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"Thumbsucker": Moderner Däumling

Die erste Generation der MTV-Clipper tobt sich im Kino aus: Nach Michel Gondrys "The Science of Sleep" startet in dieser Woche eine Geschichte vom Erwachsenwerden von Mike Mills - gewürzt mit vielen Seitenhieben auf die US-Gesellschaft.

Die Idee, einen Film über die Schwierigkeiten des Erwachsenwerdens zu machen, ist keineswegs neu. Doch derart originell wie in der US- amerikanischen Tragikomödie "Thumbsucker" wurde das Thema bisher nur selten auf der Leinwand reflektiert. Lohn dafür waren bereits Jubel und einige Preise auf internationalen Filmfestivals, etwa 2005 in Berlin und Sundance, insbesondere für Titeldarsteller Lou Taylor Pucci in seiner ersten Hauptrolle. Zu recht. Wie auch das Lob für Mike Mills, der mit dieser Adaption des 1999 erschienenen gleichnamigen Romans von Walter Kirn als Drehbuchautor und Regisseur eines abendfüllenden Spielfilms debütiert.

Schon die Ausgangsidee der Geschichte ist originell: Dem 17-jährigen Justin Cobb (Lou Taylor Pucci) soll das Daumenlutschen abgewöhnt werden. Doch das gelingt weder Vater Mike (Vincent Donofrio), einem gescheiterter Footballstar, oder Mutter Audrey (Tilda Swinton) noch Kieferorthopäde Dr. Lyman (Keanu Reeves). Denn Justin versteht "die Alten" nicht, und sie verstehen ihn nicht. Den von allerlei Ängsten angesichts zunehmenden Schulstress schlotternden Knaben interessiert sowieso nur Rebecca (Kelli Garner). Doch die interessiert sich nicht für ihn. Warum, so die Haltung Justins, soll er sich da mit etwas so Läppischem wie der lieb gewordenen Angewohnheit des Daumenlutschens befassen?

Intelligente Tragikkomödie

Die intelligente Tragikomödie fesselt zum einen als Geschichte eines Jugendlichen, der partout nicht den Kinderschuhen entsteigen will, und zum anderen als Satire auf die gängigen Muster netter Familienseligkeit à la George W. Bush. Kritisch beleuchtet werden dazu sowohl der durch eine mangelhafte medizinische Grundversorgung angeheizte Drogenmissbrauch in den USA als auch die Atompolitik Washingtons.

So wie inhaltlich der Spagat zwischen ganz Privatem und großer Politik gelingt, funktioniert auch die stilistische Vielfalt: Regisseur Mike Mills setzt auf eine schöne Mischung aus realitätsbewusster Erzählung, fantasievollen Traumbildern und Satire. Da gesellt sich zum Spaß an der vertrackt-vielschichtigen Geschichte und den durchweg exzellenten schauspielerischen Leistungen auch noch ein ästhetischer Hochgenuss.

Peter Claus/DPA / DPA
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