"Sophie Scholl - Die letzten Tage" Der NS-Herrschaft mutig die Stirn geboten


Julia Jentsch spielt eine lebensfrohe, emotionale Sophie Scholl, die im Gestapo-Verhör übermenschliche Größe zeigt. Dabei gelingt ihr eine große schauspielerische Leistung.

Die ersten Filmminuten von "Sophie Scholl - Die letzten Tage" wirken sehr vertraut. Die Vervielfältigung von Flugblättern der Weißen Rose im Keller, das Verteilen der Schriften durch Sophie und Hans Scholl in der Münchner Universität, dann die Festnahme durch die Gestapo: Teile von Marc Rothemunds viel gelobtem neuen Film ähneln stark Michael Verhoevens "Die Weiße Rose" aus den Achtzigern. Sie erzählen dieselbe Geschichte, setzten aber unterschiedliche Schwerpunkte.

Rothemund bekam auf der diesjährigen Berlinale den Silbernen Bären für die beste Regie, Julia Jentsch wurde für ihre Darstellung der Sophie Scholl als beste Schauspielerin ausgezeichnet. Sie zeigt eine junge lebensfrohe Frau die zu Schlagern aus dem Radio singt, gerne feiert und dennoch bereit ist, das Leben im Widerstand gegen das Hitler-Regime zu riskieren. Die ständig fürchtet erwischt zu werden und die Wahrheit höher hängt als das eigene Leben. Jentsch spielt gefühlsbetont und macht die Wandlung der 21-Jährigen in ihren sechs letzten Tagen deutlich.

Lebensgefährlicher Einsatz

Wie die Nazis mit Staatsfeinden umgingen, wusste Sophie Scholl ganz genau. Die sechs Flugblätter der Weißen Rose hatten unter anderem von Massenmord in Konzentrationslagern und dem Euthanasieprogramm der Nationalsozialisten berichtet. Darauf stand Hochverrat, Wehrkraftzersetzung und eine lange Liste weiterer Straftaten. Die Arbeit der Weißen Rose war gefährlich, lebensgefährlich.

Besonders das Verteilen der Flugblätter. Sophie und Hans Scholl (Fabian Hinrichs) legen gemeinsam an der Universität ihre Schriften aus. Sie müssen schnell und heimlich arbeiten, doch aus lauter Übermut wirft Sophie einen Stapel Papier von einer Empore hinunter, direkt vor die Füße ihrer Kommilitonen. Das wird ihnen zum Verhängnis: ein Hausmeister beobachtet und denunziert sie. Die Gestapo holt die Geschwister ab.

Auf Basis von echten Verhörprotokollen

Von diesem Punkt an bleibt die Kamera bei Sophie. Das macht den Unterschied zu "Die Weiße Rose" aus. Wie es den anderen Mitgliedern der Widerstandsgruppe ergeht, erfährt man nur aus kurzen Bemerkungen der Geheimpolizisten. Sophie wird von dem Verhörspezialisten Robert Mohr (Alexander Held) befragt. Rothemund und Drehbuchautor Fred Breinersdorfer nutzten die echten Verhörprotokolle, die bis zum Mauerfall in der DDR lagerten und die bislang für keinen Film verwendet wurden. Mit dem Verhör, zweifellos der Höhepunkt von "Sophie Scholl - Die letzten Tage", schlägt die Stunde von Julia Jentsch. Die 26-Jährige, Ensemblemitglied der Münchner Kammerspiele, zeigt hier ihr ganzes Können.

Zunächst leugnet Sophie alle Vorwürfe. Sie habe aus jugendlichem Übermut die Flugblätter von der Empore geworfen ohne zu wissen, was deren Inhalt sei. Mit einer Mischung aus jugendlichem Charme und gespielter Ahnungslosigkeit wickelt sie den Gestapo-Mann Mohr um den Finger. Mohr glaubt ihr, doch dann taucht belastendes Beweismaterial auf. Sophie nimmt nun alle Schuld auf sich. Drei Tage lang wird die Studentin immer wieder verhört, und das verbale Duell gewinnt mehr und mehr an Dramatik und Spannung.

Moral versus Propaganda

Es kommt zu einem Rollentausch: Scholl klagt den Verhörspezialisten an. Die Humanistin fordert Menschlichkeit und Moral. Mohr versteckt sich hinter nationalsozialistischer Propaganda, weicht ihr aus. Dennoch versucht er seine Gefangene vor dem bitteren Ende zu retten. Er fordert Sophie auf, ihre Tat zu bereuen und die Verantwortung auf Hans abzuwälzen - vergeblich.

"Sophie Scholl - Die letzten Tage" ist der Film der Julia Jentsch. Sie drückt dem Ganzen ihren Stempel auf, ohne sich nach vorne zu drängeln. Ihre Scholl hat Leidenschaft und Stärke, zeigt aber auch Schwäche und Verzweiflung. Die Schauspielerin beherrscht die ganze Bandbreite einer Charakterdarstellerin. Dass sie in der gleichen Zeit einen Film drehen konnte und Theater gespielt hat, beweist Ausdauer. Talent hat Jentsch im Übermaß, anwenden kann sie es auch. Von der 26-Jährigen ist noch viel zu erwarten.

Hauke Friederichs


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker