"The Aviator" Es war einmal in Hollywood


Milliardenschwerer Geschäftsmann, Filmmogul, tollkühner Pilot, Frauenheld: Das extravagante Leben von Howard Hughes kann man in The Aviator bald im Kino bestaunen. Mit Leonardo DiCaprio in der Hauptrolle.

Licht! Glamour! Action! Noch hat niemand "The Aviator" gesehen, die rund 110 Millionen Dollar teure Verfilmung der Glanzjahre des extravaganten amerikanischen Tycoons Howard Hughes, aber wir dürfen schon träumen: von der großen, tragischen Geschichte eines Jahrhunderthelden, der alles zu haben schien, Geld, Erfolg und Ruhm, der als Flieger den Himmel stürmte, als Industrieller Milliarden anhäufte und als Filmproduzent mit Hollywood-Diven wie Katharine Hepburn und Ava Gardner verbandelt war.

Obendrein besaß Hughes "das Antlitz eines Dichters und die Schüchternheit eines Schuljungen", wie einst die "New York Times" schrieb - und auf wen träfe das mehr zu als auf Leonardo DiCaprio, der nun diesen amerikanischen Ikarus verkörpert?

"The Aviator" wird zeigen, wie hoch er fliegt - aber nicht mehr Hughes' Taumeln in den Abgrund. Anders als ein klassisches Heldendrama beschränkt sich der Film (Deutschlandstart im Januar) auf die Anfänge, die Jahre von 1928 bis 1946, in denen sich der junge Hughes, mit einem dicken väterlichen Erbe ausgestattet, zunächst in Hollywood tummelt und dann in die Flugzeugindustrie einsteigt. Das Drehbuch charakterisiert ihn als Hasardeur, dem gigantische Beträge zwischen den Fingern zerrinnen, aber eben auch als einen jener Abenteurer, Pioniere und Träumer, die ihre Pläne auf Biegen oder Brechen verwirklichen wollen.

Filme, die wie "The Aviator" von großen Männern der Geschichte erzählen, stehen im Generalverdacht, dass sie das ungeheure Bedürfnis der Vereinigten Staaten nach nationaler Legendenbildung stillen. Nur allzu oft liefern solche "biopics" eine Verklärung der Vergangenheit, in der die Geschichte zur Bestätigung der amerikanischen Auserwähltheit zurechtgestutzt wird: dass die USA nämlich in der Tat das "home of the brave" sind, jene freie, gerechte Heimat der Tapferen, die kühn und gegen alle Widerstände eine bessere Zukunft entwerfen.

Gerade in einer Ära,

in der die Vereinigten Staaten drauf und dran sind, ein neues Empire zu gründen, liegt es nahe, solche Erzählungen zu aktivieren: Denn die Empire-Ambitionen müssen, anders als im Vor-CNN-Zeitalter, vor der Welt legitimiert werden - mit dem Heilsversprechen, die ganze Welt zu einem "home of the brave" zu machen.

Es dürfte darum kein Zufall sein, dass zurzeit in Hollywood-Blockbustern wie "Gladiator", "Troja" und "Alexander" Helden der antiken Imperien beschworen und gehörig amerikanisiert werden. (Auch Leo ist als Titelheld für ein "Alexander der Große"-Projekt engagiert.) Während die antiken Heroen aber vor allem Ehre, Kraft und kriegerische Finesse verkörpern, liefert einer wie Howard Hughes Tüftlertum, Willenskraft und Visionen: kurz, die andere Seite des amerikanischen Helden.

Für die Annahme, dass "The Aviator" einen derartigen Nationalkult betreiben wird, spricht einiges: ein Budget, das nur durch einen Massenerfolg bei den Zuschauern wieder hereingeholt werden kann; die opulente Ausstattung und die Starbesetzung mit Leo, Cate Blanchett (als Katharine Hepburn), Kate Beckinsale (als Ava Gardner) und Jude Law (als Erroll Flynn); Drehbuchautor John Logan, der die Heldenepen "Gladiator" und "The Last Samurai" zu seinen Karrierehöhepunkten zählt; und ein hochgetunter Trailer, der verspricht: "Für manche ist der Himmel die Grenze. Für ihn war er nur der Anfang."

Vor allem aber

gibt zu denken, dass "The Aviator" den Niedergang von Howard Hughes verschweigt: Denn dem wurde der amerikanische Traum, als er sich für ihn erfüllt hatte, zum Gefängnis seines Ichs. In den letzten Jahrzehnten seines Lebens wagte sich Hughes vor lauter Zwangsvorstellungen nicht mehr in die Außenwelt. Nackt, verwahrlost und drogenabhängig vegetierte er bis zu seinem Tod 1976 in Hotelzimmern vor sich hin, ein immer noch mächtiges Kapitalistengespenst, das keine Berührung, kein Licht, keine direkte Ansprache mehr duldete.

Aber, aber, aber ... "The Aviator" ist eben auch ein Film des störrischen Monomanen Martin Scorsese, der in Hollywood nie einen Platz gefunden hat, gerade weil er keine amerikanischen Heldengeschichten erzählen wollte. "Größe" war nie eine Kategorie, die diesen Filmemacher für seine Figuren eingenommen hat; vielmehr hat er ihre inneren und äußeren Zwänge, ihre Skrupellosigkeit, ihre Schuld und ihr unabwendbares Scheitern beim Streben nach Größe aufgezeichnet.

"Seine Helden

sind so weit entfernt vom amerikanischen Traum, wie sie in ihm gefangen sind", schreibt der Filmwissenschaftler Georg Seeßlen, "und sie sind doch insofern durch und durch Amerikaner, als es ihnen unmöglich scheint, einen Verlust zu verarbeiten." Das klingt doch schon weit mehr nach Hughes, jenem im Grunde Einsamen, an sich selbst Gescheiterten, der vom Film und vom Fliegen vielleicht auch deshalb besessen war, weil man nirgendwo sonst besser vom harten Boden der Wirklichkeit abheben kann.

Es könnte daher sein, dass gerade im Glamour Hollywoods, den "The Aviator" sowohl nachstellt wie auch selbst zelebriert, der Jammer des amerikanischen Helden seinen treffendsten Ausdruck findet.

Susanne Weingarten

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