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M. Streck: Last Call: Last Call, diesmal wirklich

Nach mehr als fünf Jahren verabschiedet sich unser Kolumnist Michael Streck aus London. Zeit für eine kleine, sehr persönliche Bilanz.

Theresa May und ihr Mann Philip

Genau wie unser Korrespondent räumen auch Theresa May und ihr Mann Philip demnächst in London das Feld. Goodbye!

DPA

Vor ein paar Monaten hatte ich einen dieser Londoner Momente. Ich kam aus dem Kino und hatte den wunderbaren Film "Yesterday" von Danny Boyle und Richard Curtis gesehen. Ich war ziemlich beschwingt und noch nicht mal beschwipst und dachte: Warum haben die Briten diese unerreichte und beneidenswerte Leichtigkeit, die nicht erlernbar ist und offenbar tief in ihren Genen sitzt? 

Darüber also musste ich auf dem Weg zur U-Bahn nachdenken, und während ich so vor mich hindachte, fiel mir eine Episode aus unserer Anfangszeit in London ein. Damals, vom Brexit sprach noch niemand, traf ich den britischen Comedian Eddie Izzard und seinen deutschen Kollegen Michael Mittermaier zum Interview.

Es sollte um Humor gehen und dessen völkerverbindende Kraft. Aber es wurde, man kann es nicht anders sagen: ein Desaster. Das lag ganz gewiss auch an mir. Aber vielleicht auch daran, dass Mittermaier mit teutonischer Verbissenheit darauf bestand, Deutsche seien ebenso lustig und humorvoll wie die Briten, der höfliche Izzard ihn darin bestärkte und die beiden sich hochschaukelten.

Es waren die unlustigsten zwei Stunden in fünf Jahren Großbritannien. Deshalb noch mal zum Mitschreiben: Britischer Humor ist und bleibt unübertroffen allerdings mit einem komplett unlustigen Tiefpunkt, den die Deutschen lieben und die Briten zurecht nicht kennen, den vermeintlich englischen Klamauk "Dinner for One".

Großbritannien: Armut und Verzweiflung Yin und Yang, lachen und weinen

Daran dachte ich in der Bahn und tagträumte ein wenig und grinste vor mich hin, aber dann holte mich die Realität wieder ein an unserer Station in East Finchley, als eine ältere Dame mich ansprach. Sie wollte kein Geld, nur reden und dass ihr jemand zuhört, und sie erzählte von ihrer Wohnung ohne Strom, weil der Scheck vom Sozialamt nicht gekommen war. Sie sprach von den zwei Katzen im Dunkeln. Es war eine im Wortsinn sehr düstere und sehr traurige Geschichte.

Und genau zwischen diesen beiden Polen, so schien mir das an diesem Abend, mäandert das ganze Land. Einerseits diese Lässigkeit und zugleich ein rasanter Anstieg von Armut und Verzweiflung. Yin und Yang. Lachen und weinen.

Am kommenden Dienstag bekommen die Briten einen neuen Premierminister. Er wird aller Voraussicht nach Boris Johnson heißen, und er ist die personifizierte Fortsetzung dieses Gefühls – lachen oder weinen?

Man wird sehen.

So viele Versionen von "Idiot"

Wir kamen im Frühjahr 2014 an in London, als die größte Herausforderung im Königreich noch darin bestand, die Schotten nicht ziehen zu lassen bei ihrem Votum über die Unabhängigkeit, Referendum Teil eins. Das immerhin gelang mit vereinter Anstrengung so gerade eben. Wir wohnten in Kilburn in einer kleinen Wohnung, und meine erste Kolumne handelte von eben dieser Wohnungssuche und wie unverschämt teuer London ist, und daran hat sich bis heute nichts geändert. Wir wurden nächtens ausgeraubt dort, und das Protokoll nahm anderntags ein Polizist auf, der wie Mister Bean aussah und furchtbaren Schnupfen hatte.

Es waren dennoch unbeschwerte Jahre zu Beginn, und davon erzählten die meisten Kolumnen. Ich schrieb über englische Weihnachtsfeiern und hässliche Pullover, die die hiesigen Menschen bei diesen Weihnachtsfeiern tragen. Ich schrieb über mir das bis heute unerklärliche Phänomen, dass Briten offenbar nicht frieren und selbst bei drei Grad und Regen im T-Shirt oder Mini-Rock rumlaufen. Ich schrieb über "Hoden-fressende Killerfische", die sich angeblich auf den Weg nach Schottland machten, da aber glücklicherweise nie angekommen sind. Über skurrile Menschen, die beispielsweise Motorräder lieben und dem Begriff aufs Motorrad steigen eine völlig neue Konnotation verleihen. Ich schrieb über die schönsten englischen Schimpfworte und die wunderbar vielen Synonyme für das simple Idiot: nincompoop, dimwit, dope, dork, dunce, klutz, moron, oaf, numbskull, nitwit, numpty, prat, putz, twerp, twit, jerk oder wally. 

Und irgendwann schrieb ich viel zu viel über reale Idioten und Clowns, von denen einer – falls nicht noch ein Wunder geschieht – nächste Woche in die Downing Street ziehen wird: Boris Johnson, jener Mann, der beim Referendum den Unterschied machte. 40 Stücke widmete ich diesem Herrn, mal ernsthaft, mal weniger, je nach Lage. Das vorerst letzte in der aktuellen Titelgeschichte des stern.

Vielleicht ist es gut, wenn die Briten die EU wirklich verlassen - auf die harte Tour

Es heißt immer, man solle gehen, wenn es am schönsten ist. In unserem Fall stimmt das nicht ganz. Es war zuletzt nicht mehr so schön. Das Land hat sich in den vergangenen Jahren verändert. Die Sprache ist ruppiger, das Klima härter und entschieden nationalistischer. Vielleicht ist es am Ende gut, wenn die Briten die EU wirklich verlassen auf die harte Tour und auf die harte Tour erfahren, was für einer Idiotie sie da aufgesessen sind. Vielleicht ist es ganz gut, dass Johnson Premier wird und auch auf die harte Tour erfahren muss, dass sie ihn in Brüssel durchschaut haben, wo er einst wütete als junger Korrespondent des "Daily Telegraph", die Wahrheit schamlos dehnte und eine anti-europäische Agenda setzte, die ihm nun auf die Füße fallen könnte. 

Nun nach fünfeinhalb Jahren gehen wir zurück nach Deutschland. Mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Wir werden ungeheuer viel vermissen, die bunte Stadt London, so bunt wie außer New York keine auf der Welt. Wir vermissen unsere Tochter in London, die wir immer wieder besuchen werden. Aber eben nur als Besucher. Wir werden Freunde und Kollegen vermissen. Wir werden die Freundlichkeit und Offenheit der Menschen vermissen, das Schlangestehen am Bus, den sanften Regen, die Parks und Gärten, die Exzentriker, die großartige BBC, und natürlich – lieber Michael Mittermaier – den unvergleichlichen britischen Humor.

Abschied aus London: Danke Ihnen, liebe Leser!

Nun heißt es, auch Abschied nehmen von dieser Kolumne. Dieser Last Call, der hundertneunundfünfzigste, falls ich richtig gerechnet habe, was allerdings unwahrscheinlich ist, ist tatsächlich mein Last Call. Ich möchte mich auf diesem Wege bedanken: Bei den Kolleginnen und Kollegen von stern-Online, die meine Stücke betreut, produziert und auf die Seite gehoben haben und geduldig auch meine kleinen, manchmal pedantischen Korrekturen reinflickten.

Ich möchte mich aber vor allem bei Ihnen bedanken, den vielen treuen Leserinnen und Lesern für fünf gemeinsame Jahre, viele aufmunternde Worte und Briefe, für viele Anregungen und Kritik. (Insbesondere @Aine: Versprochen, wir bleiben in Kontakt.)

Ein herzliches Goodbye also. Vielleicht, wer weiß, gibt es im nächsten Jahr ein Wiederlesen.

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mik