkeit in dieser Zitiererei: Wenn selbst die größten Erfindungen und die größten Songs nur ein paar Sekunden wert sein sollen, dann hat das mitunter auch etwas von einer Leistungsschau. Man fächert mal eben das gesamte kulturelle Erbe eines Landes auf, und beim Zuschauer entsteht der Eindruck: Die können alles, diese Briten.

Boyles Show war nicht plump, und wenn kitschig oder pathetisch zu werden drohte, streute er einen schnell Witz ein. Oder er mogelte Rowan Atkinson ins Bild, bekannt als Mister Bean. Atkinson durfte im Orchester von Simon Rattle mittun und sich nebenbei in der Nase bohren.

Es war ein Abend der schnellen Schnitte im Olympic Stadium, aber er ging lang. Fast drei Stunden dauerte die Show, und am Ende trat Paul McCartney auf und stimmte "Hey Jude" an. Das scheint Danny Boyles Lieblingslied zu sein. McCartney durfte gleich ein paar Strophen singen.

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