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"Vineta": Bist du nicht müde?

Mitfiebern à la Tatort: mit "Vineta" gelingt Jungregisseurin Franziska Stünkel ein spannendes Drama über das hochaktuelle Thema Arbeitssucht. Ein cineastischer Glücksfall, großartig besetzt mit Hochkarätern wie Peter Lohmeyer und Ulrich Matthes. Beinahe zu schön für die Leinwand!

Von Sylvie-Sophie Schindler

Passen Sie bloß auf, wie Sie sterben. Wenn Sie sich nämlich nicht zusammen reißen und dabei dämlich anstellen, dann wird Ihnen posthum der Darwin-Award verliehen - ein jährlicher Preis für den spektakulärsten und noch nie da gewesenen Abgang aus dem Diesseits ins Jenseits. Zu dieser seltsamen Ehre kam beispielsweise ein Rechtsanwalt, der einer Besuchergruppe die Stärke der Fensterscheiben eines Wolkenkratzers demonstrieren wollte. Mit Vehemenz warf er sich gegen das Glas, das wider Erwarten zersplitterte - der Mann stürzte 24 Stockwerke tief in den Tod. Unter den Preisträgern findet sich hingegen niemand, der sein Leben durch Karoshi verloren hat, also durch "Tod durch Überarbeitung". Denn, so bizarr und unfassbar es auch ist: dass Menschen sterben, weil sie zuviel arbeiten, es ist längst keine Seltenheit mehr. Zwischen März 2006 und März 2007 starben allein in Japan 355 Berufstätige an Überarbeitung oder erkrankten daran schwer.

Eine Studie über Karoshi-Opfer existiert hierzulande zwar noch nicht, doch gelten in Deutschland rund 25 Prozent der Manager und Freiberufler als krankhaft arbeitssüchtig. Ein Massenphänomen, und doch guckten deutsche Filmemacher bisher kaum hin. Jetzt bringt die Jungregisseurin Franziska Stünkel das Thema mit ihrem ersten Langfilm "Vineta" in die deutschen Kinos. Das spannende Drama wurde bereits auf dem Münchner Filmfest 2006 präsentiert und lief bereits erfolgreich auf Festivals in der ganzen Welt.

Arbeitssucht ist gesellschaftlich anerkannt

Ursprünglich wurde der Plot für die Bühne geschrieben: Der Film ist eine Adaption des mehrfach ausgezeichneten Theaterstücks "Republik Vineta" von Moritz Rinke, der sich in seinen Werken wiederholt mit dem Menschen in dessen Rolle als Arbeitender auseinandersetzt und Franziska Stünkel auch beim Schreiben des Drehbuchs beriet. Auch Experten für das Thema Arbeitssucht hat sich die Hannoveranerin im Entstehungsprozess an ihre Seite geholt. "Mir wurde gesagt, dass Workaholics ähnlich schwer zu therapieren sind wie essgestörte Menschen", erzählt Franziska Stünkel. "Heutzutage ist es doch kaum mehr möglich, einfach abzuschalten. Man nimmt die Arbeit mit nach Hause, Handy und Rechner sind rund um die Uhr angeschaltet."

Der Ausstieg sei für Workaholics auch deshalb so schwer, weil ihre Sucht gesellschaftlich anerkannt sei. "Hart arbeitende Menschen werden bewundert", sagt die Regisseurin. Auch an das schlechte Gewissen werde in der Gesellschaft appelliert. "Angesichts Hartz IV soll sich bloß keiner beschweren, dass er Arbeit hat, egal wie viel." - "Vineta" bietet neben einem intensiven und lange nachhallenden Kinoerlebnis die Chance, sich mit diesem brisanten und hochaktuellem Thema ernsthaft auseinanderzusetzen.

Lauter Hochkaräter am Start

Zu verdanken ist das unter anderem Peter Lohmeyer. Er liefert in der Hauptrolle des besessenen Workaholics Sebastian Färber, der so beängstigend wie bedrohlich wirkt in seiner Besessenheit, mal wieder den Beweis: es gibt in diesem Land, dem Himmel sei Dank, noch A-Klasse- Schauspieler und nicht nur solche, deren Haupttätigkeit darin besteht, zwischen "Wetten, dass..?"-Sofa und Beckmannscher Plauderrunde zu pendeln. Weitere Rollen wurden mit anderen Hochkarätern wie Ulrich Matthes, Justus von Dohnányi, Matthias Brandt und Susanne Wolff besetzt. Sie alle verdichten in ihrem Spiel die Problematik der Arbeitssucht, gesteigert bis zum Exzess.

"Bist du nicht müde?", singt Bela B. von den Ärzten im Abspann nach dem Original von "Wir sind Helden" - der Song wurde für den Film umgetextet und neu eingespielt. Und einer wie der herzkranke und hyperehrgeizige Spitzenarchitekt Sebastian Färber müsste eigentlich zugeben: "Ja, ich bin müde." Er müsste schreien: "Leute, ich kann nicht mehr." Doch egal, wie belastet er ist - erst jüngst kollabierte er während einer Auftragsarbeit für ein Altenheim- er überhört alle Warnungen seines Körpers und nimmt den nächsten Großauftrag an: Auf einer unbewohnten Insel soll die ideale Stadt von morgen konzipiert werden, benannt nach der einst versunkenen und sagenumwobenen Stadt Vineta. Projektleiter Dr. Leonard (Ulrich Matthes) hat dazu ein mehrköpfiges Expertenteam zusammengestellt. Die Rivalen treffen sich in einer entlegenen Villa und konkurrieren verbissen um die Wette - nur der beste Entwurf wird umgesetzt, der zeitliche Rahmen ist eng. Doch was steckt wirklich hinter diesem Vorhaben? Ist der Wettbewerb nur inszeniert? Merkwürdige Dinge passieren, nach einer Partynacht ertrinkt einer der Teilnehmer. Ein Unfall?

Beklemmende Spannung bis zum Schluss - man fiebert mit wie beim "Tatort". Ein bisschen dick aufgetragen wird allerdings die Moral, aber das ist trotzdem gut zu verdauen, denn "Vineta" ist ein echter Glücksfall für den Kinobesucher, der mehr will als filmische 08/15-Kost mit Popcorn und Cola. Wenn Franziska Stünkel, Absolventin der Filmklasse an der FU Hannover, ins Rennen geht, dann gibt es keine halben Sachen. Ihr Anspruch ist Qualität. Stünkel hört genau zu, guckt sich die Welt genau an, alles wird aufgesaugt als sei sie nichts als ein großer Schwamm. Drückt man diesen Schwamm aus, werden Bilder herausgespült, die in ihrer First-Class-Ästhetik beinahe zu schön sind für die kurzen Augenblicke auf der Leinwand. Man wünscht sich eine Stopptaste, zu gerne möchte man sie anhalten, die visuellen Kompositionen, möchte über sie staunen wie über Gemälde in einem Museum. Das Sehen wird zum sinnlichen Erlebnis, etwa wenn blasse Gesichter und das Blau des Computerbildschirms ineinander verschwimmen. Die Regisseurin scheint sehr von Malerei und Fotografie beeinflusst. Kein Wunder: Ursprünglich wollte Franziska Stünkel Fotografie studieren. Ob sie sich selbst für einen Workaholic hält? "Ich sehe das, was ich tue, nicht so verbissen. Ich liebe es einfach", sagt sie.

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kann man sich gegen eine maßnahme vom jobcenter wehren?
hallo. ich bin quasi arbeitsunfähig seit meinem 18ten lebensjahr. ich wiege 200 kg und habe eine betreuung weil ich sonst gar nichts schaffen würde. sie bringt mich zu terminen und begleitet mich zu arzt besuchen. das einzige was ich noch alleine kann ist einkaufen und das auch nur weil es nunmal lebensnotwendig ist ,jedoch bin ich danach total erschöpft und fertig.ich kann keine 200 meter mehr laufen.und mal ganz abgesehen von meiner körperlich verfassung leide ich seit meiner kindheit an starken depressionen,borderline,panikattacken,einer traumatischen belastungsstörung und angstzuständen. ich bin demnach körperlich sowie auch psychisch ziemlich fertig. gestern war ich beim amtsarzt zur begutachtung sowie auch einmal vor 2 jahren. und die ärztin sagt mir ernsthaft,das es zumindest köperlich nicht ausreichen würde das ich weiterhin krank geschrieben werden kann und sagte,das eine maßnahme sicherlich gut sein kann.und das obwohl ich bereits sagte,das ich körperlich unfähig bin irgendwas alleine zu schaffen und ,meine betreuerin mich überallhin begleiten muss.(ich habe kein auto)ich bin vollkommen entsesetzt und habe nun angst das sie mich in eine maßnahme stecvken welche ich einfach nicht schaffe und sie mir dann das minum an geld nehmen welches ich bekomme und ich dann verhungernd und auf der starße leben muss,eben weil es ein ding der unmöglichkeit für mich darstellt.kann man sich da irgendwie wehren?sie sagt sie findet ich sei zu jung um berentet zu werden (28).ich habe gerade wirklich angst.kann man einen menschen zwingen etwas für ihn unmögliches zu tun?ich hab das gefühl die wollen irgendeine quote erfüllen und solange man die arme bewegen kann,ist man arbeitsfähig...hilfe :(
  • Sylvie-Sophie Schindler